Arthur Schopenhauer

1788 - 1860

 
 

 

"Das wörtlich genialste wie ehrlichste aus Deutschland."

 
 

 

 

Den Jünglingen erteile ich den ehrlichen und wohlgemeinten Rat, keine Zeit mit der Kathederphilosophie zu verlieren, sondern statt dessen Kants Werke und auch die meinigen zu studieren. Dort werden sie etwas solides zu lernen finden, das verspreche ich ihnen, und in ihren Kopf wird Licht und Ordnung kommen, so weit er fähig ist, solche aufzunehmen. Es ist nicht wohlgetan, sich um ein klägliches Ende Nachtlicht zu scharen, während strahlende Fackeln zu Gebote stehn; noch weniger aber soll man Irrwischen nachlaufen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 

Überhaupt mache ich die Anforderung, daß wer sich mit meiner Philosophie bekannt machen will, jede Zeile von mir lese. Denn ich bin kein Vielschreiber, kein Kompendienfabrikant, kein Honorarverdiener, Keiner, der mit seinen Schriften nach dem Beifall eines Ministers zielt, mit einem Worte, Keiner, dessen Feder unter dem Einfluß persönlicher Zwecke steht: ich strebe nichts an, als die Wahrheit, und schreibe, wie die Alten schrieben, in der alleinigen Absicht, meine Gedanken der Aufbewahrung zu übergeben, damit sie einst denen zugute kommen, die ihnen nachzudenken und sie zu schätzen verstehen. Eben daher habe ich nur Weniges, dieses aber mit Bedacht und in weiten Zwischenräumen geschrieben, auch demgemäß die, in philosophischen Schriften, wegen des Zusammenhangs, bisweilen unvermeidlichen Wiederholungen, von denen kein einziger Philosoph frei ist, auf das möglich geringste Maß beschränkt, so daß das Allermeiste nur an einer Stelle zu finden ist. Deshalb also darf, wer von mir lernen und mich verstehen will, nichts, das ich geschrieben habe, ungelesen lassen. Beurteilen jedoch und kritisieren kann man mich ohne dieses, wie die Erfahrung gezeigt hat; wozu ich denn auch ferner viel Vergnügen wünsche.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 

 

 
 

Wenn ein Mensch so wie ich geboren ist, bleibt von Außen nur dies Eine zu wünschen, daß er soviel als möglich seine ganze Lebenszeit hindurch, und jeden Tag und jede Stunde er selbst sein und seinem Geiste leben könne.
Aber schwer ist die Erfüllung dieser Forderung in einer Welt, wo des Menschen Loos und Bestimmung ganz andere sind, wo zwischen Armut, die uns alle freie Muße nimmt, und Reichtum, der auf jede Weise sie zu verderben und uns abzuziehen trachtet, wie zwischen Scylla und Charybdis durchzusteuern ist. Von der Natur bestimmt ist des Menschen Loos: Tages Arbeit, Nachts Ruhe und wenig Muße, und des Menschen Glück: Weib und Kind, die sein Trost sind im Leben und Sterben. Wo aber eine abnorme Beschaffenheit große geistige Bedürfnisse, und mit diesen die Möglichkeit großer geistiger Genüsse herbeigeführt, da wird freie Muße zur Hauptbedingung des Glücks, für welche sodann dem normalen Menschenglück durch Weib und Kind willig entsagt wird. Das Individuum dieser Art gehört einer andern Sphäre an. Allein zur Befriedigung dieser veränderten Forderung sind äußere Umstände der Art, wie sie schon sehr selten eintreten, die Bedingung. Hier muß ein günstiges Schicksal walten, um einer außerordentlichen Natur außerordentliche Umstände zu bereiten. Da tritt denn ein, was der neunzigjährige Knebel in Erfahrung gebracht hat: daß in dem Leben der meisten Menschen sich ein gewisser Plan findet, der durch die eigene Natur sowohl als durch die Umstände, die sie führen, ihnen gleichsam vorgezeichnet ist; die Zustände ihres Lebens mögen noch so abwechselnd und veränderlich sein, es zeigt sich doch am Ende ein Ganzes, das unter sich eine gewisse Übereinstimmung bemerken läßt. Die Hand eines bestimmten Schicksals, so verborgen sie auch wirken mag, zeigt sich: sie mag nun durch äußere Wirkung oder innere Regung bewegt sein; ja widersprechende Gründe bewegen sich oft in ihrer Richtung.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Die Philosophie nach dem Willen der Machthaber modeln und sie zum Werkzeuge ihrer Pläne machen, um dafür Geld und Ämter zu erlangen, - kommt mir vor, wie wenn Einer zur Kommunion geht, um seinen Hunger und Durst zu stillen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

In einer so durchweg gemeinen Welt wird notwendig jedes Ungemeine sich isolieren und hat es auch getan. Je mehr man sich der Gesellschaft der Menschen entschlagen kann, desto besser befindet man sich. Wie der Hungrige ein uneßbares oder gar giftiges Kraut stehen läßt, so muß es, wer das Bedürfnis der Gesellschaft fühlt, mit den Menschen, wie sie sind, machen. Ein seltenes und großes Glück ist es daher, an sich selber so viel zu besitzen, daß man nicht durch Überdruß seiner Selbst und durch Langeweile getrieben wird, die Gesellschaft der Menschen zu suchen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Was wir auch thun, der Anteil am Irdischen ist nicht zu vertilgen; nicht zu töten die Sorge und die Hoffnung auf dies, auf jenes, sie regen sich immer von neuem. Nur das muß man erzwingen, daß man keiner Sache sich ganz hingibt, daß keine unsere Gedanken so ganz einnehme, daß wir alles darauf beziehen. Man muß sich nicht zu gemein mit den Sorgen, den Hoffnungen, den Betrübnissen und den Freuden machen; es gilt von ihnen, was Martial von den Freunden sagt: mache dich mit Keinem zu vertraut; du wirst weniger Freuden, aber auch weniger zu leiden haben. Und da wir von dem Anteil an unserm persönlichen Ich uns nie ganz befreien können, zugleich aber wissen, daß wir nie wahre Freuden aus ihm erhalten können, wohl aber Störung der wahren Freude, so müssen wir suchen, es so wenig wie möglich in die Händel der Welt zu mischen, so wenig wie möglich äußeres Leben führen, nicht die Genüsse vermehren, sondern die Bedürfnisse verringern zu wollen, nicht Schauspieler, sondern Zuschauer zu sein.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Das Aechte und ernstlich Gemeinte geht stets langsam seinen Gang und erreicht sein Ziel; freilich fast wie durch ein Wunder: denn bei seinem Auftreten wird es in der Regel kalt, ja, mit Ungunst aufgenommen, ganz aus demselben Grunde, warum auch nachher, wann es in voller Anerkennung und bei der Nachwelt angelangt ist, die unberechenbar große Mehrzahl der Menschen es allein auf Autorität gelten läßt, um sich nicht zu kompromittieren, die Zahl der aufrichtigen Schätzer aber immer fast noch so klein bleibt, wie am Anfang. Dennoch vermögen diese Wenigen es in Ansehn zu halten, weil sie selbst in Ansehn stehn. Sie reichen es nun von Hand zu Hand, über den Köpfen der unfähigen Menge einander zu, durch die Jahrhunderte. So schwierig ist die Existenz des besten Erbteils der Menschheit.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Schon in früher Jugend habe ich an mir bemerkt, daß, während ich alle Anderen nach äußeren Gütern streben sah, ich mich nicht darauf zu richten hätte, weil ich einen Schatz in mir trug, der unendlich mehr Wert hatte, als alle äußeren Güter, und daß es nur darauf ankäme, diesen Schatz zu heben, wozu geistige Ausbildung und volle Muße, mithin Unabhängigkeit die ersten Bedingungen waren. Das Bewußtsein hiervon, im Anfang dunkel und dumpf, wurde mir mit jedem Jahre deutlicher, und war alle Zeit hinreichend, mich vorsichtig und ökonomisch zu machen, nämlich meine Sorgfalt auf die Erhaltung meiner Selbst und meiner Freiheit zu richten, nicht auf irgend ein äußeres Gut. Der Natur und dem Rechte des Menschen entgegen habe ich meine Kräfte dem Dienste meiner Person und der Förderung meines Wohlseins entziehen müssen, um sie dem Dienste der Menschheit zu schenken. Mein Intellekt hat nicht mir, sondern der Welt angehört. Die Empfindung dieses Ausnahmezustandes und der durch ihn herbeigeführten schweren Aufgabe, zu leben ohne meine Kräfte für mich selbst zu verwenden, hat mich stets gedrückt und noch besorglicher und ängstlicher gemacht, als ich schon von Natur war; aber ich habe es durchgeführt, die Aufgabe gelöst, meine Mission vollbracht. Aus diesem Grunde bin ich auch berechtigt gewesen, sorgfältig darauf zu wachen, daß mir die Stütze meines väterlichen Erbteils, die mich so lange hat tragen müssen und ohne welche die Welt nichts von mir gehabt hätte, auch im Alter bleibe. Kein Amt in der Welt, keine Minister- oder Gouverneurstelle hätte mich entschädigen können für meine freie Muße, wie sie mir von Haus aus oktroyiert worden war.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Mein Erbteil ist mir ein geweihter Schatz, der mir nur anvertraut ist, um die mir von der Natur gestellte Aufgabe zu lösen, um für mich und die Menschheit das sein zu können, wozu sie mich bestimmt hat, ein Freibrief, ohne den ich für die Menschheit nutzlos sein und vielleicht die elendeste Existenz haben würde, die jemals ein Mensch meiner Art gehabt hat.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Wer ohne Erwerb ist, hat keine festen Wurzeln auf Erden, ein Sturm kann ihn umwerfen - ich muß deshalb allein stehen. Das Wagnis, mit einem kleinen Vermögen ohne Arbeit zu leben, kann nur im Cölibat durchgeführt werden. Der Verlust der freien Verfügung über meine eigne Person ist ein weit größeres Übel als der Vorteil, der mir aus dem Gewinn einer andern erwachsen kann. Auch ist es schlechterdings unmöglich, daß ich mit einem Weibe glücklich wäre, das nicht glücklich mit mir ist. Da ich nun hauptsächlich in meiner Gedankenwelt lebe, Gesellschaft und Lustbarkeiten nicht liebe, überdies nicht immer in guter Laune bin, so ist wenig Hoffnung vorhanden, daß sich ein Weib mit mir glücklich fühlen wird.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Zu allen Zeiten hat es bei den gebildeten Nationen eine Art natürlicher Mönche gegeben, Leute, die, im Bewußtsein überwiegender Geisteskräfte, die Ausbildung und Übung derselben jedem anderen Gut vorzogen und daher ein contemplatives, geistig tätiges Leben führten, dessen Früchte nachmals der Menschheit zu Gute kamen. Sie entsagten demgemäß dem Reichtum, dem Erwerb, dem irdischen Ansehn, dem Besitz eigener Familie: so bringt es das Compensationsgesetz mit sich. Dem Range nach die vornehmste Klasse der Menschheit, durch deren Anerkennung sich jeder selbst ehrt, entsagen sie der gemeinen Vornehmigkeit mit einer gewissen äußern Demut, welche der der Mönche analog ist. Die Welt ist ihr Kloster, ihre Einsiedelei. Was Einer dem Andern sein kann, hat seine sehr engen Grenzen: am Ende ist und bleibt doch Jeder allein. Und nun kommt es darauf an, wer allein ist. Wenn ich ein König wäre, so würde meiner selbst wegen kein Befehl so oft und so nachdrücklich gegeben werden als: Laßt mich allein! Meinesgleichen sollten unter der Illusion leben, auf einem verödeten Planeten der einzige Mensch zu sein, der nun aus der Not eine Tugend macht. Die meisten merken auch bei der ersten Bekanntschaft mit mir, daß sie mir und ich ihnen nichts sein kann. Im Besitz eines höheren Grads von Bewußtsein, also eines höheren Daseins, ist, sich dem Genuß desselben rein und unverkümmert zu erhalten, und zu diesem Zwecke nichts darüber hinaus zu prätendieren, meine Lebensweisheit. Man hat sonach viel gewonnen, wenn man durch Alter und Erfahrung endlich eine vue nette von der gänzlichen moralischen und intellektuellen Erbärmlichkeit der Menschen im Allgemeinen erhalten hat, weil man nun nicht mehr versucht wird, sich mit ihnen weiter als nötig einzulassen, nicht mehr beständig in einem Kampf lebt, welcher dem zwischen dem Durst und einer widerlichen Tisane gleicht, nicht mehr sich verleiten läßt, sich selbst Illusion zu machen und die Menschen sich zu denken, wie man sie wünscht, sondern stets vor Augen behalte, wie sie sind.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Von der Gelehrten-Republik ist oft die Rede, aber nicht von der Genialen-Republik. In dieser geht es so zu: - ein Riese ruft dem andern zu, durch den öden Zwischenraum der Jahrhunderte, ohne daß die Zwergenwelt, welche darunter wegkriecht, etwas mehr vernähme als Getön, und mehr verstände, als daß überhaupt etwas vorgeht. Und wiederum dies Gezwerge treibt da unten unaufhörliche Possen und macht großen Lärm, schleppt sich mit dem, was Jene haben fallen lassen, proklamiert Heroen, die selbst Zwerge sind, u. a. m., wovon jene Riesengeister sich nicht stören lassen, sondern ihr hohes Geistergespräch fortsetzen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Lerne die ganze Erbärmlichkeit der Menschen überhaupt, dann die deines Zeitalters, und der deutschen Gelehrten insbesondere recht deutlich und im Zusammenhange begreifen; dann wirst du nicht mit deinem Werke in der Hand stehn und fragen: Ist das Menschengeschlecht verrückt oder bin ich's.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


So wenig als möglich zu wollen und so viel als möglich zu erkennen, ist die leitende Maxime meines Lebenslaufs gewesen; denn der Wille ist das durchweg Gemeine und Schlechte in uns: man soll ihn verbergen wie die Genitalien, obgleich beide die Wurzel unseres Wesens sind. Mein Leben ist ein heroisches, das nicht mit dem Philistermaß oder der Krämerelle zu messen ist, noch überhaupt nach dem Maßstab, welcher für das der gewöhnlichen Menschen gehört, die kein anderes Dasein haben, als das des auf die kurze Spanne Zeit beschränkten Individuums; ich darf mich also nicht dadurch betrüben, daß ich bedenke, wie mir abgeht, was zu einem regelmäßigen Lebenslaufe des Individuums gehört, Amt, Haus, Hof, Weib und Kind. Ihr Dasein geht in dergleichen auf; mein Leben aber ist ein intellektuelles, dessen ungehinderter Fortgang und ungestörte Wirksamkeit in den wenigen Jahren der vollen Geisteskraft und ihrer freien Anwendung Früchte tragen muß, Jahrhunderte der Menschheit zu bereichern.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Verschwindet der an die Sprachen gebundene Geist der Alten aus dem gelehrten Unterricht; dann wird Roheit, Platteit und Gemeinheit sich der ganzen Literatur bemächtigen. Denn die Werke der Alten sind der Nordstern für jedes künstlerische oder literarische Streben: geht der euch unter, so seid ihr verloren. Schon jetzt merkt man an dem jämmerlichen und läppischen Stil der meisten Schreiber, daß sie nie Latein geschrieben haben. Sehr passend nennt man die Beschäftigung mit den Schriftstellern des Altertums Humanitätsstudien: denn durch sie wird der Schüler zuvörderst wieder ein Mensch, indem er eintritt in die Welt, die noch rein war von allen Fratzen des Mittelalters und der Romantik, welche nachher in die europäische Menschheit so tief eindrangen, daß auch noch jetzt jeder damit betüncht zur Welt kommt und sie erst abzustreifen hat, um nur zuvörderst wieder ein Mensch zu werden. Denkt nicht, daß eure moderne Weisheit jene Weihe zum Menschen je ersetzen könne: ihr seid nicht, wie Griechen und Römer, geborene Freie, unbefangene Söhne der Natur. Ihr seid zunächst die Söhne und Erben des rohen Mittelalters und seines Unsinns, des schändlichen Pfaffentrugs und des halb brutalen, halb geckenhaften Ritterwesens. Geht es gleich mit beiden jetzt allgemach zu Ende, so könnt ihr darum doch noch nicht auf eigenen Füßen stehen. Ohne die Schule der Alten wird eure Literatur in gemeines Geschwätze und platte Philisterei ausarten.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Tempel und Kirchen, Pagoden und Moscheen, in allen Landen, aus allen Zeiten, in Pracht und Größe, zeugen vom metaphysischen Bedürfnis des Menschen, welches, stark und unvertilgbar, dem physischen auf dem Fuße folgt. Freilich könnte, wer satirisch gelaunt ist, hinzufügen, daß dasselbe ein bescheidener Bursche sei, der mit geringer Kost vorlieb nehme. An plumpen Fabeln und abgeschmackten Märchen läßt er sich bisweilen genügen: wenn nur früh genug eingeprägt, sind sie ihm hinlängliche Auslegungen seines Daseins und Stützen seiner Moralität.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Wenn irgend etwas auf der Welt wünschenswert ist, so wünschenswert, daß selbst der rohe und dumpfe Haufen, in seinen besonneneren Augenblicken, es höher schätzen würde, als Silber und Gold; so ist es, daß ein Lichtstrahl fiele auf das Dunkel unsers Daseins und irgend ein Aufschluß uns würde über diese Rätselhafte Existenz, an der nichts klar ist, als ihr Elend und ihre Nichtigkeit.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Religionen sind dem Volke notwendig, und sind ihm eine unschätzbare Wohltat. Wenn sie jedoch den Fortschritten der Menschheit in der Erkenntnis der Wahrheit sich entgegenstellen wollen, so müssen sie mit möglichster Schonung beiseite geschoben werden und zu verlangen, daß sogar ein großer Geist - ein Shakespeare, ein Goethe - die Dogmen irgend einer Religion impliciter, bona fide et sensu proprio zu seiner Überzeugung mache, ist wie verlangen, daß ein Riese den Schuh eines Zwerges anziehe.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Eine gegebene Philosophie hat keinen anderen Maßstab ihrer Schätzung, als den der Wahrheit - übrigens ist die Philosophie wesentlich Weltweisheit; ihr Problem ist die Welt: mit dieser allein hat sie es zu tun und läßt die Götter in Ruhe, erwartet aber dafür, auch von ihnen in Ruhe gelassen zu werden.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Zeitdienerei läßt sich zur Not in jedem Kleide entschuldigen, in der Kutte und dem Hermelin, nur nicht im Tribonion, dem Philosophenmantel: denn wer diesen anlegt, hat zur Fahne der Wahrheit geschworen, und nun ist, wo es ihren Dienst gilt, jede andere Rücksicht, auf was immer es auch sei, schmählicher Verrat. Darum ist Sokrates dem Schierling und Bruno dem Scheiterhaufen nicht ausgewichen. Jene aber kann man mit einem Stück Brod seitabwärts locken. Ob sie so kurzsichtig sind, daß sie nicht dort, schon ganz in der Nähe, die Nachwelt sehn, bei der die Geschichte der Philosophie sitzt und unerbittlich, mit ehernem Griffel und fester Hand, in ihr unvergängliches Buch zwei bittere Zeilen der Verdammung schreibt? oder ficht sie das nicht an?
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Freilich, wer mit dieser nackten Schönheit, dieser lockenden Sirene, dieser Braut ohne Aussteuer buhlt, der muß dem Glück entsagen, ein Staats- und Katheder-Philosoph zu sein. Er wird, wenn er es hoch bringt, ein Dachkammer-Philosoph. Allein dagegen wird er, statt eines Publikums von erwerblustigen Brotstudenten, eines haben, das aus den seltenen, auserlesenen, denkenden Wesen besteht, die spärlich ausgestreut unter der zahllosen Menge, einzeln im Laufe der Zeit, fast wie ein Naturspiel erscheinen. Und aus der Ferne winkt eine dankbare Nachwelt. Aber die müssen gar keine Ahnung davon haben, wie schön, wie liebenswert die Wahrheit sei, welche Freude im Verfolgen ihrer Spur, welche Wonne in ihrem Genusse liege, die sich einbilden können, daß wer ihr Antlitz geschaut hat, sie verlassen, sie verleugnen, sie verunstalten könnte, um jener ihren prostituierten Beifall, oder ihre Ämter, oder ihr Geld, oder gar ihre Hofratstitel.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Viele Millionen, zu Völkern vereinigt, streben nach dem Gemeinwohl, jeder Einzelne seines eigenen wegen; aber viele Tausende fallen als Opfer für dasselbe. Bald unsinniger Wahn, bald grübelnde Politik, hetzt sie zu Kriegen aufeinander: dann muß Schweiß und Blut des großen Haufens fließen, die Einfälle Einzelner durchzusetzen, oder ihre Fehler abzubüßen. Im Frieden ist Industrie und Handel tätig, Erfindungen tun Wunder, Meere werden durchschifft, Leckereien aus allen Enden der Welt zusammengeholt, die Wellen verschlingen Tausende. Alles treibt, die Einen sinnend, die Andern handelnd, der Tumult ist unbeschreiblich. - Aber der letzte Zweck von dem Allen, was ist er? Ephemere und geplagte Individuen eine kurze Spanne Zeit hindurch zu erhalten, im glücklichsten Fall mit erträglicher Not und komparativer Schmerzlosigkeit, der aber auch sogleich die Langeweile aufpaßt; sodann die Fortpflanzung dieses Geschlechts und seines Treibens. - Bei diesem offenbaren Mißverhältnis zwischen der Mühe und dem Lohn erscheint uns von diesem Gesichtspunkt aus der Wille zum Leben objektiv genommen als ein Thor, oder subjektiv als ein Wahn, von welchem alles Lebende ergriffen, mit äußerster Anstrengung seiner Kräfte auf etwas hinarbeitet, das keinen Wert hat. Allein bei genauerer Betrachtung werden wir auch hier finden, daß er vielmehr ein blinder Drang, ein völlig grundloser unmotivierter Trieb ist.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Das größte der Übel, das Schlimmste, was überall gedroht werden kann, ist der Tod, die größte Angst Todesangst. Nichts reißt uns so unwiderstehlich zur lebhaftesten Teilnahme hin, wie fremde Lebensgefahr; nichts ist entsetzlicher, als eine Hinrichtung. Die hierin
hervortretende grenzenlose Anhänglichkeit an das Leben kann nun aber nicht aus der Erkenntnis und Überlegung entsprungen sein; vor dieser erscheint sie vielmehr töricht; da es um den objektiven Wert des Lebens sehr mißlich steht, und wenigstens zweifelhaft bleibt, ob dasselbe dem Nichtsein vorzuziehen sei, ja, wenn Erfahrung und Überlegung zum Worte kommen, das Nichtsein wohl gewinnen muß. Klopfte man an die Gräber und fragte die Toten, ob sie wieder aufstehen wollten, sie würden mit den Köpfen schütteln.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um jede von welchen etwan ein Dutzend kleinerer, beleuchteter sich wälzt, die inwendig heiß, mit erstarrter kalter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat; - dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt. Jedoch ist es für ein denkendes Wesen eine mißliche Lage, auf einer jener zahllosen im grenzenlosen Raum frei schwebenden Kugeln zu stehen, ohne zu wissen woher noch wohin, und nur Eines zu sein von unzählbaren ähnlichen Wesen, die sich drängen, treiben, quälen, rastlos und schnell entstehend und vergehend, in anfangs- und endloser Zeit: dabei nichts Beharrliches, als allein die Materie und die Wiederkehr derselben, verschiedenen, organischen Formen, mittelst gewisser Wege und Kanäle, die nun einmal da sind. Alles was empirische Wissenschaft lehren kann, ist nur die genauere Beschaffenheit und Regel dieser Hergänge.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Ganz recht! Jeder hat, unabhängig von Dem, was er wirklich und an sich ist, eine Rolle zu spielen, die von außen das Schicksal ihm aufgelegt hat, indem es seinen Stand, seine Erziehung und seine Verhältnisse bestimmte. Die Nutzanwendung, die mir die nächstliegende scheint, ist, daß man im Leben, wie auf der Bühne, den Schauspieler von seiner Rolle unterscheiden soll; also den Menschen als solchen von dem was er vorstellt, von der Rolle, die Stand und Verhåltnisse ihm aufgelegt haben. Wie nun oft der schlechteste Schauspieler den König, der beste den Bettler macht; - so kann es auch im Leben geschehn, und Roheit ist es auch hier, den Schauspieler mit seiner Rolle zu verwechseln.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Ein Bösewicht kann einen gewaltigen Intellekt haben, aber er kann ihn nur auf das richten, was irgendwie Beziehung auf seinen Willen hat: er kann daher ein großer Feldherr, Staatsmann usw. sein: er kann Talent haben. Das Wort bedeutet ursprünglich Geld und bezeichnet die Fähigkeiten, durch welche man den Beifall der Menge und folglich Geld erwirbt.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Man kann überall in der Welt und in allen Verhältnissen nur durch Macht und Gewalt etwas durchsetzen: die Gewalt aber befindet sich meistens in schlechten Händen; weil überall die Schlechtigkeit in furchtbarer Majorität ist.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Es ist als ob sie daran verzweifelten, mittelst ihrer Schriften eine Spur ihres Daseins zu hinterlassen, und daß sie daher eine solche der Sprache eindrücken wollen, durch Verhunzung derselben. Daran arbeiten sie einmütig. - Das Schlimmste bei der Sache ist, daß allgemach eine junge Generation heranwächst, welche, da sie stets nur das Neueste liest, schon kein anderes Deutsch mehr kennt, als diesen verrenkten Jargon des impotenten, nämlich durch Hegel kastrierten Zeitalters im langen Bart, welcher, weil es nichts Besseres zu tun weiß, sich ein Gewerbe daraus macht, die deutsche Sprache zu demolieren.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Die Religion hat 1800 Jahre lang der Vernunft einen Maulkorb angelegt.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Der Hauptpunkt in der Erziehung wäre, daß die Bekanntschaft mit der Welt, deren Erlangung wir als den Zweck aller Erziehung bezeichnen können, vom rechten Ende angefangen werde. Dies aber beruht hauptsächlich darauf, daß in jeder Sache die Anschauung dem Begriffe vorhergehe.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Dem deutschen Volke ist sein Geteiltsein in viele Stämme, die unter eben so vielen, wirklich regierenden Fürsten stehn, mit einem Kaiser über Alle, der den Frieden im Innern wahrt und des Reiches Einheit nach Außen vertritt, natürlich; weil aus seinem Charakter und seinen Verhältnissen hervorgegangen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Es ist geratener, seinen Verstand durch das, was man verschweigt, an den Tag zu legen, als durch das, was man sagt. Ersteres ist Sache der Klugheit, Letzteres der Eitelkeit.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Ein aus vollkommner Gesundheit und glücklicher Organisation hervorgehendes, ruhiges und heiteres Temperament, ein klarer, lebhafter, eindringender und richtig fassender Verstand, ein gemäßigter, sanfter Wille und demnach ein gutes Gewissen, dies sind Vorzüge, die kein Rang oder Reichtum ersetzen kann. Denn was einer für sich selbst ist, was ihn in die Einsamkeit begleitet und was Keiner ihm geben, oder nehmen kann, ist offenbar für ihn wesentlicher, als Alles, was er besitzen, oder auch was er in den Augen Anderer sein mag. Ein geistreicher Mensch hat, in gänzlicher Einsamkeit, an seinen eigenen Gedanken und Phantasien vortreffliche Unterhaltung, während von einem Stumpfen die fortwährende Abwechslung von Gesellschaften, Schauspielen, Ausfahrten und Lustbarkeiten, die marternde Langeweile nicht abzuwehren vermag. Ein guter, gemäßigter, sanfter Charakter kann unter dürftigen Umständen zufrieden sein; während ein begehrlicher, neidischer und böser es bei allem Reichtum nicht ist. Nun aber gar dem, welcher beständig den Genuß einer außerordentlichen, geistig eminenten Individualität hat, sind die Meisten der allgemein angestrebten Genüsse ganz überflüssig, ja, nur störend und lästig.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

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Um überhaupt von der wahren und sehr traurigen Beschaffenheit der Menschen, wie sie meistens sind, das so nötige, deutliche und gründliche Verständnis zu erlangen, ist es überaus lehrreich, das Treiben und Benehmen derselben in der Literatur als Kommentar ihres Treibens und Benehmens im praktischen Leben zu gebrauchen. Dies ist sehr dienlich, um weder an sich, noch an ihnen irre zu werden. Dabei aber darf kein Zug von besonderer Niederträchtigkeit oder Dummheit, der uns im Leben oder in der Literatur aufstößt, uns je ein Stoff zum Verdruß und Ärger, sondern bloß zur Erkenntnis werden, indem wir in ihm einen neuen Beitrag zur Charakteristik des Menschengeschlechts sehn und demnach ihn uns merken. Alsdann werden wir ihn ungefähr so betrachten, wie der Mineralog ein ihm aufgestoßenes, sehr charakteristisches Spezimen eines Minerals. - Ausnahmen gibt es, ja, unbegreiflich große, und die Unterschiede der Individualitäten sind enorm: aber, im ganzen genommen, liegt, wie längst gesagt ist, die Welt im argen: die Wilden fressen einander, und die Zahmen betrügen einander, und das nennt man den Lauf der Welt. Was sind denn die Staaten, mit aller ihrer künstlichen, nach außen und nach innen gerichteten Maschinerie und ihren Gewaltmitteln anders, als Vorkehrungen, der grenzenlosen Ungerechtigkeit der Menschen Schranken zu setzen? Sehn wir nicht in der ganzen Geschichte, jeden König, sobald er feststeht, und sein Land einiger Prosperität genießt, diese benützen, um mit seinem Heer, wie mit einer Räuberschar, über die Nachbarstaaten herzufallen? sind nicht fast alle Kriege im Grunde Raubzüge? Im frühen Altertum, wie auch zum Teil im Mittelalter, wurden die Besiegten Sklaven der Sieger, d. h. im Grunde, sie mussten für diese arbeiten: dasselbe müssen aber die, welche Kriegskontributionen zahlen: sie geben nämlich den Ertrag früherer Arbeit hin. "Dans toutes les guerres il ne s'agit que de voler", (Alle Kriege sind nur Raubzüge), sagt Voltaire, und die Deutschen sollen es sich gesagt sein lassen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 

Der eigentliche Charakter der Nordamerikaner ist Gemeinheit; sie zeigt sich an ihnen in allen Formen als moralische, Intellektuelle, ästhetische und gesellige Gemeinheit, und nicht bloß im Privatleben, sondern auch im öffentlichen. Sie verlässt den Yankee nicht, stelle er sich wie er will. Der Grund mag teils in der republikanischen Verfassung liegen, teils darin, dass ihre Abstammung zum Teil von einer Strafkolonie, zum Teil von Denen ist, die in Europa mancherlei zu fürchten hatten, - teils im Klima.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


[…] Eine Staatsverfassung, in welcher bloß das abstrakte Recht sich verkörperte, wäre eine vortreffliche Sache für andere Wesen, als die Menschen sind: weil nämlich die große Mehrzahl derselben höchst egoistisch, ungerecht, rücksichtslos, lügenhaft, mitunter sogar boshaft und dabei mit sehr dürftiger Intelligenz ausgestattet ist, so erwächst hieraus die Nothwendigkeit einer in Einem Menschen koncentrirten, selbst über dem Gesetz und dem Recht stehenden, völlig unverantwortlichen Gewalt, vor der sich Alles beugt, und die betrachtet wird als ein Wesen höherer Art, ein Herrscher von Gottes Gnaden. Nur so läßt sich auf die Länge die Menschheit zügeln und regieren.
Dagegen sehn wir in den vereinigten Staaten von Nordamerika den Versuch, ganz ohne alle solche arbiträre Grundlage fertig zu werden, also das ganz unversetzte, reine, abstrakte Recht herrschen zu lassen. Allein der Erfolg ist nicht anlockend: denn, bei aller materiellen Prosperität des Landes, finden wir daselbst als herrschende Gesinnung den niedrigen Utilitarianismus, nebst seiner unausbleiblichen Gefährtin, der Unwissenheit, welche der stupiden anglikanischen Bigotterie, dem dummen Dünkel, der brutalen Rohheit, im Verein mit einfältiger Weiberveneration, den Weg gebahnt hat. […]
Also dies Probestück einer reinen Rechtsverfassung, auf jener Kehrseite des Planeten, spricht gar wenig für die Republiken, noch weniger aber die Nachahmungen desselben in Mexiko, Guatimala, Kolumbien und Peru. […]
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 

Ferner, wie das Land am glücklichsten ist, welches weniger, oder keiner, Einfuhr bedarf; so auch der Mensch an seinem inneren Reichtum genug hat und zu seiner Unterhaltung wenig, oder nichts, von außen nötig hat; da dergleichen Zufuhr viel kostet, abhängig macht, Gefahr bringt, Verdruß verursacht und am Ende doch nur ein schlechter Ersatz ist für die Erzeugnisse des eigenen Bodens. Denn von andern, von außen überhaupt, darf man in keiner Hinsicht viel erwarten. Was einer dem andern sein kann, hat seine sehr engen Grenzen: am Ende bleibt doch jeder allein; und da kommt es darauf an, wer jetzt allein sei: Auch hier gilt demnach was Goethe (Dicht. u. Wahrh. Bd. 3, S. 474) im allgemeinen ausgesprochen hat, daß, in allen Dingen, jeder zuletzt auf sich selbst zurückgewiesen wird, oder wie Oliver Goldsmith sagt: "Still to ourselves in ev'ry place consign'd,/ Our own felicity we make or find."
(Nur da steht, wo wir uns selbst überlassen sind, gestalten oder finden wir unser eigenes Glück.) -
Das Beste und Meiste muß daher jeder sich selber sein oder leisten. Je mehr nun dieses ist, und je mehr demzufolge er die Quellen seiner Genüsse in sich selbst findet, desto glücklicher wird er sein. Mit größtem Rechte sagt also Aristoteles: das Glück gehört denen, die sich selber genügen. Denn alle äußeren Quellen des Glückes und Genusses sind, ihrer Natur nach, höchst unsicher, mißlich, vergänglich und dem Zufall unterworfen, dürften daher, selbst unter den günstigsten Umständen, leicht stocken; ja, dieses ist unvermeidlich, sofern sie doch nicht stets zur Hand sein können. Im Alter nun gar versiegen sie fast alle notwendig: denn da verläßt uns Liebe, Scherz, Reiselust, Pferdelust und Tauglichkeit für die Gesellschaft: sogar die Freunde und Verwandten entführt uns der Tod.
Da kommt es denn, mehr als je, darauf an, was einer an sich selber habe. Denn dieses wird am längsten Stich halten. Aber auch in jedem Alter ist und bleibt es die echte und allein ausdauernde Quelle des Glücks. Ist doch in der Welt überall nicht viel zu holen: Not und Schmerz erfüllen sie, und auf die, welche diesen entronnen sind, lauert in allen Winkeln die Langeweile. Zudem hat in der Regel die Schlechtigkeit die Herrschaft darin und die Torheit das große Wort. Das Schicksal ist grausam und die Menschen sind erbärmlich. In einer so beschaffenen Welt gleicht der, welcher viel an sich selber hat, der hellen, warmen, lustigen Weihnachtsstube, mitten im Schnee und Eise der Dezembernacht. Demnach ist eine vorzügliche, eine reiche Individualität und besonders sehr viel Geist zu haben ohne Zweifel das glücklichste Los auf Erden; so verschieden es etwa auch von dem glänzendsten ausgefallen sein mag. Daher war es ein weiser Ausspruch der erst 19jährigen Königin Christine von Schweden, über den ihr doch bloß durch einen Aufsatz und aus mündlichen Berichten bekannt gewordenen Kartesius, welcher damals seit 20 Jahren in der tiefsten Einsamkeit, in Holland, lebte: Mr. Descartes est le plus heureux de tous les hommes, et sa condition me semble digne d'envie. (Herr Descartes ist der glücklichste aller Menschen, und seine Lebensweise erscheint mir beneidenswert.) Nur müssen, wie es eben auch der Fall des Kartesius war, die äußeren Umstände es so weit begünstigen, daß man auch sich selbst besitzen und seiner froh werden könne; weshalb schon Koheleth sagt: "Weisheit ist gut
mit einem Erbgut und hilft, daß einer sich der Sonne freuen kann." Wem nun, durch Gunst der Natur und des Schicksals, dieses Los beschieden ist, der wird mit ängstlicher Sorgfalt darüber wachen, daß die innere Quelle seines Glückes ihm zugänglich bleibe; wozu Unabhängigkeit und Muße die Bedingungen sind. Diese wird er daher gern durch Mäßigkeit und Sparsamkeit erkaufen; um so mehr, als er nicht, gleich den Andern, auf die äußeren Quellen der Genüsse verwiesen ist. Darum wird die Aussicht auf Ämter, Geld, Gunst und Beifall der Welt, ihn nicht verleiten, sich selber aufzugeben, um den niedrigen Absichten oder dem schlechten Geschmacke der Menschen sich zu fügen. Vorkommendenfalls wird er es wie Horaz machen in der Epistel an den Mäcenas. Es ist eine große Torheit, um nach außen zu gewinnen, nach innen zu verlieren, d.h. für Glanz, Rang, Prunk, Titel und Ehre, seine Ruhe, Muße und Unabhängigkeit ganz oder großenteils hinzugeben. Dies aber hat Goethe getan. Mich hat mein Genius mit Entschiedenheit nach der andern Seite gezogen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 

Sich selber genügen, sich selber alles in allem sein, und sagen können: alles meinige trage ich mit mir, ist gewiß für unser Glück die förderlichste Eigenschaft: daher der Ausspruch des Aristoteles: Den Selbstgenügsamen gehört das Glück; - nicht zu oft wiederholt werden kann. (Auch ist es im Wesentlichen derselbe Gedanke, den in einer überaus artigen Wendung die Sentenz Chamforts ausdrückt, welche ich dieser Abhandlung als Motto vorgesetzt habe.) Denn teils darf man, mit einiger Sicherheit, auf niemand zählen, als auf sich selbst, und teils sind die Beschwerden und Nachteile, die Gefahr und der Verdruß, welche die Gesellschaft mit sich führt, unzählig und unausweichbar. Kein verkehrterer Weg zum Glück, als das Leben in der großen Welt, in Saus und Braus: denn es bezweckt, unser elendes Dasein in eine Succession von Freude, Genuß, Vergnügen zu verwandeln, wobei die Enttäuschung nicht ausbleiben kann; so wenig, wie bei der obligaten Begleitung dazu, dem gegenseitigen einander Belügen. Zunächst erfordert jede Gesellschaft notwendig eine gegenseitige Accommodation und Temperatur; daher wird sie, je größer, desto fader. Ganz er selbst sein darf jeder nur so lange er allein ist: wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wenn man allein ist, ist man frei: Zwang ist der unzertrennliche Gefährte jeder Gesellschaft, und jede fordert Opfer, die umso schwerer fallen, je bedeutender die eigene Individualität ist. Demgemäß wird jeder in genauer Proportion zum Werte seines eigenen Selbst die Einsamkeit fliehen, ertragen, oder lieben. Denn in ihr fühlt der Jämmerliche seine ganze Jämmerlichkeit, der große Geist seine ganze Größe, kurz, jeder sich, als was er ist. Ferner, je höher einer auf der Rangliste der Natur steht, desto einsamer steht er, und zwar wesentlich und unvermeidlich. Dann aber ist es eine Wohltat für ihn, wenn die physische Einsamkeit der geistigen entspricht: widrigenfalls dringt die häufige Umgebung heterogener Wesen störend, ja, feindlich auf ihn ein, raubt ihm sein Selbst und hat nichts als Ersatz dafür zu geben. Sodann, während die Natur zwischen Menschen die weiteste Verschiedenheit, im Moralischen und Intellektuellen, gesetzt hat, stellt die Gesellschaft, diese für nichts achtend, sie alle gleich, oder vielmehr sie setzt an ihre Stelle die künstlichen Unterschiede und Stufen des Standes und Ranges, welche der Rangliste der Natur sehr oft diametral entgegenlaufen. Bei dieser Anordnung stehen sich die, welche die Natur niedrig gestellt hat, sehr gut; die wenigen aber, welche sie hoch stellte, kommen dabei zu kurz; daher diese sich der Gesellschaft zu entziehen pflegen und in jeder, sobald sie zahlreich ist, das Gemeine vorherrscht. Was den großen Geistern die Gesellschaft verleidet, ist die Gleichheit der Rechte, folglich der Ansprüche, bei der Ungleichheit der Fähigkeiten, folglich der (gesellschaftlichen) Leistungen, der andern. Die sogenannte gute Societät läßt Vorzüge aller Art gelten, nur nicht die geistigen, diese sind sogar Kontrebande. Sie verpflichtet uns, gegen jede Torheit, Narrheit, Verkehrtheit, Stumpfheit, grenzenlose Geduld zu beweisen; persönliche Vorzüge hingegen sollen sich Verzeihung erbetteln, oder sich verbergen; denn die geistige Überlegenheit verletzt durch ihre bloße Existenz, ohne alles Zutun des Willens. Demnach hat die Gesellschaft, welche man die gute nennt, nicht nur den Nachteil, daß sie uns Menschen darbietet, die wir nicht loben und lieben können, sondern sie läßt auch nicht zu, daß wir selbst seien, wie es unserer Natur angemessen ist; vielmehr nötigt sie uns, des Einklanges mit den anderen wegen, einzuschrumpfen, oder gar uns selbst zu verunstalten. Geistreiche Reden oder Einfälle gehören nur vor geistreiche Gesellschaft: in der gewöhnlichen sind sie geradezu verhaßt; denn um in dieser zu gefallen, ist durchaus notwendig, daß man platt und borniert sei. In solcher Gesellschaft müssen wir daher mit schwerer Selbstverleugnung dreiviertel unserer selbst aufgeben, um uns den andern zu verähnlichen. Dafür haben wir dann freilich die andern: aber je mehr eigenen Wert einer hat, desto mehr wird er finden, daß hier der Gewinn den Verlust nicht deckt und das Geschäft zu seinem Nachteil ausschlägt; weil die Leute, in der Regel, insolvent sind, d. h. in ihrem
Umgang nichts haben, das für die Langweiligkeit, die Beschwerden und Unannehmlichkeiten desselben und für die Selbstverleugnung, die er auflegt, schadlos hielte: demnach ist die allermeiste Gesellschaft so beschaffen, daß, wer sie gegen die Einsamkeit vertauscht, einen guten Handel macht. Dazu kommt noch, daß die Gesellschaft, um die echte, d. i. die geistige Überlegenheit, welche sie nicht verträgt und die auch schwer zu finden ist, zu ersetzen, eine falsche, konventionelle, auf willkürlichen Satzungen beruhende und traditionell, unter den höheren Ständen sich fortpflanzende, auch, wie die Parole, veränderliche Überlegenheit, beliebig angenommen hat: diese ist, was der gute Ton genannt wird. Wenn sie jedoch einmal mit der echten in Kollision gerät, zeigt sich ihre Schwäche. - Zudem: wo der gute Ton hereintritt, geht der gesunde Verstand hinaus. Überhaupt aber kann jeder im vollkommensten Einklange nur mit sich selbst stehen; nicht mit seinem Freunde, nicht mit seiner Geliebten: denn die Unterschiede der Individualität und Stimmung führen allemal eine, wenn auch geringe, Dissonanz herbei: Daher ist der wahre, tiefe Friede des Herzens und die vollkommene Gemütsruhe, dieses, nächst der Gesundheit, höchste irdische Gut, allein in der Einsamkeit zu finden und als dauernde Stimmung nur in der tiefsten Zurückgezogenheit. Ist dann das eigene Selbst groß und reich; so genießt man den glücklichsten Zustand, der auf dieser armen Erde gefunden werden mag. Ja, es sei herausgesagt: so eng auch Freundschaft, Liebe und Ehe Menschen verbinden; ganz ehrlich meint jeder es am Ende doch nur mit sich selbst und höchstens noch mit seinem Kinde. - Je weniger einer, infolge objektiver oder subjektiver Bedingungen, nötig hat, mit den Menschen in Berührung zu kommen, desto besser ist er daran. Die Einsamkeit und Öde läßt alle ihre Übel auf einmal, wenn auch nicht empfinden, doch übersehen: hingegen die Gesellschaft ist insidiös: sie verbirgt hinter dem Scheine der Kurzweil, der Mitteilung des geselligen Genusses u. s. f. große, oft unheilbare Übel. Ein Hauptstudium der Jugend sollte sein, die Einsamkeit ertragen zu lernen; weil sie eine Quelle des Glückes, der Gemütsruhe ist. - Aus diesem allen nun folgt, daß der am besten daran ist, der nur auf sich selbst gerechnet hat und sich selber alles in allem sein kann; sogar sagt Cicero: Jeder muß ganz glücklich sein, der nur von sich abhängt und in sich sein Genügen findet. Zudem, je mehr einer an sich selber hat desto weniger können andere ihm sein. Ein gewisses Gefühl von Allgenügsamkeit ist es, welches die Leute von innerm Wert und Reichtum abhält, der Gemeinschaft mit andern die bedeutenden Opfer, welche sie verlangt, zu bringen, geschweige dieselbe, mit merklicher Selbstverleugung, zu suchen. Das Gegenteil hiervon macht die gewöhnlichen Leute so gesellig und akkommodant: es wird ihnen nämlich leichter, andere zu ertragen, als sich selbst. Noch kommt hinzu, daß was wirklichen Wert hat in der Welt nicht geachtet wird, und was geachtet wird keinen Wert hat. Hiervon ist die Zurückgezogenheit jedes Würdigen und Ausgezeichneten der Beweis und die Folge. Diesem allen nach wird es in dem, der etwas rechtes an sich selber hat, echte Lebensweisheit sein, wenn er, erforderlichenfalls seine Bedürfnisse einschränkt, um nur seine Freiheit zu wahren, oder zu erweitern, und demnach mit seiner Person, da sie unvermeidliche Verhältnisse zur Menschenwelt hat, so kurz wie möglich sich abfindet. Was nun andererseits die Menschen gesellig macht ist ihre Unfähigkeit, die Einsamkeit, und in dieser sich selbst, zu ertragen. Innere Leere und Überdruß sind es, von denen sie sowohl in die Gesellschaft, wie in die Fremde und auf Reisen getrieben werden. Ihrem Geiste mangelt es an Federkraft, sich eigene Bewegung zu erteilen: daher suchen sie Erhöhung derselben durch Wein und werden viele auf diesem Wege zu Trunkenbolden. Eben daher bedürfen sie der steten Erregung von außen und zwar der stärksten, d. i. der durch Wesen ihresgleichen. Ohne diese sinkt ihr Geist, unter seiner eigenen Schwere, zusammen und verfällt in eine drückende Lethargie. Bekanntlich werden Übel dadurch erleichtert, daß man sie gemeinschaftlich erträgt: zu diesen scheinen die Leute die Langeweile zu zählen; daher sie sich zusammensetzen, um sich gemeinschaftlich zu langweilen. Wie die Liebe zum Leben im Grunde nur Furcht vor dem Tode ist, so ist auch der Geselligkeitstrieb der Menschen im Grunde kein direkter, beruht nämlich nicht auf Liebe zur Gesellschaft, sondern auf Furcht vor der Einsamkeit, indem es nicht sowohl die holdselige Gegenwart der andern ist, die gesucht, als vielmehr die Öde und Beklommenheit des Alleinseins, nebst der Monotonie des eigenen Bewußtseins, die geflohen wird; welcher zu entgehn man daher auch mit schlechter Gesellschaft vorlieb nimmt, im gleichen das Lästige und den Zwang, den eine jede notwendig mit sich bringt, sich gefallen läßt. - Hat hingegen der Widerwille gegen dieses alles gesiegt, und ist, infolge davon, die Gewohnheit der Einsamkeit und die Abhärtung gegen ihren unmittelbaren Eindruck eingetreten, so daß sie die oben bezeichneten Wirkungen nicht mehr hervorbringt, dann kann man mit größter Behaglichkeit immerfort allein sein, ohne sich nach Gesellschaft zu sehnen; eben weil das Bedürfnis derselben kein direktes ist und man andererseits sich jetzt an die wohltätigen Eigenschaften der Einsamkeit gewöhnt hat. Im gleichen ließe sich sagen, daß jeder von ihnen nur ein kleiner Bruch der Idee der Menschheit sei, daher er vieler Ergänzung durch andere bedarf, damit einigermaßen ein volles menschliches Bewußtsein herauskomme: hingegen wer ein ganzer Mensch ist, ein ausgezeichneter Mensch, der stellt eine Einheit und keinen Bruch dar, hat daher an sich selbst genug. Man kann, in diesem Sinne, die gewöhnliche Gesellschaft jener russischen Hornmusik vergleichen, bei der jedes Horn nur einen Ton hat und bloß durch das pünktliche Zusammentreffen aller eine Musik herauskommt. Denn monoton, wie ein solches eintöniges Horn, ist der Sinn und Geist der allermeisten Menschen: sehn doch viele von ihnen schon aus, als hätten sie immerfort nur einen und denselben Gedanken, unfähig irgend einen andern zu denken. Hieraus also erklärt sich nicht nur, warum sie so langweilig, sondern auch warum sie so gesellig sind und am liebsten herdenweise einhergehn: Der Herdentrieb der Menschenheit. Die Monotonie seines eigenen Wesens ist es, die jedem von ihnen unerträglich wird: Alle Dummheit leidet am Überdruß ihrer selbst: - nur zusammen und durch die Vereinigung sind sie irgend etwas; - wie jene Hornbläser. Dagegen ist der geistvolle Mensch einem Virtuosen zu vergleichen, der sein Konzert allein ausführt; oder auch dem Klavier. Wie nämlich dieses, für sich allein, ein kleines Orchester, so ist er eine kleine Welt und was jene alle erst durch das Zusammenwirken sind, stellt er dar in der Einheit eines Bewußtseins. Wie das Klavier, ist er kein Teil der Symphonie, sondern für das Solo und die Einsamkeit geeignet: soll er mit ihnen zusammenwirken; so kann er es nur sein als Prinzipalstimme mit Begleitung, wie das Klavier; oder zum Tonangeben, bei Vokalmusik, wie das Klavier. - Wer inzwischen Gesellschaft liebt kann sich aus diesem Gleichnis die Regel abstrahieren, daß, was den Personen seines Umgangs an Qualität abgeht durch die Quantität einigermaßen ersetzt werden muß. An einem einzigen geistvollen Menschen kann er Umgang genug haben: ist aber nichts als die gewöhnliche Sorte zu finden; so ist es gut, von dieser recht viele zu haben, damit durch die Mannigfaltigkeit und das Zusammenwirken etwas herauskomme, - nach Analogie der besagten Hornmusik: - und der Himmel schenke ihm dazu Geduld. Jener inneren Leere aber und Dürftigkeit der Menschen ist auch dieses zuzuschreiben, daß, wenn einmal, irgend einen edelen, idealen Zweck beabsichtigend, Menschen besserer Art zu einem Verein zusammentreten, alsdann der Ausgang fast immer dieser ist, daß aus jenem Plebs der Menschheit, welcher, in zahlloser Menge, wie Ungeziefer, überall alles erfüllt und bedeckt, und stets bereit ist, jedes, ohne Unterschied, zu ergreifen, um damit seiner Langenweile, wie unter andern Umständen seinem Mangel, zu Hilfe zu kommen, - auch doch einige sich einschleichen oder eindrängen und dann bald entweder die ganze Sache zerstören oder sie so verändern, daß sie ziemlich das Gegenteil der ersten Absicht wird. - Übrigens kann man auch die Geselligkeit betrachten als ein geistiges Erwärmen der Menschen aneinander, gleich jenem körperlichen, welches sie bei großer Kälte, durch Zusammendrängen hervorbringen. Allein wer selbst viel geistige Wärme hat, bedarf solcher Gruppierung nicht. Diesem allen zufolge steht die Geselligkeit eines jeden ungefähr im umgekehrten Verhältnisse seines intellektuellen Wertes; und "er ist sehr ungesellig" sagt beinahe schon "er ist ein Mann von großen Eigenschaften." Dem intellektuell hochstehenden Menschen gewährt nämlich die Einsamkeit einen zwiefachen Vorteil: erstlich den, mit sich selber zu sein, und zweitens den, nicht mit andern zu sein. Diesen letzteren wird man hoch anschlagen, wenn man bedenkt, wie viel Zwang, Beschwerde und selbst Gefahr jeder Umgang mit sich bringt. Geselligkeit gehört zu den gefährlichen, ja, verderblichen Neigungen, da sie uns in Kontakt bringt mit Wesen, deren große Mehrzahl moralisch schlecht und intellektuell stumpf oder verkehrt ist. Der Ungesellige ist einer, der ihrer nicht bedarf. An sich selber so viel zu haben, daß man der Gesellschaft nicht bedarf, ist schon deshalb ein großes Glück, weil fast alle unsere Leiden aus der Gesellschaft entspringen, und die Geistesruhe, welche, nächst der Gesundheit, das wesentlichste Element unseres Glückes ausmacht, durch jede Gesellschaft gefährdet wird und daher ohne ein bedeutendes Maß von Einsamkeit nicht bestehen kann. Um des Glückes der Geistesruhe teilhaftig zu werden, entsagen die Zyniker jedem Besitze: wer in gleicher Absicht der Gesellschaft entsagt, hat das weiseste Mittel erwählt. Denn so treffend, wie schön, ist was Bernardin de St. Pierre sagt: Enthaltsamkeit im Essen macht unsern Körper gesund, Enthaltsamkeit im Menschenverkehr die Seele. Sonach hat, wer sich zeitig mit der Einsamkeit befreundet, ja, sie lieb gewinnt, eine Goldmine erworben. Aber keineswegs vermag dies jeder. Denn wie ursprünglich die Not, so treibt, nach Beseitigung dieser, die Langeweile die Menschen zusammen. Ohne beide bliebe wohl jeder allein; schon weil nur in der Einsamkeit die Umgebung der ausschließlichen Wichtigkeit, ja, Einzigkeit entspricht, die jeder in seinen eigenen Augen hat, und welche vom Weltgedränge zu nichts verkleinert wird; als wo sie, bei jedem Schritt, ein schmerzliches dementi erhält. In diesem Sinne ist die Einsamkeit sogar der natürliche Zustand eines jeden: sie setzt ihn wieder ein, als ersten Adam, in das ursprüngliche, seiner Natur angemessene Glück. Aber hatte doch auch Adam weder Vater, noch Mutter! Daher wieder ist, in einem andern Sinne, die Einsamkeit dem Menschen nicht natürlich; sofern er nämlich, bei seinem Eintritt in die Welt, sich nicht allein, sondern zwischen Eltern und Geschwistern, also in Gemeinschaft, gefunden hat. Demzufolge kann die Liebe zur Einsamkeit nicht als ursprünglicher Hang da sein, sondern erst infolge der Erfahrung und des Nachdenkens entstehn: und dies wird statthaben, nach Maßgabe der Entwicklung eigener geistiger Kraft, zugleich aber auch mit der Zunahme der Lebensjahre; wonach denn, im ganzen genommen, der Geselligkeitstrieb eines jeden im umgekehrten Verhältnisse seines Alters stehen wird. Dem Knaben ist das Alleinsein eine große Pönitenz. Jünglinge gesellen sich leicht zueinander: nur die edleren und hochgesinnten unter ihnen suchen schon bisweilen die Einsamkeit: jedoch einen ganzen Tag allein zuzubringen wird ihnen noch schwer. Dem Manne hingegen ist dies leicht: er kann schon viel allein sein, und destomehr, je älter er wird. Der Greis, welcher aus verschwundenen Generationen allein übrig geblieben und dazu den Lebensgenüssen teils entwachsen, teils abgestorben ist, findet an der Einsamkeit sein eigentliches Element. Immer aber wird hierbei, in dem Einzelnen, die Zunahme der Neigung zur Absonderung und Einsamkeit nach Maßgabe ihres intellektuellen Wertes erfolgen. Denn dieselbe ist, wie gesagt, keine rein natürliche, direkt durch die Bedürfnisse hervorgerufene, vielmehr bloß eine Wirkung gemachter Erfahrung und der Reflexion über solche, namentlich der erlangten Einsicht in die moralisch und intellektuell elende Beschaffenheit der allermeisten Menschen; bei welcher das Schlimmste ist, daß, im Individuo, die moralischen und die intellektuellen Unvollkommenheiten desselben konspirieren und sich gegenseitig in die Hände arbeiten, woraus dann allerlei höchst widerwärtige Phänomene hervorgehn, welche den Umgang der meisten Menschen ungenießbar, ja, unerträglich machen. So kommt es denn, daß, obwohl in dieser Welt gar vieles recht schlecht ist, doch das Schlechteste darin die Gesellschaft bleibt; so daß selbst Voltaire, der gesellige Franzose, hat sagen müssen: Die Erde ist mit Menschen übersät, die nicht verdienen, daß man mit ihnen redet. In diesem Sinne haben alle geredet, die Prometheus aus besserm Tone geformt hatte. Welchen Genuß kann ihnen der Umgang mit Wesen gewähren, zu denen sie nur vermittelst des Niedrigsten und Unedelsten in ihrer eigenen Natur, nämlich des Alltäglichen, Trivialen und Gemeinen darin, irgend Beziehungen haben, die eine Gemeinschaft begründen, und denen, weil sie nicht zu ihrem Niveau sich erheben können, nichts übrig bleibt, als sie zu dem ihrigen herabzuziehen, was demnach ihr Trachten wird? Sonach ist es ein aristokratisches Gefühl, welches den Hang zur Absonderung und Einsamkeit nährt. Alle Lumpe sind gesellig, zum Erbarmen: daß hingegen ein Mensch edlerer Art sei, zeigt sich zunächst daran, daß er kein Wohlgefallen an den übrigen hat, sondern mehr und mehr die Einsamkeit ihrer Gesellschaft vorzieht und dann allmählich, mit den Jahren, zu der Einsicht gelangt, daß es, seltene Ausnahmen abgerechnet, in der Welt nur die Wahl gibt zwischen Einsamkeit und Gemeinheit. Sogar auch dieses, so hart es klingt, hat selbst Angelus Silesius, seiner christlichen Milde und Liebe ungeachtet, nicht ungesagt lassen können: "Die Einsamkeit ist not: doch sei nur nicht gemein: So kannst du überall in einer Wüste sein." Was nun aber gar die großen Geister betrifft, so ist es wohl natürlich, daß diese eigentlichen Erzieher des ganzen Menschengeschlechtes zu häufiger Gemeinschaft mit den übrigen so wenig Neigung fühlen, als den Pädagogen anwandelt, sich in das Spiel der ihn umlärmenden Kinderherde zu mischen. Denn sie, die auf die Welt gekommen sind, um sie auf dem Meer ihrer Irrtümer der Wahrheit zuzulenken und aus dem Unstern Abgrund ihrer Roheit und Gemeinheit nach oben, dem Lichte zu, der Bildung und Veredlung entgegenzuziehn, - sie müssen zwar unter ihnen leben, ohne jedoch eigentlich zu ihnen zu gehören, fühlen sich daher, von Jugend auf, als merklich von den andern verschiedene Wesen, kommen aber erst allmählich, mit den Jahren zur deutlichen Erkenntnis der Sache, wonach sie dann Sorge tragen, daß zu ihrer geistigen Entfernung von den andern auch die physische komme, und keiner ihnen nahe rücken darf, er sei denn schon selbst ein mehr oder weniger Eximierter von der allgemeinen Gemeinheit. Aus diesem allen ergibt sich also, daß die Liebe zur Einsamkeit nicht direkt und als ursprünglicher Trieb auftritt, sondern sich indirekt, vorzüglich bei edleren Geistern und erst nach und nach entwickelt, nicht ohne Überwindung des natürlichen Geselligkeitstriebes, ja, unter gelegentlicher Opposition mephistophelischer Einflüsterung: "Hör' auf, mit deinem Gram zu spielen, Der, wie ein Geier, dir am Leben frißt: Die schlechteste Gesellschaft läßt dich fühlen, Daß du ein Mensch mit Menschen bist." Einsamkeit ist das Los aller hervorragenden Geister: sie werden solche bisweilen beseufzen; aber stets sie als das kleinere von zwei Übeln erwählen. Mit zunehmendem Alter wird jedoch das: Wage, weise zu sein, in diesem Stücke immer leichter und natürlicher, und in den sechziger Jahren ist der Trieb zur Einsamkeit ein wirklich naturgemäßer, ja instinktartiger. Denn jetzt vereinigt sich alles, ihn zu befördern. Der stärkste Zug der Geselligkeit, Weiberliebe und Geschlechtstrieb, wirkt nicht mehr; ja, die Geschlechtslosigkeit des Alters legt den Grund zu einer gewissen Selbstgenügsamkeit, die allmählich den Geselligkeitstrieb überhaupt absorbiert. Von tausend Täuschungen und Torheiten ist man zurückgekommen; das aktive Leben ist meistens abgetan, man hat nichts mehr zu erwarten, hat keine Pläne und Absichten mehr; die Generation, der man eigentlich angehört, lebt nicht mehr; von einem fremden Geschlecht umgeben, steht man schon objektiv und wesentlich allein. Dabei hat der Flug der Zeit sich beschleunigt, und geistig möchte man sie noch benutzen. Denn, wenn nur der Kopf seine Kraft behalten hat; so machen jetzt die vielen erlangten Kenntnisse und Erfahrungen, die allmählich vollendete Durcharbeitung aller Gedanken und die große Übungsfertigkeit aller Kräfte das Studium jeder Art interessanter und leichter, als jemals. Man sieht klar in tausend Dingen, die früher noch wie im Nebel lagen: man gelangt zu Resultaten und fühlt seine ganze Überlegenheit. Infolge langer Erfahrung hat man aufgehört, von den Menschen viel zu erwarten; da sie, im ganzen genommen nicht zu den Leuten gehören, welche bei näherer Bekanntschaft gewinnen: vielmehr weiß man, daß, von seltenen Glücksfällen abgesehen, man nichts antreffen wird, als sehr defekte Exemplare der menschlichen Natur, welche es besser ist, unberührt zu lassen. Man ist daher den gewöhnlichen Täuschungen nicht mehr ausgesetzt, merkt jedem bald an was er ist und wird selten den Wunsch fühlen, nähere Verbindung mit ihm einzugehen. Endlich ist auch, zumal wenn man an der Einsamkeit eine Jugendfreundin erkennt, die Gewohnheit der Isolation und des Umganges mit sich selbst hinzugekommen und zur zweiten Natur geworden. Demnach ist jetzt die Liebe zur Einsamkeit welche früher dem Geselligkeitstriebe erst abgerungen werden mußte, eine ganz natürliche und einfache: man ist in der Einsamkeit wie der Fisch im Wasser. Daher fühlt jede vorzügliche, folglich den übrigen unähnliche, mithin allein stehende Individualität sich, durch diese ihr wesentliche Isolation, zwar in der Jugend gedrückt, aber im Alter erleichtert. Denn freilich wird dieses wirklichen Vorzugs des Alters jeder immer nur nach Maßgabe seiner intellektuellen Kräfte teilhaft, also der eminente Kopf vor allen, jedoch in geringerem Grade wohl jeder. Nur höchst dürftige und gemeine Naturen werden im Alter noch so gesellig sein, wie ehedem: sie sind der Gesellschaft, zu der sie nicht mehr passen, beschwerlich, und bringen es höchstens dahin, toleriert zu werden, während sie ehemals gesucht werden. An dem dargelegten, entgegengesetzten Verhältnisse zwischen der Zahl unserer Lebensjahre und dem Grade unserer Geselligkeit läßt sich auch noch eine teleogische Seite herausfinden. Je jünger der Mensch ist, desto mehr hat er noch, in jeder Beziehung, zu lernen: nun hat ihn die Natur auf den wechselseitigen Unterricht verwiesen, welchen jeder im Umgange mit seinesgleichen empfängt und in Hinsicht auf welchen die menschliche Gesellschaft eine große Bell-Lancaster'sche Erziehungsanstalt genannt werden kann; da Bücher und Schulen künstliche, weil vom Plane der Natur abliegende Anstalten sind. Sehr zweckmäßig also besucht er die natürliche Unterrichtsanstalt desto fleißiger, je jünger er ist. Nichts ist in jeder Beziehung glücklich sagt Horaz, und "Kein Lotus ohne Stengel" lautet ein indisches Sprichwort: so hat denn auch die Einsamkeit, neben so vielen Vorteilen, ihre kleinen Nachteile und Beschwerden; die jedoch, im Vergleich mit denen der Gesellschaft, gering sind, daher wer etwas rechtes an sich selber hat, es immer leichter finden wird, ohne die Menschen auszukommen, als mit ihnen. - Unter jenen Nachteilen ist übrigens einer, der nicht so leicht, wie die übrigen, zum Bewußtsein gebracht wird, nämlich dieser: wie durch anhaltend fortgesetztes Zuhausebleiben unser Leib so empfindlich gegen äußere Einflüsse wird, daß jedes kühle Lüftchen ihn krankhaft affiziert; so wird, durch anhaltende Zurückgezogenheit und Einsamkeit, unser Gemüt so empfindlich, daß wir durch die unbedeutendsten Vorfälle, Worte, wohl gar durch bloße Mienen, uns beunruhigt, oder gekränkt, oder verletzt fühlen; während der, welcher stets im Getümmel bleibt, dergleichen gar nicht beachtet. Wer nun aber, zumal in jüngeren Jahren, so oft ihn auch schon gerechtes Mißfallen an den Menschen in die Einsamkeit zurückgescheucht hat, doch die Oede derselben, auf die Länge, zu ertragen nicht vermag, dem rate ich, daß er sich gewöhne, einen Teil seiner Einsamkeit, in die Gesellschaft mitzunehmen, also daß er lerne, auch in der Gesellschaft, in gewissem Grade, allein zu sein, demnach was er denkt nicht sofort den andern mitzuteilen, und andererseits mit dem, was sie sagen, es nicht genau zu nehmen, vielmehr, moralisch wie intellektuell, nicht viel davon zu erwarten und daher, hinsichtlich ihrer Meinungen, diejenige Gleichgültigkeit in sich zu befestigen, die das sicherste Mittel ist, um stets eine lobenswerte Toleranz zu üben. Er wird alsdann, obwohl mitten unter ihnen, doch nicht so ganz in ihrer Gesellschaft sein, sondern hinsichtlich ihrer sich mehr rein objektiv verhalten. Dies wird ihn vor zu genauer Berührung mit der Gesellschaft, und dadurch vor jeder Besudlung, oder gar Verletzung schützen. Man kann auch die Gesellschaft einem Feuer vergleichen, an welchem der Kluge sich in gehöriger Entfernung wärmt, nicht aber hineingreift, wie der Tor, der dann, nachdem er sich verbrannt hat, in die Kälte der Einsamkeit flieht und jammert, daß das Feuer brennt.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Dagegen sehe man die himmelschreiende Ruchlosigkeit, mit welcher unser christlicher Pöbel gegen die Tiere verfährt, sie völlig zwecklos und lachend tötet, oder verstümmelt, oder martert, und selbst die von ihnen, welche unmittelbar seine Ernährer sind, seine Pferde, im Alter, auf das Äußerste anstrengt, um das letzte Mark aus ihren armen Knochen zu arbeiten, bis sie unter seinen Streichen erliegen. Man möchte wahrlich sagen: die Menschen sind die Teufel der Erde, und die Tiere die geplagten Seelen.
Arthur Schopenhauer


Denn in ihr (der Einsamkeit) fühlt der Jämmerliche seine ganze Jämmerlichkeit, der große Geist seine ganze Größe, kurz, jeder sich, als was er ist.
Arthur Schopenhauer


Die eigentlich großen Geister horsten, wie die Adler, in der Höhe allein.
Arthur Schopenhauer


Wer sich vor Menschen fürchtet, wird feige genannt und zeigt Mangel an Vertrauen zu seiner Körperkraft. Wer sich vor der Einsamkeit fürchtet, zeigt Mangel an Vertrauen zu seiner Geisteskraft, wie soll man aber den nennen?
Arthur Schopenhauer

 

Im allgemeinen freilich haben die Weisen aller Zeiten immer dasselbe gesagt, und die Toren, d. h. die unermessliche Majorität aller Zeiten, haben immer dasselbe, nämlich das Gegenteil, getan: und so wird es denn auch ferner bleiben.
Arthur Schopenhauer


Dem intellektuell hochstehenden Menschen gewährt nämlich die Einsamkeit einen zwiefachen Vorteil: erstlich den, mit sich selber zu sein, und zweitens den, nicht mit andern zu sein.
Arthur Schopenhauer


Man kann auch die Gesellschaft einem Feuer vergleichen, an welchem der Kluge sich in gehöriger Entfernung wärmt, nicht aber hineingreift, wie der Tor, der dann, nachdem er sich verbrannt hat, in die Kälte der Einsamkeit flieht und jammert, daß das Feuer brennt.
Arthur Schopenhauer


Überlegenheit im Umgang erwächst allein daraus, dass man den anderen in keiner Art und Weise bedarf, und dies sehen lässt.
Arthur Schopenhauer


Der so überaus wohltätige Einfluss, den eine zurückgezogene Lebensweise auf unsere Gemütsruhe hat, beruht größtenteils darauf, daß eine solche uns dem fortwährenden Leben vor den Augen anderer, folglich der steten Berücksichtigung ihrer etwaigen Meinung entzieht und dadurch uns uns selber zurückgibt.
Arthur Schopenhauer

Was nun andererseits die Menschen gesellig macht ist ihre Unfähigkeit, die Einsamkeit, und in dieser sich selbst, zu ertragen. Innere Leere und Überdruss sind es, von denen sie sowohl in die Gesellschaft, wie in die Fremde und auf Reisen getrieben werden.
Arthur Schopenhauer


Ein Hauptstudium der Jugend sollte sein, die Einsamkeit ertragen zu lernen; weil sie eine Quelle des Glückes, der Gemütsruhe ist.
Arthur Schopenhauer

Alle Lumpe sind gesellig, zum Erbarmen: aber der Mensch edler und erhabener Art, gelangt, mit den Jahren, zu der Einsicht, daß es, seltene Ausnahmen abgerechnet, in der Welt nur die Wahl giebt, zwischen Einsamkeit und Gemeinheit.
Arthur Schopenhauer

Überhaupt aber kann jeder im vollkommensten Einklange nur mit sich selbst stehen; nicht mit seinem Freunde, nicht mit seiner Geliebten: denn die Unterschiede der Individualität und Stimmung führen allemal eine, wenn auch geringe, Dissonanz herbei: Daher ist der wahre, tiefe Friede des Herzens und die vollkommene Gemütsruhe, dieses, nächst der Gesundheit, höchste irdische Gut, allein in der Einsamkeit zu finden und als dauernde Stimmung nur in der tiefsten Zurückgezogenheit.
Arthur Schopenhauer


Wie die Liebe zum Leben im Grunde nur Furcht vor dem Tode ist, so ist auch der Geselligkeitstrieb der Menschen im Grunde kein direkter, beruht nämlich nicht auf Liebe zur Gesellschaft, sondern auf Furcht vor der Einsamkeit.
Arthur Schopenhauer

Das Leben kann allerdings als ein Traum angesehen werden, und der Tod als das Erwachen.
Arthur Schopenhauer


Wie durch den Eintritt der Nacht die Welt verschwindet, dabei jedoch keinen Augenblick zu sein aufhört; ebenso scheinbar vergeht Mensch und Tier durch den Tod, und eben so ungestört besteht dabei ihr wahres Wesen fort.
Arthur Schopenhauer


Wer das Wesen der Welt erkannt hat, sieht im Tode das Leben, aber auch im Leben den Tod.
Arthur Schopenhauer


Die Dogmen wechseln, und unser Wissen ist trüglich; aber die Natur irrt nicht: Ihr Gang ist sicher, und sie verbirgt ihn nicht. Jedes ist ganz in ihr, und sie ist ganz in jedem.
Arthur Schopenhauer


Ein Haupthindernis der Fortschritte des Menschengeschlechts ist, daß die Leute nicht auf die hören, welche am gescheitesten, sondern auf die, welche am lautesten reden.
Arthur Schopenhauer


Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.

Arthur Schopenhauer


Es gibt auf der Welt nur ein lügenhaftes Wesen: es ist der Mensch. Jedes andere ist wahr und aufrichtig, indem es sich unverhohlen gibt als das, was es ist, und sich äußert, wie es sich fühlt.
Arthur Schopenhauer


Im Umgang zieht jeder den ihm Ähnlichen entschieden vor; so daß einem Dummkopf die Gesellschaft eines andern Dummkopfs ungleich lieber ist, als die aller großen Geister zusammengenommen.
Arthur Schopenhauer

Der nationale Charakter hat nur wenig gute Eigenschaften, da der Pöbel sein Repräsentant ist.
Arthur Schopenhauer


Fragte mich ein Asiate um die Definition Europas, dann wäre ich gezwungen, ihm zu antworten: "Es ist jener Teil der Welt, der von der unglaublichen Täuschung heimgesucht wird, daß der Mensch aus dem Nichts heraus geschaffen wurde. Und daß seine gegenwärtige Geburt sein erster Eintritt in das Leben sei."
Arthur Schopenhauer


Die Geschichte zeigt uns das Leben der Völker, und findet nichts, als Kriege und Empörungen zu erzählen: die friedlichen Jahre erscheinen nur als kurze Pausen, Zwischenakte, dann und wann einmal. Und eben so ist das Leben des Einzelnen ein fortwährender Kampf, nicht etwa bloß metaphorisch mit der Not, oder mit der Langeweile; sondern auch wirklich mit anderen. Er findet überall den Widersacher, lebt in beständigem Kampfe und stirbt, die Waffen in der Hand.
Arthur Schopenhauer


Das deutsche Vaterland hat an mir keinen Patrioten erzogen.
Arthur Schopenhauer

Übrigens überwiegt die Individualität bei weitem die Nationalität, und in einem gegebenen Menschen verdient jene tausendmal mehr Berücksichtigung als diese. Dem Nationalcharakter wird, ehe er von der Menge redet, nie viel gutes ehrlicherweise nachzurühmen sein. Vielmehr erscheint nur die menschliche Beschränktheit, Verkehrtheit und Schlechtigkeit in jedem Lande in einer anderen Form und diese nennt man den Nationalcharakter. - Jede Nation spottet über die andere, und alle haben recht.
Arthur Schopenhauer

Ein anderer, bei dieser Gelegenheit zu erwähnender, aber nicht weg zu erklärender und seine heillosen Folgen täglich manifestierender Grundfehler des Christentums ist, daß es widernatürlicherweise den Menschen losgerissen hat von der Tierwelt, welcher er doch wesentlich angehört, und ihn nun ganz allein gelten lassen will, die Tiere geradezu als Sachen betrachtend. - während Brahmanismus und Buddhismus, der Wahrheit getreu, die augenfällige Verwandtschaft des Menschen, wie im allgemeinen mit der ganzen Natur, so zunächst und zumeist mit der tierischen, entschieden anerkennen und ihn stets, durch Metempsychose und sonst, in enger Verbindung mit der Tierwelt darstellen.
Arthur Schopenhauer


Die Feder ist dem Denken was der Stock dem Gehn: aber der leichteste Gang ist ohne Stock und das vollkommenste Denken geht ohne Feder vor sich. Erst wenn man anfängt alt zu werden, bedient man sich gern des Stockes und gern der Feder.
Arthur Schopenhauer


So hat zum Beispiel mir meine Philosophie nie etwas eingebracht; aber sie hat mir sehr viel erspart.
Arthur Schopenhauer


Wer zum Denken von Natur die Richtung hat, muss erstaunen und es als ein eigenes Problem betrachten, wenn er sieht, wie die allermeisten Menschen ihr Studieren und ihre Lektüre betreiben. Nämlich es fällt ihnen dabei gar nicht ein, wissen zu wollen, was wahr sei; sondern sie wollen bloß wissen, was gesagt worden ist. Sie übernehmen die Mühe des Lesens und des Hörens, ohne im Mindesten den Zweck zu haben, wegen dessen allein solche Mühe lohnen kann, den Zweck der Erkenntnis, der Einsicht: sie suchen nicht die Wahrheit, haben gar kein Interesse an ihr. Sie wollen bloß wissen, was alles in der Welt gesagt ist, eben nur um davon mitreden zu können, um zu bestehen in der Konversation, oder im Examen, oder sich ein Ansehen geben zu können. Für andere Zwecke sind sie nicht empfänglich. Daher ist beim Lesen oder Hören ihre Urteilskraft ganz untätig und bloß das Gedächtnis tätig. Sie wiegen die Argumente nicht: sie lernen sie bloß. So sind leider die allermeisten: deshalb hat man immer mehr Zuhörer für die Geschichte der Philosophie, als für die Philosophie.
Arthur Schopenhauer

Die Schriftsteller kann man einteilen in Sternschnuppen, Planeten und Fixsterne - Die ersteren liefern die momentanen Knalleffekte: man schauet auf, ruft "siehe da!" und auf immer sind sie verschwunden. -
Die zweiten, also die Irr- und Wandelsterne, haben viel mehr Bestand. Sie glänzen, wiewohl bloß vermöge ihrer Nähe, oft heller, als die Fixsterne, und werden von Nichtkennern mit diesen verwechselt. Inzwischen müssen auch sie ihren Platz bald räumen, haben zudem nur geborgtes Licht und eine auf ihre Bahngenossen (Zeitgenossen) beschränkte Wirkungssphäre. Sie wandeln und wechseln: ein Umlauf von einigen Jahren Dauer ist ihre Sache. -
Die dritten allein sind unwandelbar, stehn fest am Firmament, haben eigenes Licht, wirken zu einer Zeit, wie zur andern, indem sie ihr Ansehn nicht durch die Veränderung unsers Standpunkts ändern, da sie keine Parallaxe haben. Sie gehören nicht, wie jene andern, einem Systeme (Nation) allein an; sondern der Welt. Aber eben wegen der Höhe ihrer Stelle, braucht ihr Licht meistens viele Jahre, ehe es dem Erdboden sichtbar wird.
Arthur Schopenhauer

Wenn mir ein Gedanke nur undeutlich entsteht und als ein schwaches Bild vorschwebt; so ergreift mich unsägliche Begierde, ihn zu fassen; ich lasse alles stehen und liegen und verfolge ihn, wie der Jäger das Wild, durch alle Krümmungen, stelle ihm von allen Seiten nach und verrenne ihm den Weg, bis ich ihn fasse, deutlich mache und als erlegt zu Papiere bringe. Bisweilen entrinnt er mir doch: dann muss ich warten, bis ein anderer Zufall ihn einmal wieder aufjagt. Gerade die, welche ich erst nach mehreren vergeblichen Jagden fing, sind gewöhnlich die besten. Aber wenn ich bei so einer Verfolgung unterbrochen werde, besonders durch ein Tiergeschrei, das zwischen meine Gedanken hereinfährt, wie das Henkerschwert zwischen Kopf und Rumpf, - da empfinde ich eines der Leiden, die wir verwirkt haben, als wir mit Hunden, Eseln, Enten in eine Welt hinabstiegen.
Arthur Schopenhauer

Viele Worte machen, um wenige Gedanken mitzuteilen, ist überall das untrügliche Zeichen der Mittelmäßigkeit; das des eminenten Kopfes dagegen, viele Gedanken in wenig Worte zu schließen.
Arthur Schopenhauer


Die öffentliche Meinung ist eine Ansicht, der es an Einsicht mangelt.
Arthur Schopenhauer

Der Mut, keine Frage auf dem Herzen zu behalten, ist es, der den Philosophen macht.
Arthur Schopenhauer


Die, welche, mittelst Streben und Hoffen, nur in der Zukunft leben, immer vorwärts sehen und mit Ungeduld den kommenden Dingen entgegeneilen, als welche allererst das wahre Glück bringen sollen, inzwischen aber die Gegenwart unbeachtet und ungenossen vorbeiziehen lassen, sind, trotz ihrer altklugen Mienen, jenen Eseln in Italien zu vergleichen, deren Schritt dadurch beschleunigt wird, daß an einem, ihrem Kopf angehefteten Stock ein Bündel Heu hängt, welches sie daher stets dicht vor sich sehen und zu erreichen hoffen. Denn sie betrügen sich selbst um ihr ganzes Dasein, indem sie stets nur ad interim [einstweilen, vorläufig] leben, - bis sie tot sind.
Arthur Schopenhauer

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Aber das Leben ist kurz und die Wahrheit wirkt ferne und lebt lange: sagen wir die Wahrheit.
Arthur Schopenhauer


Weil die Leute, statt des Besten aller Zeiten, immer nur das Neueste lesen, bleiben die Schriftsteller im engen Kreise der zirkulierenden Ideen, und das Zeitalter verschlammt in seinem eigenen Dreck.
Arthur Schopenhauer


Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren, vielmehr ist sie eine so schöne Spröde, daß selbst der, der ihr alles opfert, noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
Arthur Schopenhauer


Ganz er Selbst sein darf Jeder nur so lange er allein ist: wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wenn man alleine ist, ist man frei: Zwang ist der unzertrennliche Gefährte jeder Gesellschaft. Demgemäß wird jeder in genauer Proportion zum Werte seines eigenen Selbst die Einsamkeit fliehen, ertragen oder lieben.
Arthur Schopenhauer

Da werde ich wohl wieder vernehmen müssen, meine Philosophie sei trostlos; - eben nur weil ich nach der Wahrheit rede, die Leute aber hören wollen, Gott der Herr habe alles wohlgemacht. Geht in die Kirche und lasst die Philosophen in Ruhe.
Arthur Schopenhauer


Also wer erwartet, daß in der Welt die Teufel mit Hörnern und die Narren mit Schellen einhergehen, wird stets ihre Beute oder ihr Spiel sein.
Arthur Schopenhauer

Verlangen, dass ein großer Geist die Christliche, oder sonst eine Religion ernstlich glaube, ist wie verlangen, dass ein Riese den Schuh eines Zwergs anziehe.
Arthur Schopenhauer


Der eigentliche Charakter der Nordamerikanischen Nation ist Gemeinheit: sie zeigt sich an ihm in allen Formen, als moralische, intellektuelle, ästhetische und gesellige Gemeinheit; und nicht bloß im Privatleben, sondern auch im öffentlichen: sie verlässt den Yankee nicht, stelle er sich wie er will.
Arthur Schopenhauer

Du weißt es, die Religionen sind wie die Leuchtwürmer:
Um zu leuchten, bedürfen sie der Dunkelheit.
Arthur Schopenhauer

Die Deutschen zu loben? - Dazu würde mehr Vaterlandsliebe erfordert, als man nach dem Lose, welches mir geworden, billigerweise von mir verlangen kann.
Arthur Schopenhauer

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein: hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Thorheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.
Arthur Schopenhauer


Der Inhalt der Geschichte sind die europäischen Katzbalgereien.
Arthur Schopenhauer


Der geistreiche Mensch wird vor allem nach Schmerzlosigkeit, Ungehudeltsein, Ruhe und Muße streben, folglich ein stilles, bescheidenes, aber möglichst unangefochtenes Leben suchen und demgemäß, nach einiger Bekanntschaft mit den sogenannten Menschen, die Zurückgezogenheit und, bei großem Geiste, sogar die Einsamkeit wählen.
Arthur Schopenhauer


Tiere sind unsere in der Entwicklung zurückgebliebene Brüder und Schwestern. Man könne das Leben unter dem "Krötengezücht" der hässlichen Menschenfratzen nicht aushalten, wenn es nicht Hunde gäbe.
Arthur Schopenhauer

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Ein geistreicher Mensch hat in gänzlicher Einsamkeit an seinen eigenen Gedanken und Phantasien vortreffliche Unterhaltung, während von einem Stumpfen die fortwährende Abwechslung von Gesellschaften, Schauspielen, Ausfahrten und Lustbarkeiten die marternde Langeweile nicht abzuwehren vermag.
Arthur Schopenhauer

Die Gelehrten sind die, welche in den Büchern gelesen haben; die Denker, die Genies, die Welterleuchter und Förderer des Menschengeschlechts sind aber die, welche unmittelbar im Buche der Welt gelesen haben.
Arthur Schopenhauer


Das Nomadenleben, welches die unterste Stufe der Zivilisation bezeichnet, findet sich auf der höchsten im allgemein gewordenen Touristenleben wieder ein. Das erste ward von der Not, das zweite von der Langweile herbeigeführt.
Arthur Schopenhauer


Der gewöhnliche Mensch, diese Fabrikware der Natur, wie sie solche täglich zu Tausenden hervorbringt, ist, wie gesagt, einer in jedem Sinn völlig uninteressierten Betrachtung, welche die eigentliche Beschaulichkeit ist, wenigstens durchaus nicht anhaltend fähig. Er kann seine Aufmerksamkeit auf die Dinge nur insofern richten, als sie irgendeine wenn auch nur sehr mittelbare Beziehung auf seinen Willen haben.

Arthur Schopenhauer


Der Natur liegt bloß unser Dasein, nicht unser Wohlsein am Herzen.
Arthur Schopenhauer

Es gibt nur eine Heilkraft, und das ist die Natur; in Salben und Pillen steckt keine. Höchstens können sie der Heilkraft der Natur einen Wink geben, wo etwas für sie zu tun ist.

Arthur Schopenhauer

 

Das Recht an sich ist machtlos: von Natur herrscht die Gewalt. Dies nun zum Rechte hinüberzuziehen, so daß mittels der Gewalt das Recht herrsche, dies ist das Problem der Staatskunst.
Arthur Schopenhauer


englischer Jargon, dieses aus Lappen heterogener Stoffe zusammengeflickte Gedankenkleid.
Arthur Schopenhauer


Die andern Weltteile haben Affen; Europa hat Franzosen. Das gleicht sich aus.
Arthur Schopenhauer


Wenn ein Gott diese Welt gemacht hat, so möchte ich nicht der Gott sein; ihr Jammer würde mir das Herz zerreißen.
Arthur Schopenhauer


Die Religion ist eine Krücke für schlechte Staatsverfassungen.
Arthur Schopenhauer


Die, welche wähnen, daß die Wissenschaften immer weiter fortschreiten und immer mehr sich verbreiten können, ohne daß Dies die Religionen hindere, immerfort zu bestehn und zu florieren, - sind in einem großen Irrtum befangen. Religionen sind Kinder der Unwissenheit, die ihre Mutter nicht lange überleben.
Arthur Schopenhauer


Bin ich doch kein Philosophieprofessor, der es nötig hätte, vor dem Unverstand des andern Bücklinge zu machen.
Arthur Schopenhauer


Eine große Menge schlechter Schriftsteller lebt allein von der Narrheit des Publikums, nichts lesen zu wollen, als was heute gedruckt ist: - die Journalisten. Treffend benannt! Verdeutscht würde es heißen "Tagelöhner".
Arthur Schopenhauer

Traurig, in einer so tief gesunkenen Zeit zu leben, daß eine sich von selbst verstehende Wahrheit noch erst durch die Autorität eines großen Mannes beglaubigt werden muß.
Arthur Schopenhauer


Wenn man alt ist, hat man den Tod vor sich; aber wenn man jung ist, hat man das Leben vor sich: ich weiß nicht, welches von beiden beängstigender ist.
Arthur Schopenhauer


Ja, sogar muss, wer das Gute und Rechte hervorbringen und das Schlechte vermeiden soll, dem Urteile der Menge und ihrer Wortführer Trotz bieten, mithin sie verachten.
Arthur Schopenhauer


So lange Menschen denken, daß Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, daß Menschen nicht denken.
Arthur Schopenhauer


Die vollkommenste Lüge aber ist der gebrochene Vertrag.
Arthur Schopenhauer


Man hätte viel gewonnen, wenn man durch zeitige Belehrung, den Wahn, daß in der Welt viel zu holen sei, in den Jünglingen ausrotten könnte.
Arthur Schopenhauer


Es ist wirklich unglaublich, wie nichtssagend und bedeutungsleer, von außen gesehen, und wie dumpf und besinnungslos, von innen empfunden, das Leben der allermeisten Menschen dahinfließt. Es ist ein mattes Sehnen und Quälen, ein träumerisches Taumeln durch die vier Lebensalter hindurch zum Tode, unter Begleitung einer Reihe trivialer Gedanken.
Arthur Schopenhauer

Die Zeitungen sind der Sekundenzeiger der Geschichte. Derselbe ist meistens nicht nur von unedlerem Metalle, als die beiden anderen, sondern geht auch selten richtig.
Arthur Schopenhauer

Jene lehren, um Geld zu verdienen und streben nicht nach Weisheit, sondern nach dem Schein und Kredit derselben: und diese lernen nicht, um Kenntnis und Einsicht zu erlangen, sondern um schwätzen zu können und sich ein Ansehn zu geben.
Arthur Schopenhauer

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Die vermeinte Rechtlosigkeit der Tiere, der Wahn, daß unser Handeln gegen sie ohne moralische Bedeutung sei, oder, wie es in der Sprache jener Moral heißt, daß es gegen Tiere keine Pflichten gebe, ist geradezu eine empörende Rohheit und Barbarei des Okzidents, deren Quelle im Judentum liegt. In der Philosophie beruht sie auf der aller Evidenz zum Trotz angenommenen gänzlichen Verschiedenheit zwischen Mensch und Tier, welche bekanntlich am entschiedensten und grellsten von Cartesius ausgesprochen ward, als eine notwendige Konsequenz seiner Irrtümer.
Arthur Schopenhauer


Im Reiche der Wirklichkeit, so schön, glücklich und anmutig sie auch ausgefallen sein mag, bewegen wir uns doch stets nur unter dem Einfluss der Schwere, welcher unaufhörlich zu überwinden ist: hingegen sind wir, im Reiche der Gedanken, unkörperliche Geister, ohne Schwere und ohne Not. Daher kommt kein Glück auf Erden dem gleich, welches ein schöner und fruchtbarer Geist, zur glücklichen Stunde, in sich selbst findet.
Arthur Schopenhauer


Wer auf die Welt gekommen ist, sie ernstlich und in den wichtigsten Dingen zu belehren, der kann von Glück sagen, wenn er mit heiler Haut davon kommt.
Arthur Schopenhauer


Zum Proviant für die Lebensreise gehört auch ganz vorzüglich ein guter Vorrat von Resignation, den man erst (und zwar je früher je besser für den Rest der Reise) aus fehlgeschlagenen Hoffnungen abstrahieren muss.
Arthur Schopenhauer


Mit größtem Rechte sagt also Aristoteles: Das Glück gehört denen, die sich selber genügen. Denn alle äußeren Quellen des Glückes und Genusses sind, ihrer Natur nach, höchst unsicher, misslich, vergänglich und dem Zufall unterworfen, dürften daher, selbst unter den günstigsten Umständen, leicht stocken; ja, dieses ist unvermeidlich, sofern sie doch nicht stets zur Hand sein können.
Arthur Schopenhauer


Bekanntlich werden Übel dadurch erleichtert, dass man sie gemeinschaftlich erträgt: Zu diesen scheinen die Leute die Langeweile zu zählen; daher sie sich zusammensetzen, um sich gemeinschaftlich zu langweilen.
Arthur Schopenhauer


Diesem Allem zufolge steht die Geselligkeit eines Jeden ungefähr im umgekehrten Verhältnisse seins intellektuellen Wertes; und "er ist sehr ungesellig" besagt beinahe schon "er ist ein Mann von großen Eigenschaften".
Arthur Schopenhauer


Sogar sagt das Gesicht eines Menschen in der Regel mehr und Interessanteres als sein Mund: denn es ist das Kompendium alles dessen, was dieser je sagen wird; in dem er das Monogramm alles Denkens und Trachtens dieses Menschen ist. Auch spricht der Mund nur Gedanken eines Menschen, das Gesicht einen Gedanken der Natur aus. Daher ist jeder wert, daß man ihn aufmerksam betrachte; wenn auch nicht jeder, daß man mit ihm rede.
Arthur Schopenhauer


Sonach ist es ein aristokratisches Gefühl, welches den Hang zur Absonderung und Einsamkeit nährt.
Arthur Schopenhauer


Demgemäß wird die möglichste Einfachheit unserer Verhältnisse und sogar die Einförmigkeit der Lebensweise, solange sie nicht Langeweile erzeugt, beglücken; weil sie das Leben selbst, folglich auch die ihm wesentliche Last, am wenigsten spüren lässt, es fließt dahin wie ein Bach, ohne Wellen und Strudel.
Arthur Schopenhauer


Ob einer mehr Ursache hat, die Menschen zu suchen oder zu meiden, hängt davon ab, ob er mehr die Langeweile oder den Verdruß fürchtet.
Arthur Schopenhauer


Auch wird man einsehen, daß, Dummköpfen und Narren gegenüber, es nur einen Weg gibt, seinen Verstand an den Tag zu legen, und der ist, daß man mit ihnen nicht redet.
Arthur Schopenhauer

 

Also, was einer an sich selber hat, ist zu seinem Lebensglücke das Wesentlichste. Bloß weil dieses, in der Regel, so gar wenig ist, fühlen die meisten von denen, welche über den Kampf mit der Not hinaus sind, sich im Grunde ebenso unglücklich, wie die, welche sich noch darin herumschlagen. Die Leere ihres Innern, das Fade ihres Bewußtseins, die Armut ihres Geistes treibt sie zur Gesellschaft, die nun aber aus eben solchen besteht; weil: jeder erfreut sich an seinesgleichen.

Arthur Schopenhauer


Der Hund wird zu Recht als Inbegriff der Treue betrachtet. Wo denn sonst kann man vor der endlosen Verstellung, der Falschheit und dem Verrat des Menschen Zuflucht finden, wenn nicht beim Hund, dessen ehrliches Wesen ohne Misstrauen betrachtet werden kann.
Arthur Schopenhauer

Wenn es keine Hunde gäbe, möchte ich nicht leben.
Arthur Schopenhauer


Letztlich kommt es darauf an, wessen Gegenwart man leichter erträgt, die der anderen oder die eigene.
Arthur Schopenhauer


Nur wenn man allein ist, ist man frei: Zwang ist der unzertrennliche Gefährte jeder Gesellschaft, und jede fordert Opfer, die umso schwerer fallen, je bedeutender die eigene Individualität ist.
Arthur Schopenhauer


Die Philosophie ist eine hohe Alpenstraße, zu ihr führt nur ein steiler Pfad über spitze Steine und stechende Dornen: er ist einsam und wird immer öder, je höher man kommt, und wer ihn geht, darf kein Grausen kennen, sondern muß alles hinter sich lassen und sich getrost im kalten Schnee seinen Weg bahnen. Oft steht er plötzlich am Abgrund und sieht unten das grüne Tal: dahin zieht ihn der Schwindel gewaltsam hinab; aber er muß sich halten und sollte er mit dem eigenen Blut die Sohlen an den Felsen kleben. Dafür sieht er bald die Welt unter sich, ihre Sandwüsten und Moräste verschwinden, ihre Unebenheiten gleichen sich aus, ihre Mißtöne dringen nicht hinauf, ihre Rundung offenbart sich. Er selbst steht immer in reiner, kühler Alpenluft und sieht schon die Sonne, wenn unten noch schwarze Nacht liegt.
Arthur Schopenhauer

Das Glück gehört denen, die sich selbst genügen. Denn alle äußeren Quellen des Glückes und Genusses sind ihrer Natur nach höchst unsicher, misslich, vergänglich und dem Zufall unterworfen

Arthur Schopenhauer


Einsamkeit ist das Los aller hervorragender Geister: sie werden solche bisweilen beseufzen, aber stets sie als das kleinere von zwei Übeln erwählen.
Arthur Schopenhauer

Der Tor läuft den Genüssen des Lebens nach und sieht sich betrogen: der Weise vermeidet die Übel.
Arthur Schopenhauer

Das Affektieren irgendeiner Eigenschaft, das Sich-Brüsten damit, ist ein Selbstgeständnis, dass man sie nicht hat. Sei es Mut, oder Gelehrsamkeit, oder Geist, oder Witz, oder Glück bei Weibern, oder Reichtum, oder vornehmer Stand, oder was sonst, womit einer groß tut; so kann man daraus schließen, daß es ihm gerade daran in etwas gebricht; denn wer wirklich eine Eigenschaft vollkommen besitzt, dem fällt es nicht ein, sie herauszulegen und zu affektieren, sondern er ist darüber ganz beruhigt.
Arthur Schopenhauer

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. - So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zu einander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder von einander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehn kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! (Wahren Sie den Abstand!) - Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden. - Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.
Arthur Schopenhauer

Das Beste und meiste muss daher jeder sich selber sein oder leisten. Je mehr nun dieses ist, und je mehr demzufolge er die Quellen seiner Genüsse in sich selbst findet, desto glücklicher wird er sein.
Arthur Schopenhauer

Dem Willen zum Leben ist also das Leben gewiß, und solange wir von Lebenswillen erfüllt sind, dürfen wir für unser Dasein nicht besorgt sein, auch nicht beim Anblick des Todes.
Arthur Schopenhauer


Wir trösten uns über die Leiden des Lebens mit dem Tode, und über den Tod mit den Leiden des Lebens.
Arthur Schopenhauer


Über dies alles nun aber ist der Tod die große Gelegenheit, nicht mehr Ich zu sein: wohl dem, der sie benutzt.
Arthur Schopenhauer


Der Selbstmörder will das Leben und ist bloß mit den Bedingungen unzufrieden, unter denen es ihm geworden. Der Selbstmörder verneint bloß das Individuum, nicht die Spezies.
Arthur Schopenhauer


Nach deinem Tod wirst du das sein, was du vor deiner Geburt warst.
Arthur Schopenhauer


Die Heiterkeit und der Lebensmut unserer Jugend beruht zum Teil darauf, dass wir, bergauf gehend, den Tod nicht sehen; weil er am Fuß der andern Seite des Berges liegt.
Arthur Schopenhauer


Für uns ist und bleibt der Tod ein Negatives, - das Aufhören des Lebens: allein er muss auch eine positive Seite haben, die jedoch uns verdeckt bleibt, weil unser Intellekt durchaus unfähig ist, sie zu fassen. Daher erkennen wir wohl, was wir durch den Tod verlieren, aber nicht, was wir durch ihn gewinnen.
Arthur Schopenhauer


Wenn was uns den Tod so schrecklich erscheinen läßt der Gedanke des Nichtseins wäre; so müßten wir mit gleichem Schauder der Zeit gedenken, da wir noch nicht waren. Denn es ist unumstößlich gewiß, daß das Nichtsein nach dem Tode nicht verschieden sein kann von dem vor der Geburt, folglich auch nicht beklagenswerter.
Arthur Schopenhauer

Der Tod ist ein Schlaf, in welchem die Individualität vergessen wird: alles andere erwacht wieder, oder vielmehr ist wach geblieben.
Arthur Schopenhauer


Besonders aber gebe man dem Gehirn das zu seiner Reflexion nötige, volle Maß des Schlafes; denn der Schlaf ist für den ganzen Menschen, was das Aufziehen für die Uhr.
Arthur Schopenhauer

Jeder Tag ist ein kleines Leben - jedes Erwachen und Aufstehen eine kleine Geburt, jeder frische Morgen eine kleine Jugend, und jedes Zubettgehen und Einschlafen ein kleiner Tod.
Arthur Schopenhauer

Ist es der Geist, ist es die Erkenntnis, welche den Menschen zum Herrn der Erde macht; so gibt es keine unschädlichen Irrtümer, noch weniger ehrwürdige, heilige Irrtümer.
Arthur Schopenhauer


Wer nie einen Hund gehabt hat, weiß nicht, was Lieben und Geliebt werden heißt.
Arthur Schopenhauer


Erst, wenn jene einfache und über allen Zweifel erhabene Wahrheit, daß die Tiere in der Hauptsache und im Wesentlichen ganz dasselbe sind, was wir, in's Volk gedrungen sein wird, werden die Tiere nicht mehr als rechtlose Wesen dastehen und demnach der bösen Laune und Grausamkeit jedes rohen Buben preisgegeben sein; - und wird es nicht jedem Medikaster freistehen, jede abenteuerliche Grille seiner Unwissenheit durch die gräßlichste Qual einer Unzahl Tiere auf die Probe zu stellen, wie heutzutage geschieht.
Arthur Schopenhauer


Wie die Schichten der Erde die lebenden Wesen vergangener Epochen reihenweise aufbewahren; so bewahren die Bretter der Bibliotheken reihenweise die vergangenen Irrtümer und deren Darlegungen, welche, wie jene Ersteren, zu ihrer Zeit, sehr lebendig waren und viel Lärm machten, jetzt aber starr und versteinert dastehn, wo nur noch der literarische Paläontologe sie betrachtet.
Arthur Schopenhauer

Woran sollte man sich von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke der Menschen erholen, wenn die Hunde nicht wären, in deren ehrliches Gesicht man ohne Mißtrauen schauen kann?

Arthur Schopenhauer

 

Alles Behaartsein ist tierisch. Die Rasur ist das Abzeichen höherer Zivilisation.

Arthur Schopenhauer


Es ist nicht genug, daß man verstehe, der Natur Daumenschrauben anzulegen; man muß sie auch verstehen können, wenn sie aussagt.
Arthur Schopenhauer


Der schlechteste Zug in der menschlichen Natur bleibt aber die Schadenfreude, da sie der Grausamkeit enge verwandt ist, ja eigentlich von dieser sich nur wie Theorie von Praxis unterscheidet, überhaupt aber da eintritt, wo das Mitleid seine Stelle finden sollte, welches, als ihr Gegenteil, die wahre Quelle aller echten Gerechtigkeit und Menschenliebe ist.
Arthur Schopenhauer

Dennoch aber sind die Menschen tausendmal mehr bemüht, sich Reichtum, als Geistesbildung zu erwerben; während doch ganz gewiss was man ist, viel mehr zu unserm Glücke beiträgt, als was man hat.
Arthur Schopenhauer


Die geistige Überlegenheit, sogar die größte, wird in der Konversation ihr entschiedenes Übergewicht erst nach dem vierzigsten Jahre geltend machen.
Arthur Schopenhauer


Während nämlich der Geist des Kindes noch ganz arm an Anschauungen ist, prägt man ihm schon Begriffe und Urteile ein, recht eigentliche Vorurteile.
Arthur Schopenhauer


Der große Haufen nämlich hat Augen und Ohren, aber nicht viel mehr, zumal blutwenig Urteilskraft und selbst wenig Gedächtnis.
Arthur Schopenhauer


Stumpfheit des Geistes ist durchgängig im Verein mit Stumpfheit der Empfindung und Mangel an Reizbarkeit, welche Beschaffenheit für Schmerzen und Betrübnisse jeder Art und Größe weniger empfänglich macht: aus eben dieser Geistesstumpfheit aber geht andererseits jene, auf zahllosen Gesichtern ausgeprägte, wie auch durch die beständig rege Aufmerksamkeit auf alle, selbst die kleinsten Vorgänge in der Außenwelt sich verratende innere Leerheit hervor, welche die wahre Quelle der Langenweile ist und stets nach äußerer Anregung lechzt, um Geist und Gemüt durch irgendetwas in Bewegung zu bringen. In der Wahl desselben ist sie daher nicht ekel; wie dies die Erbärmlichkeit der Zeitvertreibe bezeugt, zu denen man Menschen greifen sieht, im gleichen die Art ihrer Geselligkeit und Konversation, nicht weniger die vielen Türsteher und Fenstergucker.
Arthur Schopenhauer


Groß überhaupt ist nur der, welcher bei seinem Wirken, dieses sei nun ein praktisches, oder ein theoretisches, nicht seine Sache sucht; sondern allein einen objektiven Zweck verfolgt.
Arthur Schopenhauer


Das charakteristische Merkmal der Geister ersten Ranges ist die Unmittelbarkeit aller ihrer Urteile. Alles was sie vorbringen ist Resultat ihres selbsteigenen Denkens und kündigt sich, schon durch den Vortrag, überall als solches an. Sie haben sonach, gleich den Fürsten, eine Reichsunmittelbarkeit, im Reiche der Geister: die Übrigen sind alle mediatisiert; welches schon an ihrem Stil, der kein eigenes Gepräge hat, zu ersehen ist.
Arthur Schopenhauer


Unmäßige Freude und sehr lebhafter Schmerz finden sich immer nur in derselben Person ein: Denn beide bedingen sich wechselseitig und sind auch gemeinschaftlich durch große Lebhaftigkeit des Geistes bedingt.
Arthur Schopenhauer


So ist Genialität nichts anderes, als die vollkommenste Objektivität, d.h. objektive Richtung des Geistes, entgegengesetzt der subjektiven, auf die eigene Person, d. i. den Willen, gehenden.
Arthur Schopenhauer


Zu den echten persönlichen Vorzügen, dem großen Geiste, oder großen Herzen, verhalten sich alle Vorzüge des Ranges, der Geburt, selbst der königlichen, des Reichtums und dergleichen, wie die Theater-Könige zu den wirklichen.
Arthur Schopenhauer


Alle Geister sind dem unsichtbar, der keinen hat: und jede Wertschätzung ist ein Produkt aus dem Werte des Geschätzten mit der Erkenntnissphäre des Schätzers.
Arthur Schopenhauer


Wie unser Leib in die Gewänder, so ist unser Geist in Lügen verhüllt. Unser Reden, Tun, unser ganzes Wesen ist lügenhaft; und erst durch diese Hülle hindurch kann man bisweilen unsere wahren Gesinnungen erraten, wie durch die Gewänder hindurch die Gestalt des Leibes.
Arthur Schopenhauer


Alle Formen nimmt die Geistlosigkeit an, um sich dahinter zu verstecken: sie verhüllt sich in Schwulst, in Bombast, in den Ton der Überlegenheit und Vornehmigkeit und in hundert andere Formen.
Arthur Schopenhauer

Die Tendenz der spartanischen Gesetze und Erziehung war,
aus den Bürgern reißende Tiere zu machen.
Arthur Schopenhauer

Das schlimmste bei der Sache ist, dass allgemach eine junge Generation heranwächst, welche, da sie stets nur das Neueste liest, schon kein anderes Deutsch mehr kennt, als diesen verrenkten Jargon des impotenten, nämlich durch Hegel kastrierten, Zeitalters im langen Bart, welches, weil es nichts Besseres zu tun weiß, sich ein Gewerbe daraus macht, die deutsche Sprache zu demolieren.
Arthur Schopenhauer


Ein eigentümlicher Fehler der Deutschen ist, daß sie, was vor ihren Füßen liegt, in den Wolken suchen.
Arthur Schopenhauer


Den Deutschen hat man vorgeworfen, dass sie bald den Franzosen, bald den Engländern nachahmen: das ist aber gerade das Klügste, was sie tun können: denn aus eigenen Mitteln bringen sie doch nichts Gescheites zu Markte.
Arthur Schopenhauer


Die große Mehrzahl der Menschen findet es viel leichter, den Himmel durch Gebete zu erbetteln als durch Handlungen zu verdienen.
Arthur Schopenhauer


Daß das Altertum mit so viel Unschuld bekleidet vor uns steht, ist doch bloß, weil es das Christentum nicht kannte.
Arthur Schopenhauer


Mir ist unter den Menschen fast immer, wie dem Jesus von Nazareth war, als er die Jünger rief, die immer alle schliefen.
Arthur Schopenhauer


Bei keiner Sache hat man so sehr den Kern von der Schale zu unterscheiden, wie beim Christentum. Eben weil ich diesen Kern hochschätze, mache ich mit der Schale bisweilen wenig Umstände: sie ist jedoch dicker, als man meistens denkt.
Arthur Schopenhauer


Gegen den Pantheismus habe ich hauptsächlich nur dieses, daß er nichts besagt. Die Welt Gott nennen heißt nicht sie erklären, sondern nur die Sprache mit einem überflüssigen Synonym des Wortes Welt bereichern. Ob ihr sagt "die Welt ist Gott", oder "die Welt ist Welt" läuft auf eins hinaus.
Arthur Schopenhauer


Das Christentum freilich hat einen Standpunkt eingenommen, von dem aus es eine Spanne Zeit überblickt; der Buddhismus einen, von dem aus die Unendlichkeit in Zeit und Raum sich ihm darstellt und sein Thema wird.
Arthur Schopenhauer

Ein Heiliger kann voll des absurdesten Aberglaubens sein, oder er kann umgekehrt ein Philosoph sein: Beides gilt gleich. Sein Tun allein beurkundet ihn als Heiligen.
Arthur Schopenhauer


Der Glaube ist wie die Liebe: er lässt sich nicht erzwingen. Daher ist es ein missliches Unternehmen, ihn durch Staatsmaßregeln einführen, oder befestigen zu wollen: Denn, wie der Versuch, Liebe zu erzwingen, Haß erzeugt; so der, Glauben zu erzwingen, erst rechten Unglauben.
Arthur Schopenhauer


In früheren Jahrhunderten war die Religion ein Wald, hinter welchem Heere halten und sich decken konnten. Aber nach so vielen Fällungen ist sie nur noch ein Buschwerk, hinter welchem gelegentlich Gauner sich verstecken.
Arthur Schopenhauer

Ich weiß mir kein schöneres Gebet, als das, womit die alt-indischen Schauspiele [...] schließen. Es lautet: "Mögen alle lebenden Wesen von Schmerzen frei bleiben."
Arthur Schopenhauer


Wenn die Welt erst ehrlich genug geworden sein wird, um Kindern vor dem 15ten Jahr keinen Religionsunterricht zu erteilen: dann wird etwas von ihr zu hoffen sein.
Arthur Schopenhauer


Wer für alle Zeiten schreiben will, sei kurz, bündig, auf das Wesentliche beschränkt; er sei, bis zur Kargheit, bei jeder Phrase und jedem Wort bedacht, ob es nicht auch zu entbehren sei; wie, wer den Koffer zur weiten Reise packt, bei jeder Kleinigkeit, die er hineinlegt, überlegt, ob er nicht auch sie weglassen könne.
Das hat Jeder, der für alle Zeiten schrieb, gefühlt und getan.
Arthur Schopenhauer


Wer nachlässig schreibt legt dadurch zunächst das Bekenntnis ab, dass er selbst seinen Gedanken keinen großen Wert beilegt.
Arthur Schopenhauer


Auch entstehen gewöhnlich erst im Alter die reifsten Werke. Denn bis zum fünfunddreißigsten Jahre müssen zwar Ideen, die Grundgedanken gesammelt und eingetragen sein; aber die Verarbeitung und Beherrschung dieses Stoffes ist doch erst das Werk des späten Alters.
Arthur Schopenhauer


Das ganze Wesen der Welt abstrakt, allgemein und deutlich in Begriffen zu wiederholen und so als reflektiertes Abbild in bleibenden und stets bereitliegenden Begriffen der Vernunft niederzulegen: dieses und nichts anderes ist Philosophie.
Arthur Schopenhauer


Begriffe sind freilich das Material der Philosophie, aber nur so, wie der Marmor das Material des Bildhauers ist: sie soll nicht aus ihnen, sondern in sie arbeiten, d. h. ihre Resultate in ihnen niederlegen, nicht aber von ihnen, als dem Gegebenen ausgehen.
Arthur Schopenhauer


Bei der imposanten Gelehrsamkeit jener Vielwisser sage ich mir bisweilen: O, wie wenig muß doch einer zu denken gehabt haben, damit er so viel hat lesen können!
Arthur Schopenhauer


Lesen soll man nur dann, wenn die Quelle der eigenen Gedanken stockt, was auch beim besten Kopfe oft genug der Fall sein wird.
Arthur Schopenhauer


Die wahre Philosophie wird sich dadurch bewähren, daß die unzählbaren Widersprüche, von denen die Welt (aus jedem andern Standpunkt gesehn) voll ist, in ihrem Lichte sich auflösen und verschwinden, hingegen Zusammenhang und Übereinstimmung überall zu finden sind.
Arthur Schopenhauer

Diese reinen Gelehrten, Überlieferer des Überlieferten, haben jedoch den Nutzen, dass das Vorhandene durch sie sich erhält und zu dem selbstdenkenden Menschen gelangen kann, der immer nur als eine Ausnahme, als ein Wesen von ungewöhnlicher Art dasteht. Er wird durch jene Überlieferer mit seinesgleichen in Verbindung gesetzt, die einzeln und zerstreut in den Jahrhunderten lebten, und kann so die eigene Kraft durch die Bildung stärken und wirksamer machen: wie man durch die Postsekretäre in Verbindung gesetzt wird mit seinen entfernten Anverwandten.
Arthur Schopenhauer


In der Jugend herrscht die Anschauung, im Alter das Denken vor: daher ist jene Zeit für Poesie, dieses mehr für Philosophie.
Arthur Schopenhauer


Intuitiv nämlich oder in concreto ist sich eigentlich jeder Mensch aller philosophischen Wahrheiten bewußt: Sie aber in sein abstraktes Wissen, in die Reflexion zu bringen, ist das Geschäft des Philosophen, der weiter nichts soll noch kann.
Arthur Schopenhauer


Zudem taugen viele Bücher bloß, zu zeigen, wie viele Irrwege es gibt und wie arg man sich verlaufen kann, wenn man von ihnen selbst sich leiten ließe.
Arthur Schopenhauer


Aber mehr noch, als jeder andere, soll der Philosoph aus jener Urquelle, der anschauenden Erkenntnis, schöpfen und daher stets die Dinge selbst, die Natur, die Welt, das Leben ins Auge fassen, sie, und nicht die Bücher, zum Texte seiner Gedanken machen, auch stets an ihnen alle fertig überkommenen Begriffe prüfen und kontrollieren, die Bücher also nicht als Quellen der Erkenntnis, sondern nur als Beihilfe benutzen.
Arthur Schopenhauer

Man betrachte z.B. den Koran: dieses schlechte Buch war hinreichend, eine Weltreligion zu begründen, das metaphysische Bedürfniß zahlloser Millionen Menschen seit 1200 Jahren zu befriedigen, die Grundlage ihrer Moral und einer bedeutenden Verachtung des Todes zu werden, wie auch, sie zu blutigen Kriegen und den ausgedehntesten Eroberungen zu begeistern. Wir finden in ihm die traurigste und ärmlichste Gestalt des Theismus.
Arthur Schopenhauer


Nichts ist leichter, als so zu schreiben, dass kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, dass jeder sie verstehen muss.
Arthur Schopenhauer

Die Konversation unter Dutzendmenschen, wenn sie sich nicht gerade auf spezielle Tatsachen bezieht, sondern einen allgemeinen Charakter annimmt, besteht in abgehackten Gemeinplätzen, die einer dem andern abwechselnd nachplappert und das mit der größten Selbstzufriedenheit.
Arthur Schopenhauer

Erst im späten Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich das horazische nil admirari, d.h. die unmittelbare, aufrichtige und feste Überzeugung von der Eitelkeit aller Dinge und der Hohlheit aller Herrlichkeiten der Welt: die Chimären sind verschwunden.
Arthur Schopenhauer


Woher denn anders hat Dante den Stoff zu seiner Hölle genommen,
als aus dieser unserer wirklichen Welt?
Arthur Schopenhauer


Denn was sich liebt und füreinander geboren ist, findet sich leicht zusammen: verwandte Seelen grüßen sich schon aus der Ferne.
Arthur Schopenhauer

Überhaupt aber zeigt der, welcher bei allen Unfällen gelassen bleibt, daß er weiß, wie kolossal und tausendfältig die möglichen Übel des Lebens sind, weshalb er das jetzt eingetretene ansieht als einen sehr kleinen Teil dessen, was kommen könnte: Dies ist die stoische Gesinnung.
Arthur Schopenhauer

Vergeben und vergessen heißt, gemachte kostbare Erfahrungen zum Fenster hinauswerfen.

Arthur Schopenhauer

Was nun andrerseits die Menschen gesellig macht, ist ihre Unfähigkeit, die Einsamkeit und in dieser sich selbst zu ertragen.

Arthur Schopenhauer


Zu seinem Freunde wird wohl lieber jeder den Redlichen, den Gutmütigen, ja, selbst den Gefälligen, Nachgiebigen und leicht zu bestimmenden wählen, als den bloß Geistreichen.
Arthur Schopenhauer


Hieraus aber folgt, dass die größte aller Torheiten ist, seine Gesundheit aufzuopfern, für was es auch sei, für Erwerb, für Beförderung, für Gelehrsamkeit, für Ruhm, geschweige für Wollust und flüchtige Genüsse; vielmehr soll man ihr alles nachsetzen.
Arthur Schopenhauer

Ohne Hören, ohne Sehen
Steht der Gute sinnend da;
Und er fragt, wie das geschehen,
Und warum ihm das geschah.
Arthur Schopenhauer

Dem gewöhnlichen Menschen ist sein Erkenntnisvermögen nichts andres als die Laterne, die seinen Weg erleuchtet, dem genialen ist es die Sonne, welche die Welt offenbar macht.
Arthur Schopenhauer


Je edler und vollkommener eine Sache ist, desto später und langsamer gelangt sie zur Reife.
Arthur Schopenhauer


Wenn man auch noch so alt wird, so fühlt man doch im Innern sich ganz und gar als denselben, der man war, als man jung, ja, als man noch ein Kind war. Dieses, was unverändert stets ganz dasselbe bleibt und nicht mitaltert, ist eben der Kern unseres Wesens, welcher nicht in der Zeit liegt.
Arthur Schopenhauer


Es gibt drei Aristokratien:
1. die der Geburt und des Ranges;
2. die Geldaristokratie;
3. die geistige Aristokratie.
Letztere ist eigentlich die vornehmste.
Arthur Schopenhauer


Der Charakter der Dinge dieser Welt, namentlich der Menschenwelt, ist nicht sowohl, wie oft gesagt wurde, Unvollkommenheit, als vielmehr Verzerrung, im Moralischen, im Intellektuellen, Physischen, in allem.
Arthur Schopenhauer


Dem bei weitem größten Teil der Menschen aber sind die rein intellektuellen Genüsse nicht zugänglich; der Freude, die im reinen Erkennen liegt, sind sie fast ganz unfähig: Sie sind gänzlich auf das Wollen verwiesen.
Arthur Schopenhauer


Man bestreite keines Menschen Meinung; sondern bedenke, dass, wenn man alle Absurditäten, die er glaubt, ihm ausreden wollte, man Methusalems Alter erreichen könnte, ohne damit fertig zu werden.
Arthur Schopenhauer


Nachahmung fremder Eigenschaften und Eigentümlichkeiten ist viel schimpflicher als das Tragen fremder Kleider: denn es ist das Urteil der eigenen Wertlosigkeit, von sich selbst ausgesprochen.
Arthur Schopenhauer


Der Kluge ist der, welchen die scheinbare Stabilität nicht täuscht und der noch dazu die Richtung, welche der Wechsel zunächst nehmen wird, vorhersieht.
Arthur Schopenhauer


Es ist durchaus töricht, eine gute gegenwärtige Stunde von sich zu stoßen, oder sie sich mutwillig zu verderben, aus Verdruss über das Vergangene, oder Besorgnis wegen des Kommenden.
Arthur Schopenhauer


Von einem, der spazieren geht, kann man niemals behaupten, er mache einen Umweg.
Arthur Schopenhauer


Ein glückliches Leben ist unmöglich: Das Höchste, was der Mensch erlangen kann, ist ein heroischer Lebenslauf.
Arthur Schopenhauer


Denn wer den Ernst gekostet hat, dem wird der Spaß, zumal von der langweiligen Art, nicht mehr munden.
Arthur Schopenhauer


Viele leben zu sehr in der Gegenwart; die Leichtsinnigen. Andere zu sehr in der Zukunft: die Ängstlichen und Besorglichen. Selten wird einer genau das rechte Maß halten.
Arthur Schopenhauer
Wer nicht zeitlebens gewissermaßen ein großes Kind bleibt, sondern ein ernsthafter, nüchterner, durchweg gesetzter und vernünftiger Mann wird, kann ein sehr nützlicher und tüchtiger Bürger dieser Welt sein; nur nimmermehr ein Genie.
Arthur Schopenhauer


Daher also, daher, aus dem Orkus kommt alles, und dort ist schon jedes gewesen, das jetzt Leben hat: - wären wir nur fähig, den Taschenspielerstreich zu begreifen, vermöge dessen das geschieht; dann wäre alles klar.
Arthur Schopenhauer


Bei manchem ist es am klügsten zu denken: "Ändern werde ich ihn nicht; also will ich ihn benutzen."
Arthur Schopenhauer


Die ersten vierzig Jahre unseres Lebens liefern den Text, die folgenden dreißig den Kommentar dazu, der uns den wahren Sinn und Zusammenhang des Textes, nebst der Moral und allen Feinheiten desselben, erst recht verstehen lehrt.
Arthur Schopenhauer


Der Morgen ist die Jugend des Tages: Alles ist heiter, frisch und leicht: wir fühlen uns kräftig und haben alle unsere Fähigkeiten zu völliger Disposition. Man soll ihn nicht durch spätes Aufstehen verkürzen, noch auch an unwürdige Beschäftigungen oder Gespräche verschwenden, sondern ihn als die Quintessenz des Lebens betrachten und gewissermaßen heilig halten.
Arthur Schopenhauer


Das freie Wesen muß auch das ursprüngliche sein. Ist unser Wille frei, so ist er auch das Urwesen; und umgekehrt.
Arthur Schopenhauer


Das Leben der Pflanzen geht auf im bloßen Dasein: demnach ist sein Genuß ein rein und absolut subjektives, dumpfes Behagen.
Arthur Schopenhauer


Das Rezept des Arztes ist gerade so viel wie ein Los in der Lotterie: - es kann das rechte sein.
Arthur Schopenhauer


Glauben und Wissen vertragen sich nicht wohl im selben Kopfe: sie sind darin wie Wolf und Schaf in einem Käfig; und zwar ist das Wissen der Wolf, der den Nachbarn aufzufressen droht.
Arthur Schopenhauer


Wenn man jedem die entsetzlichen Qualen und Schmerzen, denen sein Leben beständig offen steht, vor die Augen bringen wollte, so würde ihn Grausen ergreifen: und wenn man den verstocktesten Optimisten durch die Krankenhospitäler, Lazarethe, und chirurgischen Marterkammern, durch die Gefängnisse, Folterkammern und Sklavenställe, über Schlachtfelder und Gerichtsstätten führen, dann alle die finstern Behausungen des Elends, wo es sich vor den Blicken kalter Neugier verkriecht, ihm öffnen und zum Schluß ihn in den Hungerthurm des Ugolino blicken lassen wollte; so würde sicherlich auch er zuletzt einsehen, welcher Art diese meilleur des mondes possibles ist.
Arthur Schopenhauer


Armut im Alter ist ein großes Unglück. Ist diese gebannt und die Gesundheit geblieben; so kann das Alter ein sehr erträglicher Teil des Lebens sein. Bequemlichkeit und Sicherheit sind seine Hauptbedürfnisse: daher liebt man im Alter, noch mehr als früher, das Geld, weil es den Ersatz für die fehlenden Kräfte gibt.
Arthur Schopenhauer

Die größte aller Torheiten ist, seine Gesundheit aufzuopfern, für was es auch sei, für Erwerb, für Beförderung, für Gelehrsamkeit, für Ruhm, geschweige für Wollust und flüchtige Genüsse: Vielmehr soll man ihr alles nachsetzen.

Arthur Schopenhauer


Wer unter Menschen zu leben hat, darf keine Individualität, sofern sie doch einmal von der Natur gesetzt und gegeben ist, unbedingt verwerfen; auch nicht die schlechteste, erbärmlichste oder lächerlichste. Er hat sie vielmehr zu nehmen als ein Unabänderliches, welches, infolge eines ewigen und metaphysischen Prinzips, so sein muss, wie es ist, und in den argen Fällen soll er denken: "Es muss auch solche Käuze geben". Hält er es anders, so tut er unrecht und fordert den andern heraus, zum Kriege auf Tod und Leben.
Arthur Schopenhauer

Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, dass wir allen Leuten die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine verdienen; sodann, dass wir den lebhaftesten Anteil an ihnen simulieren, während wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben.
Arthur Schopenhauer

Da unser größtes Vergnügen darin besteht, bewundert zu werden, die Bewunderer aber, selbst wo alle Ursache wäre, sich ungern dazu herbeilassen, so ist der Glücklichste der, welcher, gleichviel wie, es dahin gebracht hat, sich selbst aufrichtig zu bewundern. Nur müssen die andern ihn nicht irre machen.
Arthur Schopenhauer

Aber, im Ganzen genommen, liegt, wie längst gesagt ist, die Welt im Argen: die Wilden fressen einander und die Zahmen betrügen einander, und das nennet man den Lauf der Welt.
Arthur Schopenhauer

Es gibt nur einen angeborenen Irrtum, und es ist der, daß wir da sind, um glücklich zu sein.
Arthur Schopenhauer

Unser ganzes Leben ist ein unausgesetzter Kampf mit Hindernissen, die am Ende den Sieg davontragen.
Arthur Schopenhauer

Im Ganzen und Allgemeinen jedoch beruht die dem Genie beigegebene Melancholie darauf, daß der Wille zum Leben, von je hellerem Intellekt er sich beleuchtet findet, desto deutlicher das Elend seines Zustandes wahrnimmt.
Arthur Schopenhauer

Hoffnung ist die Verwechselung des Wunsches einer Begebenheit mit ihrer Wahrscheinlichkeit.
Arthur Schopenhauer

Im Alter versteht man besser die Unglücksfälle zu verhüten, in der Jugend, sie zu ertragen.
Arthur Schopenhauer

Mitleid mit Tieren hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Tiere grausam ist, könne kein guter Mensch sein.
Arthur Schopenhauer

Überhaupt aber tragen glänzende, rauschende Feste und Lustbarkeiten stets eine Leere, wohl gar einen Misston im Innern; schon weil sie dem Elend und der Dürftigkeit unseres Daseins laut widersprechen, und der Kontrast erhöht die Wahrheit.
Arthur Schopenhauer

Was dem Herzen widerstrebt, lässt der Kopf nicht ein.
Arthur Schopenhauer

Der Reichtum gleicht dem Seewasser: je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man. - Dasselbe gilt vom Ruhm.
Arthur Schopenhauer

Übrigens sind auch solche Leute, die wegen der Dumpfheit ihres Bewusstseins ohne Bedürfnis und ohne Anlage zur Philosophie sind, darum doch nicht ohne eine Art von Philosophie, von System religiöser oder andrer Art: denn sie sind doch Menschen und bedürfen als solche einer Metaphysik: aber sie haben eben das erste beste festgehalten und sind meistens sehr hartnäckig in dessen Behauptung, weil, wenn sie es fahren ließen, dies ihnen die Notwendigkeit auflegen würde, zu denken, zu forschen, zu lernen: was sie eben vorzüglich scheuen und daher sehr froh sind, so etwas ein für allemal zu haben, was sie jeder Arbeit dieser Art überhebt.
Arthur Schopenhauer

Vom Standpunkte der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkte des Alters aus eine sehr kurze Vergangenheit.
Arthur Schopenhauer

Das Publikum ist so einfältig, lieber das Neue als das Gute zu lesen.
Arthur Schopenhauer

Der Jammer des Lebens geht schon genugsam aus der einfachen Betrachtung hervor, dass das Leben der allermeisten Menschen nichts ist als ein beständiger Kampf um diese Existenz selbst, mit der Gewissheit ihn zuletzt zu verlieren.
Arthur Schopenhauer

Für das praktische Leben ist das Genie so brauchbar wie ein Stern-Teleskop im Theater.
Arthur Schopenhauer

Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand.
Arthur Schopenhauer

Alles Urdenken geschieht in Bildern: darum ist die Phantasie ein so notwendiges Werkzeug desselben, und werden phantasielose Köpfe nie etwas Großes leisten, - es sei denn in der Mathematik.
Arthur Schopenhauer

Daß die niedrigste aller Geistestätigkeiten die arithmetische sei, wird dadurch belegt, daß sie die einzige ist, welche auch durch eine Maschine ausgeführt werden kann.
Arthur Schope

Klopfte man an die Gräber und fragte die Toten, ob sie wieder aufstehen wollten; sie würden mit den Köpfen schütteln.
Arthur Schopenhauer

Gerade in Kleinigkeiten, als bei welchen der Mensch sich nicht zusammennimmt, zeigt er seinen Charakter, und da kann man oft, an geringfügigen Handlungen, an bloßen Manieren, den grenzenlosen, nicht die mindeste Rücksicht auf andere kennenden Egoismus bequem beobachten, der sich nachher im Großen nicht verleugnet, wiewohl verlarvt.
Arthur Schopenhauer

Es gibt Leute; die zahlen für Geld jeden Preis.
Arthur Schopenhauer

Denn überhaupt um fremden Wert willig und frei anzuerkennen und gelten zu lassen, muß man eigenen haben.
Arthur Schopenhauer

Die Welt ist eben die Hölle, und die Menschen sind einerseits die gequälten Seelen und andererseits die Teufel darin.
Arthur Schopenhauer

Man muss alt geworden sein, also lange gelebt haben, um zu erkennen, wie kurz das Leben ist.
Arthur Schopenhauer

Das fortwährende Dasein des Menschengeschlechts ist bloß ein Beweis der Geilheit desselben.
Arthur Schopenhauer

Als Zweck unseres Daseins ist in der Tat nichts anderes anzugeben, als die Erkenntnis, daß wir besser nicht da wären.
Arthur Schopenhauer

Wer wagt mir zu widersprechen, wenn ich sage, die Menschen sind wesentlich böse, wesentlich unglücklich, wesentlich töricht?
Arthur Schopenhauer

Der Charakter des Menschen ist konstant: er bleibt der selbe, das ganze Leben hindurch.
Arthur Schopenhauer

So lange wir jung sind, mag man uns sagen, was man will, halten wir das Leben für endlos und gehen danach mit der Zeit um. Je älter wir werden, desto mehr ökonomisieren wir unsere Zeit. Denn im späteren Alter erregt jeder verlebte Tag eine Empfindung, welche der verwandt ist, die bei jedem Schritt ein zum Hochgericht geführter Delinquent hat.
Arthur Schopenhauer

Indessen ist die größte Eiche einmal eine Eichel gewesen, die jedes Schwein verschlucken konnte.
Arthur Schopenhauer

Wenn die ganze Welt eine Bühne ist, wo sitzen dann die Zuschauer?
Arthur Schopenhauer

Was der Reichtum über die Befriedigung der wirklichen und natürlichen Bedürfnisse hinaus noch leisten kann, ist von geringem Einfluß auf unser eigentliches Wohlbehagen: vielmehr wird dieses gestört durch die vielen und unvermeidlichen Sorgen, welche die Erhaltung eines großen Besitzes herbeiführt. Dennoch aber sind die Menschen tausendmal mehr bemüht, sich Reichtum, als Geistesbildung zu erwerben; während doch ganz gewiß was man ist viel mehr zu unserm Glücke beiträgt, als was man hat.
Arthur Schopenhauer

Umgekehrt nun aber wird Geistesarmut, Verworrenheit, Verschrobenheit sich in die gesuchtesten Ausdrücke und dunkelsten Redensarten kleiden, um so in schwierige und pomphafte Phrasen kleine, winzige, nüchterne, oder alltägliche Gedanken zu verhüllen, demjenigen gleich, der, weil ihm die Majestät der Schönheit abgeht, diesen Mangel durch die Kleidung ersetzen will und unter barbarischem Putz, Flittern, Federn, Krausen, Puffen und Mantel, die Winzigkeit oder Häßlichkeit seiner Person zu verstecken sucht.
Arthur Schopenhauer

Was einer ›an sich selbst hat‹,
kommt ihm nie mehr zugute als im Alter.
Arthur Schopenhauer

Was aber das Leben des Einzelnen betrifft, so ist jede Lebensgeschichte eine Leidensgeschichte: denn jeder Lebenslauf ist, in der Regel, eine fortgesetzte Reihe großer und kleiner Unfälle, die zwar jeder möglichst verbirgt, weil er weiß, daß andere selten Teilnahme oder Mitleid, fast immer aber Befriedigung durch die Vorstellung der Plagen, von denen sie gerade jetzt verschont sind, dabei empfinden müssen; - aber vielleicht wird nie ein Mensch, am Ende seines Lebens, wenn er besonnen und zugleich aufrichtig ist, wünschen, es nochmals durchzumachen, sondern, eher als das, viel lieber gänzliches Nichtsein erwählen.
Arthur Schopenhauer

Überhaupt aber wird zur Entdeckung der wichtigsten Wahrheiten nicht die Beobachtung der seltenen und verborgenen, nur durch Experimente darstellbaren Erscheinungen führen; sondern die der offen daliegenden, jedem zugänglichen Phänomene. Daher ist die Aufgabe nicht sowohl, zu sehn was noch keiner gesehn hat, als, bei dem, was jeder sieht, zu denken, was noch keiner gedacht hat.
Arthur Schopenhauer


Der Rang, so wichtig er in den Augen des großen Haufens und der Philister, und so groß sein Nutzen im Getriebe der Staatsmaschine sein mag, läßt sich mit wenigen Worten abfertigen.
Arthur Schopenhauer

Wenn dieses unser Dasein der letzte Zweck der Welt wäre, so wäre es der albernste Zweck, der je gesetzt worden; möchten nun wir selbst, oder ein anderer ihn gesetzt haben.

Arthur Schopenhauer


Zum Denken sind wenige Menschen geneigt, obwohl alle zum Rechthaben.
Arthur Schopenhauer


Wie töricht, zu bedauern und zu beklagen, daß man in vergangener Zeit die Gelegenheit zu diesem oder jenem Glück oder Genuss hat unbenutzt gelassen! - Was hätte man denn jetzt mehr davon? Die dürre Mumie einer Erinnerung.
Arthur Schopenhauer


Einen großartigen Beweis von der erbärmlichen Subjektivität der Menschen, infolge welcher sie alles auf sich beziehen und von jedem Gedanken sogleich in gerader Linie auf sich zurückgehen, liefert die Astrologie, welche den Gang der großen Weltkörper auf das armselige Ich bezieht, wie auch die Kometen am Himmel in Verbindung bringt mit den irdischen Händeln und Lumpereien. Dies aber ist zu allen und schon in den ältesten Zeiten geschehen.
Arthur Schopenhauer


Ich weiß wohl, daß jeder denkende Mensch seine Zeit für die allererbärmlichste hält: aber ich muß gestehen, daß ich von der Illusion nicht frei bin.
Arthur Schopenhauer


Neidisch sein ist dumm, weil niemand wirklich des Neides würdig ist.
Arthur Schopenhauer


Der Zustand, die Beschaffenheit des Bewußtseins ist, in Hinsicht auf das Glück unsers Daseins, ganz und gar die Hauptsache. Denn das Bewußtsein allein ist ja das Unmittelbare, alles andere ist mittelbar, durch und in demselben. Da unser Leben nicht, wie das der Pflanze, ein unbewußtes ist, sondern ein bewußtes, mithin zur Basis und durchgängigen Bedingung ein Bewußtsein hat, so ist offenbar die Beschaffenheit und der Grad der Vollkommenheit dieses Bewußtseins das Wesentlichste zum angenehmen oder unangenehmen Leben.
Arthur Schopenhauer


Vermöge seiner Bildung sagt der Mensch nicht, was er denkt, sondern was andere gedacht haben, und er gelernt hat; und er tut nicht sogleich was er möchte, sondern was man ihn zu tun gewöhnt hat.
Arthur Schopenhauer


Beredsamkeit ist die Fähigkeit, unsere Ansicht einer Sache, oder unsere Gesinnung hinsichtlich derselben, auch in andern zu erregen, unser Gefühl darüber in ihnen zu entzünden und sie so in Sympathie mit uns zu versetzen; dies alles aber dadurch, dass wir, mittelst Worten, den Strom unserer Gedanken in ihren Kopf leiten, mit solcher Gewalt, dass er den ihrer eigenen von dem Gange, den sie bereits genommen, ablenkt und in seinen Lauf mit fortreißt.
Arthur Schopenhauer


An einem jungen Menschen ist es, in intellektueller und auch in moralischer Hinsicht, ein schlechtes Zeichen, wenn er im Tun und Treiben der Menschen sich recht früh zurechte zu finden weiß, und sogleich darin zu Hause ist und wie vorbereitet, in dasselbe eintritt: es kündigt Gemeinheit an. Hingegen deutet, in solcher Beziehung ein befremdetes, stutziges, ungeschicktes und verkehrtes Benehmen auf eine Natur edlerer Art.
Arthur Schopenhauer


Je mehr nun aber einem die Furcht Ruhe lässt, desto mehr beunruhigen ihn die Wünsche, die Begierden und Ansprüche.
Arthur Schopenhauer


Der allgemeine Überblick zeigt uns, als die beiden Feinde des menschlichen Glückes, den Schmerz und die Langeweile.
Arthur Schopenhauer


Nicht wer grimmig, sondern wer klug dareinschaut sieht furchtbar und gefährlich aus: - so gewiss des Menschen Gehirn eine furchtbarere Waffe ist, als die Klaue des Löwen.
Arthur Schopenhauer


Jeder unmäßige Jubel beruht immer auf dem Wahn, etwas im Leben gefunden zu haben, was gar nicht darin anzutreffen ist, nämlich dauernde Befriedigung der quälenden, sich stets neugebärenden Wünsche oder Sorgen.
Arthur Schopenhauer

Daß Bücher nicht die Erfahrung und Gelehrsamkeit nicht das Genie ersetzt, sind zwei verwandte Phänomene: Ihr gemeinsamer Grund ist, daß das Abstrakte nie das Anschauliche ersetzen kann.
Arthur Schopenhauer


Die Motive bestimmen nicht den Charakter des Menschen, sondern nur die Erscheinung dieses Charakters, also die Taten.
Arthur Schopenhauer


Als die einfachste und richtigste Definition der Poesie möchte ich diese aufstellen, daß sie die Kunst ist, durch Worte die Einbildungskraft ins Spiel zu versetzen.
Arthur Schopenhauer


"Weder lieben, noch hassen" enthält die Hälfte aller Weltklugheit: "nichts sagen und nichts glauben" die andere Hälfte.
Arthur Schopenhauer


Am Ende des Lebens werden wie bei einem Maskenball, die Masken abgesetzt.
Arthur Schopenhauer


Hingegen besteht die Güte des Herzens in einem tief gefühlten, universellen Mitleid mit allem, was Leben hat.
Arthur Schopenhauer


Überhaupt aber geht es mit der geistigen Nahrung nicht anders, als mit der leiblichen: kaum der fünfzigste Teil von dem, was man zu sich nimmt, wird assimiliert: das übrige geht durch Evaporation, Respiration oder sonst ab.
Arthur Schopenhauer


Der Arzt sieht den Menschen in seiner ganzen Schwäche; der Jurist in seiner ganzen Schlechtigkeit; der Theolog in seiner ganzen Dummheit.
Arthur Schopenhauer


Ist doch unsere zivilisierte Welt nur eine große Maskerade.
Arthur Schopenhauer


Das Sterben ist der Augenblick jener Befreiung von der Einseitigkeit einer Individualität, welche nicht den innersten Kern unsers Wesens ausmacht, vielmehr als eine Art Verirrung desselben zu denken ist: die wahre, ursprüngliche Freiheit tritt wieder ein, in diesem Augenblick, welcher, im angegebenen Sinn, als eine restitutio in integrum betrachtet werden kann.
Arthur Schopenhauer

Man sollte beständig die Wirkung der Zeit und die Wandelbarkeit der Dinge vor Augen haben und daher bei allem, was jetzt stattfindet, sofort das Gegenteil davon imaginieren.
Arthur Schopenhauer


Die Vulgarität besteht im Grunde darin, daß im Bewußtsein das Wollen das Erkennen gänzlich überwiegt.
Arthur Schopenhauer


Hingegen ist Heiterkeit unmittelbarer Gewinn. Sie allein ist gleichsam die bare Münze des Glückes und nicht wie alles andere, bloß der Bankzettel; weil nur sie unmittelbar in der Gegenwart beglückt.
Arthur Schopenhauer

Nichts aber wird uns zum gelassenen Ertragen der uns treffenden Unglücksfälle besser befähigen, als die Überzeugung von der Wahrheit.
Arthur Schopenhauer


Wenn ein Mensch, sobald Veranlassung da ist und ihn keine äußere Macht abhält, stets geneigt ist, Unrecht zu tun, nennen wir ihn böse.
Arthur Schopenhauer


Pünktlich sind die Gewissenhaften und die Neugierigen.
Arthur Schopenhauer


Die kleinen Unfälle, die uns stündlich vexieren, kann man betrachten als bestimmt, uns in Übung zu erhalten, damit die Kraft, die großen zu ertragen, im Glück nicht ganz erschlaffe.
Arthur Schopenhauer


Liebe und Hass verfälschen unser Urteil gänzlich: an unseren Feinden sehen wir nichts, als Fehler, an unseren Lieblingen lauter Vorzüge, und selbst ihre Fehler scheinen uns liebenswürdig. Eine ähnliche geheime Macht übt unser Vorteil, welcher Art er auch sei, über unser Urteil aus: was ihm gemäß ist, erscheint uns alsbald billig, gerecht, vernünftig; was ihm zuwider läuft, stellt sich uns, im vollen Ernst, als ungerecht und abscheulich, oder zweckwidrig und absurd dar.
Arthur Schopenhauer


Für sein Tun und Lassen darf man keinen andern zum Muster nehmen; weil Lage, Umstände, Verhältnisse nie die gleichen sind, und weil die Verschiedenheit des Charakters auch der Handlung einen verschiedenen Anstrich gibt.
Arthur Schopenhauer


Sehr zu beneiden ist niemand, sehr zu beklagen unzählige.
Arthur Schopenhauer


Die höchste intellektuelle Eminenz kann zusammenbestehen mit der ärgsten moralischen Verworfenheit.
Arthur Schopenhauer


Wenn Erziehung und Ermahnung irgend etwas fruchteten; wie könnte dann Senecas Zögling ein Nero sein?
Arthur Schopenhauer


Jeder steckt in seinem Bewusstsein, wie in seiner Haut, und lebt unmittelbar nur in demselben: daher ist ihm von außen nicht sehr zu helfen.
Arthur Schopenhauer


Die Gegenwart allein ist wahr und wirklich: sie ist die real erfüllte Zeit, und ausschließlich in ihr liegt unser Dasein.
Arthur Schopenhauer


An Kant
Ich sah Dir nach in Deinen blauen Himmel,
Im blauen Himmel dort verschwand Dein Flug.
Ich blieb allein zurück in dem Gewimmel,
Zum Troste mir Dein Wort, zum Trost Dein Buch. -

Da such' ich mir die Öde zu beleben
Durch Deiner Worte geisterfüllten Klang:
Sie sind mir alle fremd, die mich umgeben,
Die Welt ist öde und das Leben lang.
Arthur Schopenhauer


Unter der veränderlichen Hülle seiner Jahre, seiner Verhältnisse, selbst seiner Kenntnisse und Ansichten steckt, wie ein Krebs in seiner Schale, der identische und eigentliche Mensch, ganz unveränderlich und immer der selbe.
Arthur Schopenhauer


So bleibt dennoch jederzeit den echten Werken eine ganz eigentümliche, stille, langsame, mächtige Wirkung, und wie durch ein Wunder sieht man sie endlich aus dem Getümmel sich erheben, gleich einem Aerostaten, der aus dem dicken Dunstkreise dieses Erdenraums in reinere Regionen emporschwebt, wo er, einmal angekommen, stehen bleibt und keiner mehr ihn herabzuziehen vermag.
Arthur Schopenhauer

Die Wichtigkeit der Gegenwart wird selten sofort erkannt, sondern erst viel später.
Arthur Schopenhauer


Der erfüllte Wunsch macht gleich einem neuen Platz: jener ist ein erkannter, dieser noch ein unerkannter Irrtum.
Arthur Schopenhauer


Wird mit Emphase ausgerufen, "Über's Leben geht noch die Ehre!", so besagt dies eigentlich: "Dasein und Wohlsein sind nichts; sondern was die andern von uns denken, das ist die Sache".
Arthur Schopenhauer


Je älter man wird, desto kleiner erscheinen die menschlichen Dinge samt und sonders: das Leben, welches in der Jugend als fest und stabil vor uns stand, zeigt sich uns jetzt als die rasche Flucht ephemerer Erscheinungen: die Nichtigkeit des Ganzen tritt hervor.
Arthur Schopenhauer


Denn was läßt sich nicht dem kenntnis- und urteilslosen großen Haufen in den Kopf setzen? zumal wenn man ihm Vorteil und Gewinn vorspiegelt.
Arthur Schopenhauer


Der Egoismus besteht eigentlich darin, daß der Mensch alle Realität auf seine eigene Person beschränkt, indem er in dieser allein zu existieren wähnt, nicht in den anderen. Der Tod belehrt ihn eines Bessern, indem er diese Person aufhebt, sodass das Wesen des Menschen, welches sein Wille ist, fortan nur in anderen Individuen leben wird, sein Intellekt aber, als welcher selbst nur der Erscheinung, d. i. der Welt als Vorstellung, angehörte und bloß die Form der Außenwelt war, eben auch im Vorstellungsein, d. h. im objektiven Sein der Dinge als solchem, also ebenfalls nur im Dasein der bisherigen Außenwelt fortbesteht.
Arthur Schopenhauer


Zwischen Männern ist von Natur bloß Gleichgültigkeit; aber zwischen Weibern ist schon von Natur Feindschaft. Es kommt wohl daher, daß das odium figulinum, welches bei Männern sich auf ihre jedesmalige Gilde beschränkt, bei Weibern das ganze Geschlecht umfasst; da sie alle nur ein Gewerbe haben. Schon beim Begegnen auf der Straße sehen sie einander an, wie Guelfen und Ghibellinen. Auch treten zwei Weiber, bei erster Bekanntschaft, einander sichtbarlich mit mehr Gezwungenheit und Verstellung entgegen, als zwei Männer in gleichem Fall. Daher kommt auch das Komplimentieren zwischen zwei Weibern viel lächerlicher heraus, als zwischen Männern.
Arthur Schopenhauer


Die Pein des unerfüllten Wunsches ist klein gegen die der Reue: denn jene steht vor der stets offenen unabsehbaren Zukunft, diese vor der unwiderruflich abgeschlossenen Vergangenheit.
Arthur Schopenhauer


Um also nicht der Ruhe unseres Lebens durch ungewisse, oder unbestimmte Übel verlustig zu werden, müssen wir uns gewöhnen, jene anzusehen, als kämen sie nie; diese, als kämen sie gewiss nicht sobald.
Arthur Schopenhauer


Was nun aber, von jenen allen, uns am unmittelbarsten beglückt, ist die Heiterkeit des Sinnes: denn diese gute Eigenschaft belohnt sich augenblicklich selbst.
Arthur Schopenhauer


Ist sonach der Charakter der ersten Lebenshälfte unbefriedigte Sehnsucht nach Glück, so ist der der zweiten Besorgnis vor Unglück. Denn mit ihr ist, mehr oder weniger deutlich, die Erkenntnis eingetreten, daß alles Glück chimärisch, hingegen das Leiden real sei.
Arthur Schopenhauer

Wenn ich nichts habe, was mich ängstiget, so beängstigt mich eben dies, indem es mir ist, als müßte doch etwas dasein, das mir nur eben verborgen bliebe. Misera conditio nostra!
Arthur Schopenhauer


Wen nahe und gewisse Gefahren nicht abschrecken, den werden die entfernten und bloß auf Glauben beruhenden schwerlich in Zaum halten.
Arthur Schopenhauer

Wer im Luftballon aufsteigt, sieht nicht sich sich erheben, sondern die Erde herabsinken, tiefer und immer tiefer. - Was soll das? Ein Mysterium, welches nur die Beipflichtenden verstehen.
Arthur Schopenhauer


Einem bei Lebzeiten ein Monument setzen, heißt die Erklärung ablegen, daß hinsichtlich seiner der Nachwelt nicht zu trauen ist.
Arthur Schopenhauer


Ein edler Charakter wird nicht leicht über sein eigenes Schicksal klagen.
Arthur Schopenhauer


Über keinen Vorfall sollte man in großen Jubel, oder große Wehklage ausbrechen; theils wegen der Veränderlichkeit aller Dinge, die ihn jeden Augenblick umgestalten kann; theils wegen der Trüglichkeit unseres Urtheils über das uns Gedeihliche oder Nachteilige.
Arthur Schopenhauer


Der Quäler und der Gequälte sind eines. Jener irrt, indem er sich der Qual, dieser, indem er sich der Schuld nicht teilhaft glaubt.
Arthur Schopenhauer


Bescheidenheit bei mittelmäßigen Fähigkeiten ist bloße Ehrlichkeit: bei großen Talenten ist sie Heuchelei.
Arthur Schopenhauer


Daher hat keine Wahrheit die andere zu fürchten. Trug und Irrtum hingegen haben jede Wahrheit zu fürchten.
Arthur Schopenhauer


Die Güte des Herzens macht den Greis hoch verehrt und geliebt… Sanftmut, Geduld, Redlichkeit, Wahrhaftigkeit, Uneigennützigkeit, Menschenfreundlichkeit usw. erhalten sich durch das ganze Leben und gehn nicht durch Altersschwäche verloren: in jedem hellen Augenblick des abgelebten Greises treten sie unvermindert hervor wie die Sonne aus Winterwolken.
Arthur Schopenhauer


Der Ruhm ist der unsterbliche Bruder der sterblichen Ehre.
Arthur Schopenhauer


Urteilen aus eigenen Mitteln ist das Vorrecht Weniger: die Übrigen leitet Autorität und Beispiel.
Arthur Schopenhauer


Was der gereifte Mann durch die Erfahrung seines Lebens erlangt hat und wodurch er die Welt anders sieht, als der Jüngling und Knabe, ist zunächst Unbefangenheit.
Arthur Schopenhauer


Höflichkeit mit Stolz zu vereinigen ist ein Meisterstück.
Arthur Schopenhauer

Güte ist in Beziehung zu Menschen eine Pflicht. Bist du nicht gütig gegen Menschen, so bist du böse und erweckst Bosheit.
Arthur Schopenhauer


Drei Weltmächte gibt es, sagt sehr treffend, ein Alter: Klugheit, Stärke und Glück.
Arthur Schopenhauer


Seitdem Amors Köcher auch vergiftete Pfeile führt, ist in das Verhältnis der Geschlechter zueinander ein fremdartiges, feindseliges, ja teuflisches Element gekommen.
Arthur Schopenhauer


Hier sei beiläufig erwähnt, dass der Patriotismus, wenn er im Reiche der Wissenschaften sich geltend machen will, ein schmutziger Geselle ist, den man hinauswerfen soll.
Arthur Schopenhauer


Die größte Energie und höchste Spannung der Geisteskräfte findet, ohne Zweifel, in der Jugend statt, spätestens bis ins 35. Jahr: Von dem an nimmt sie, wiewohl sehr langsam, ab. Jedoch sind die späteren Jahre, selbst das Alter, nicht ohne geistige Kompensation dafür. Erfahrung und Gelehrsamkeit sind erst jetzt eigentlich reich geworden.
Arthur Schopenhauer


Manche Irrthümer halten wir unser Leben lang hindurch fest, und hüten uns, jemals ihren Grund zu prüfen, blos aus einer uns selbst unbewußten Furcht, die Entdeckung machen zu können, daß wir so lange und so oft das Falsche geglaubt und behauptet haben.
Arthur Schopenhauer


[...] Diese Welt trägt keine Ideale: ihre Genies bleiben Menschen, haben Schwächen, unter denen die Begier nach Ruhm noch lange nicht die größte ist.
Arthur Schopenhauer

Zorn oder Hass in Worten oder Mienen blicken zu lassen ist unnütz, ist gefährlich, ist unklug, ist lächerlich, ist gemein.
Arthur Schopenhauer


Falsche Ansichten zu widerrufen erfordert mehr Charakter, als sie zu verteidigen.
Arthur Schopenhauer


Entfernung und lange Abwesenheit tun jeder Freundschaft Eintrag, so ungern man es gesteht. Denn Menschen, die wir nicht sehen, wären sie auch unsere geliebtesten Freunde, trocknen im Laufe der Jahre allmählich zu abstrakten Begriffen auf, wodurch unsere Teilnahme an ihnen mehr und mehr eine bloß vernünftige, ja traditionelle wird: die lebhafte und tiefgefühlte bleibt denen vorbehalten, die wir vor Augen haben, und wären es auch nur geliebte Tiere. So sinnlich ist die menschliche Natur.
Arthur Schopenhauer


Wenn, was wir klüglich und weislich erdacht,
Das Glück uns tückisch zu Schanden gemacht;
So ist das hart zu untergehn.
Aber tausend Mal härter ist es zu sehn,
Wenn was das Glück uns legte zur Hand
Tölpisch zerschlug unser Unverstand.
Arthur Schopenhauer


Oder ist etwan die deutsche Sprache vogelfrei, als eine Kleinigkeit, die nicht des Schutzes der Gesetze wert ist, den doch jeder Misthaufen genießt?
Arthur Schopenhauer


Nur wer sich ganz dem Augenblick hinzugeben versteht,
mag etwas hervorbringen, das keine Zeit zerstört.
Arthur Schopenhauer


Überhaupt aber ergeht es uns im Leben wie dem Wanderer, vor welchem, indem er vorwärts schreitet, die Gegenstände andere Gestalten annehmen, als die sie von ferne zeigten, und sich gleichsam verwandeln, indem er sich nähert. Besonders geht es mit unseren Wünschen so. Oft finden wir etwas ganz anderes, ja, besseres, als wir suchten; oft auch das Gesuchte selbst auf einem ganz anderen Wege, als den wir zuerst vergeblich danach eingeschlagen hatten.
Arthur Schopenhauer


Das Neue ist selten das Gute, weil das Gute nur kurze Zeit das Neue ist.
Arthur Schopenhauer


Das Leben stellt sich dar als ein fortgesetzter Betrug, im Kleinen, wie im Großen. Hat es versprochen, so hält es nicht; es sei denn, um zu zeigen, wie wenig wünschenswert das Gewünschte war.
Arthur Schopenhauer


An unserm Zutrauen zu andern haben sehr oft Trägheit, Selbstsucht und Eitelkeit den größten Anteil.
Arthur Schopenhauer


Kann man den Menschen mit der restlichen Schöpfung gleichsetzen?
Arthur Schopenhauer


Das gehört zu den Leiden des Alters: man verliert seine Freunde.
Arthur Schopenhauer


Gerechtigkeit ist mehr die männliche, Menschenliebe mehr die weibliche Tugend. Der Gedanke, Weiber das Richteramt verwalten zu sehen, erregt Lachen; aber die barmherzigen Schwestern übertreffen sogar die barmherzigen Brüder.
Arthur Schopenhauer


Der Muskel wird durch starken Gebrauch gestärkt; der Nerv hingegen dadurch geschwächt. Also übe man seine Muskeln durch jede angemessene Anstrengung, hüte hingegen die Nerven vor jeder.
Arthur Schopenhauer


Dem schwachen Kopf ist das Denken so unerträglich,
wie dem schwachen Arm das Heben einer Last.
Arthur Schopenhauer


Der Grundcharakter aller Dinge ist Vergänglichkeit: Wir sehn in der Natur alles, vom Metall bis zum Organismus, teils durch sein Dasein selbst, teils durch den Konflikt mit anderem, sich aufreiben und verzehren.
Arthur Schopenhauer

Die Ehre eines Mannes beruht nicht auf dem, was er tut, sondern auf dem, was er leidet, was ihm widerfährt.
Arthur Schopenhauer


Kein Tier quält jemals bloß um zu quälen,
aber dies tut der Mensch.
Arthur Schopenhauer


Alles Ursprüngliche und daher alles Echte
im Menschen wirkt unbewusst.
Arthur Schopenhauer


Die Wahrheit ist: wir sollen elend sein, und sind's.
Arthur Schopenhauer


In der Vergangenheit hat kein Mensch gelebt, und in der Zukunft wird nie einer leben; sondern die Gegenwart allein ist die Form alles Lebens, ist aber auch sein sicherer Besitz, der ihm nie entrissen werden kann.
Arthur Schopenhauer


Die Allgemeinheit einer Meinung ist, im Ernst geredet, kein Beweis,
ja nicht einmal ein Wahrscheinlichkeitsgrund ihrer Richtigkeit.
Arthur Schopenhauer

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Die Barbarei kommt wieder, trotz Eisenbahnen, elektrischen Drähten und Luftballons.
Arthur Schopenhauer


Daher ist die wahre, tiefe Friede des Herzens und die vollkommene Gemütsruhe allein in der Einsamkeit zu finden. Ist dann das eigene Selbst groß und reich; so genießt man den glücklichsten Zustand, der auf dieser armen Erde gefunden werden mag.
Arthur Schopenhauer


Die Vernunft ist weiblicher Natur: sie kann nur geben, nachdem sie empfangen hat.
Arthur Schopenhauer


Mit kleiner Quantität, aber guter Qualität desselben leistet man mehr, als mit großer Quantität, bei schlechter Qualität.
Arthur Schopenhauer


Notwendigkeit ist das Reich der Natur; Freiheit ist das Reich der Gnade.
Arthur Schopenhauer


Vorzüglich erblich ist der Hang zum Selbstmord.
Arthur Schopenhauer


Auch wird unsere Scheu vor jenem kolossalen Gedanken sich mindern, wenn wir uns erinnern, dass das Subjekt des großen Lebenstraumes in gewissem Sinne nur eines ist […] und dass alle Vielheit der Erscheinungen durch Raum und Zeit bedingt ist. Es ist ein großer Traum, den jenes eine Wesen träumt: aber so, dass alle seine Personen ihn mitträumen.
Arthur Schopenhauer


Ein unpersönlicher Gott ist gar kein Gott, sondern bloß ein missbrauchtes Wort, ein Unbegriff, eine contradictio in adjecto, ein Schiboleth für Philosophieprofessoren, welche, nachdem sie die Sache haben aufgeben müssen, mit dem Worte durchzuschleichen bemüht sind.
Arthur Schopenhauer


Es gibt keine andere Offenbarung als die Gedanken der Weisen.
Arthur Schopenhauer


Denn Kant ist vielleicht der originellste Kopf, den jemals die Natur hervorgebracht hat. Mit ihm und in seiner Weise zu denken, ist etwas, das mit gar nichts Anderem irgend verglichen werden kann: denn er besaß einen Grad von klarer, ganz eigentümlicher Besonnenheit, wie solche niemals irgend einen andern Sterblichen zu Teil geworden ist.
Arthur Schopenhauer


Allein was das Publikum nie erkennt und begreift, weil es gute Gründe hat, es nicht zu erkennen wollen, ist die Aristokratie der Natur.
Arthur Schopenhauer


Von diesem Gesichtspunkt aus, läßt sich daher der Traum als ein kurzer Wahnsinn, der Wahnsinn als ein langer Traum bezeichnen.
Arthur Schopenhauer


Dem entsprechend macht die Eitelkeit gesprächig, der Stolz schweigsam.
Arthur Schopenhauer


Was nun andererseits die Menschen gesellig macht ist ihre Unfähigkeit, die Einsamkeit, und in dieser sich selbst, zu ertragen.
Arthur Schopenhauer


Höflichkeit mit Stolz zu vereinigen ist ein Meisterstück.
Arthur Schopenhauer


Stets denke man: besser allein, als unter Verrätern.
Arthur Schopenhauer


Wer von der vorgefaßten Meinung, daß der Begriff des Rechts ein positiver sein müsse, ausgeht und nun ihn zu definieren unternimmt, wird nicht damit zu stande kommen: denn er will einen Schatten greifen, verfolgt ein Gespenst, sucht ein Nonsens. Der Begriff des Rechts ist nämlich, eben wie auch der der Freiheit, ein negativer: sein Inhalt ist eine bloße Negation. Der Begriff des Unrechts ist der positive und ist gleichbedeutend mit Verletzung im weitesten Sinne, also laesio. Eine solche kann nun entweder die Person, oder das Eigentum, oder die Ehre betreffen. --- Hienach sind denn die Menschenrechte leicht zu bestimmen: Jeder hat das Recht, alles das zu thun, wodurch er keinen verletzt. ---
Ein Recht zu etwas, oder auf etwas haben, heißt nichts weiter, als es thun, oder aber es nehmen, oder benutzen können, ohne dadurch irgend einen andern zu verletzen: --- Simplex sigillum veri. --- Hieraus erhellt auch die Sinnlosigkeit mancher Fragen, z. B. ob wir das Recht haben, uns das Leben zu nehmen. Was aber dabei die Ansprüche, die etwan andere auf uns persönlich haben können, betrifft, so stehn sie unter der Bedingung, daß wir leben, fallen also mit dieser weg. Daß der, welcher für sich selbst nicht mehr leben mag, nun noch als bloße Maschine zum Nutzen andrer fortleben solle, ist eine überspannte Forderung.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Obgleich die Kräfte der Menschen ungleich sind, so sind doch ihre Rechte gleich; weil diese nicht auf den Kräften beruhen, sondern, wegen der moralischen Natur des Rechts, darauf, daß in jedem derselbe Wille zum Leben, auf der gleichen Stufe seiner Objektivation, sich darstellt. Dies gilt jedoch nur vom ursprünglichen und abstrakten Rechte, welches der Mensch als Mensch hat. Das Eigentum, wie auch die Ehre, welche jeder, mittelst seiner Kräfte, sich erwirbt, richtet sich nach dem Maße und der Art dieser Kräfte und gibt dann seinem Rechte eine weitere Sphäre: hier hört also die Gleichheit auf. Der hierin besser Ausgestattete, oder Thätigere, erweitert, durch größern Erwerb, nicht sein Recht, sondern nur die Zahl der Dinge, auf die es sich erstreckt.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Wenn man betrachtet, wie die Natur, während sie um die Individuen wenig besorgt ist, mit so übertriebener Sorgfalt über die Erhaltung der Gattungen wacht, mittelst der Allgewalt des Geschlechtstriebes und vermöge des unberechenbaren Ueberschusses der Keime, welcher, bei Pflanzen, Fischen, Insekten, das Individuum oft mit mehreren Hunderttausenden zu ersetzen bereit ist; so kommt man auf die Vermutung, daß, wie der Natur die Hervorbringung des Individui ein Leichtes ist, so die ursprüngliche Hervorbringung einer Gattung ihr äußerst schwer werde. Demgemäß sehn wir diese nie neu entstehn: selbst die generatio aequivoca, wenn sie statt hat (welches, zumal bei Epizoen und überhaupt Parasiten, nicht wohl zu bezweifeln ist), bringt doch nur bekannte Gattungen hervor: und die höchst wenigen untergegangenen Spezies der jetzt die Erde bevölkernden Fauna, z. B. die des Vogels Dudu (Ditus ineptus), vermag die Natur, obwohl sie in ihrem Plane gelegen haben, nicht wieder zu ersetzen; --- daher wir stehn und uns wundern, daß es unserer Gier gelungen ist, ihr einen solchen Streich zu spielen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Demnach würde zur Milderung des menschlichen Elends das Wirksamste die Verminderung, ja, Aufhebung des Luxus sein.
Arthur Schopenhauer


So viel ich sehe, sind es allein die monotheistischen, also jüdischen Religionen, deren Bekenner die Selbsttötung als ein Verbrechen betrachten.
Arthur Schopenhauer


Daß unser Dasein selbst eine Schuld impliziert, beweist der Tod.
Arthur Schopenhauer


In jedem Mikrokosmos liegt der ganze Makrokosmos, und dieser enthält nichts mehr als jener.
Arthur Schopenhauer


Man soll nicht Judentum mit Vernunft identifizieren.
Arthur Schopenhauer


Vom Vater erhält das Kind den Willen, den Charakter; von der Mutter den Intellekt.
Arthur Schopenhauer


Der Grundunterschied der Religionen liegt darin, ob sie Optimismus oder Pessimismus sind; keineswegs darin, ob Monotheismus, Polytheismus, Trimurti, Dreieinigkeit, Pantheismus, oder Atheismus (wie der Buddhismus).
Arthur Schopenhauer


Das Christentum ist eine Allegorie, die einen wahren Gedanken abbildet; aber nicht ist die Allegorie an sich selbst das Wahre.
Arthur Schopenhauer


Entweder glauben oder philosophieren! was man erwählt sei man ganz.
Arthur Schopenhauer


Die Menschen werden nur scheinbar von vorne gezogen, eigentlich aber von hinten geschoben: nicht das Leben lockt sie an, sondern die Not drängt sie vorwärts.
Arthur Schopenhauer


Der Neid nämlich ist die Seele des überall florierenden, stillschweigenden und ohne Verabredung zusammenkommenden Bundes aller Mittelmäßigen, gegen den einzelnen Ausgezeichneten, in jeder Gattung. [...] Neid ist das sichere Anzeichen des Mangels, also, wenn auf Verdienste gerichtet, des Mangels an Verdiensten.
Arthur Schopenhauer


Lesen heißt mit einem fremden Kopfe, statt des eigenen, denken.
Arthur Schopenhauer


Wenn nun aber schon die Natur den Menschen zum Denken bestimmt hätte; so würde sie ihm keine Ohren gegeben, oder diese wenigstens, wie bei Fledermäusen, die ich darum beneide, mit luftdichten Schließklappen versehen haben.
Arthur Schopenhauer


Die Konsonanten sind das Skelett und die Vokale das Fleisch der Wörter.
Arthur Schopenhauer


Das Delirium verfälscht die Anschauung, der Wahnsinn die Gedanken.
Arthur Schopenhauer


Auch spricht der Mund nur Gedanken eines Menschen, das Gesicht einen Gedanken der Natur aus.
Arthur Schopenhauer


Denn das Gesicht eines Menschen sagt gerade aus, was er ist; und täuscht es uns, so ist dies nicht seine, sondern unsere Schuld.
Arthur Schopenhauer


Alle Dinge sind herrlich zu SEHN, aber schrecklich zu SEYN.
Arthur Schopenhauer


Alles, alles kann einer vergessen, nur nicht sich selbst, sein eigenes Wesen.
Arthur Schopenhauer


Die Gegenwart eines Gedankens ist wie die Gegenwart einer Geliebten.
Arthur Schopenhauer


Ja, es sei herausgesagt: so eng auch Freundschaft, Liebe und Ehe Menschen verbinden; ganz ehrlich meint jeder es am Ende doch nur mit sich selbst und höchstens noch mit seinem Kinde. - Je weniger einer, in Folge objektiver oder subjektiver Bedingungen, nötig hat, mit den Menschen in Berührung zu kommen, desto besser ist er daran.
Arthur Schopenhauer


Wer fröhlich ist, hat allemal Ursache, es zu sein. Nämlich eben diese, dass er es ist.
Arthur Schopenhauer


Zu unserer Besserung bedürfen wir eines Spiegels.
Arthur Schopenhauer
In der Tat beruht auf dem selben Grunde der allen Genies eigene Hang zur Einsamkeit, als zu welcher sowohl ihre Verschiedenheit von den Übrigen sie treibt, wie ihr innerer Reichtum sie ausstattet: denn von Menschen, wie von Diamanten, taugen nur die ungemein großen zu Solitärs: die gewöhnlichen müssen beisammen sein und in der Masse wirken.
Arthur Schopenhauer


Ohne tägliche gehörige Bewegung kann man nicht gesund bleiben: alle Lebensprozesse erfordern, um gehörig vollzogen zu werden, Bewegung sowohl der Teile, darin sie vorgehen, als des Ganzen.
Arthur Schopenhauer


Das Leben besteht in der Bewegung und hat sein Wesen in ihr. Im ganzen Innern des Organismus herrscht unaufhörliche, rasche Bewegung: das Herz, in seiner komplizierten doppelten Systole und Diastole, schlägt heftig und unermüdlich; mit 28 seiner Schläge hat es die, gesamte Blutmasse durch den ganzen großen und kleinen Kreislauf hindurch getrieben; die Lunge pumpt ohne Unterlaß wie eine Dampfmaschine; die Gedärme winden sich stets im motus peristalticus; alle Drüsen saugen und secerniren beständig, selbst das Gehirn hat eine doppelte Bewegung mit jedem Pulsschlag und jedem Atemzug.
Arthur Schopenhauer

Wenn nun hierbei, wie es bei der ganz und gar sitzenden Lebensweise unzähliger Menschen der Fall ist, die äußere Bewegung so gut wie ganz fehlt, so entsteht ein schreiendes und verderbliches Mißverhältnis zwischen der äußeren Ruhe und dem inneren Tumult.
Arthur Schopenhauer


Sogar die Bäume bedürfen, um zu gedeihen, der Bewegung durch den Wind.
Arthur Schopenhauer


... je mehr einer an sich selbst hat, desto weniger bedarf er von außen und desto weniger auch können die Übrigen ihm sein. Darum führt die Eminenz des Geistes zur Ungeselligkeit. Ja, wenn die Qualität der Gesellschaft sich durch die Quantität ersetzen ließe; da wäre es der Mühe wert, sogar in der großen Welt zu leben: aber leider geben hundert Narren, auf einem Haufen, noch keinen gescheiten Mann.
Arthur Schopenhauer


Was einer dem andern sein kann, hat seine sehr engen Grenzen: am Ende bleibt doch jeder allein; ...
Arthur Schopenhauer


Ist doch in der Welt überall nicht viel zu holen: Not und Schmerz erfüllen sie, und auf die, welche diesen entronnen sind, lauert in allen Winkeln die Langeweile.
Arthur Schopenhauer


Das Schicksal ist grausam und die Menschen sind erbärmlich. In einer so beschaffenen Welt gleicht der, welcher viel an sich selber hat, der hellen, warmen, lustigen Weihnachtsstube, mitten im Schnee und Eise der Dezembernacht.
Arthur Schopenhauer


Unrecht, das mir Jemand zufügt, befugt mich keineswegs ihm Unrecht zuzufügen.
Viele Wahrheiten bleiben bloß deshalb unentdeckt, weil Keiner Mut hat, das Problem ins Auge zu fassen und darauf los zu gehen.
Arthur Schopenhauer


Es ist eine große Torheit, um nach außen zu gewinnen, nach innen zu verlieren, d.h. für Glanz, Rang, Prunk, Titel und Ehre, seine Ruhe, Muße und Unabhängigkeit ganz oder großenteils hinzugeben. Dies aber hat Goethe getan. Mich hat mein Genius mit Entschiedenheit nach der andern Seite gezogen.
Arthur Schopenhauer


Muße ohne geistige Ausfüllung ist Tod und lebender Menschen Grab.
Arthur Schopenhauer


Reichtum des Geistes allein verdient als Reichtum zu gelten ...
Arthur Schopenhauer


Des Narren Leben ist ärger denn der Tod!
Arthur Schopenhauer


Wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämens.
Arthur Schopenhauer


Die Quelle unserer Unzufriedenheit liegt in unsern stets erneuerten Versuchen, den Faktor der Ansprüche in die Höhe zu schieben, bei der Unbeweglichkeit des andern Faktors, die es verhindert.
Arthur Schopenhauer


Vielzuviel Wert auf die Meinung anderer zu legen, ist ein allgemein herrschender Irrwahn: mag er nun in unserer Natur selbst wurzeln, oder infolge der Gesellschaft und Zivilisation entstanden sein; ...
Arthur Schopenhauer

Demnach ist es eine höchst oberflächliche und falsche Ansicht, wenn man die Juden bloß als Religionssekte betrachtet: wenn aber gar, um diesen Irrtum zu begünstigen, das Judentum, mit einem der Christlichen Kirche entlehnter Ausdruck, bezeichnet wird als "Jüdische Konfession"; so ist Dies ein grundfalscher, auf das Irreleiten absichtlich berechneter Ausdruck, der gar nicht gestattet seyn sollte. Vielmehr ist "Jüdische Nation" das Richtige. Die Juden haben gar keine Konfession: der Monotheismus gehört zu ihrer Nationalität und Staatsverfassung und versteht sich bei ihnen von selbst. Ja, wohlverstanden, sind Monotheismus und Judentum Wechselbegriffe.
Arthur Schopenhauer


Ja es ist ein Trost im Alter, daß man die Arbeit des Lebens hinter sich hat.
Arthur Schopenhauer


Was jedoch die Erlangung dieser heilsamen Einsichten besonders erschwert, ist die schon oben erwähnte Gleißnerei der Welt, welche man daher der Jugend früh aufdecken sollte. Die allermeisten Herrlichkeiten sind bloßer Schein wie die Theaterdekoration, und das Wesen der Sache fehlt.
Arthur Schopenhauer


Die Freunde nennen sich aufrichtig; die Feinde sind es: daher man ihren Tadel zur Selbsterkenntniß benutzen sollte, als eine bittre Arznei.
Arthur Schopenhauer


Vergeben und vergessen heißt, gemachte kostbare Erfahrungen zum Fenster hinauswerfen.
Arthur Schopenhauer


Was nun andrerseits die Menschen gesellig macht, ist ihre Unfähigkeit, die Einsamkeit und in dieser sich selbst zu ertragen.
Arthur Schopenhauer


Also, was einer an sich selber hat, ist zu seinem Lebensglücke das Wesentlichste. Bloß weil dieses, in der Regel, so gar wenig ist, fühlen die meisten von denen, welche über den Kampf mit der Not hinaus sind, sich im Grunde ebenso unglücklich, wie die, welche sich noch darin herumschlagen. Die Leere ihres Innern, das Fade ihres Bewußtseins, die Armut ihres Geistes treibt sie zur Gesellschaft, die nun aber aus eben solchen besteht; weil: jeder erfreut sich an seinesgleichen.
Arthur Schopenhauer

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Mein Leben in der wirklichen Welt ist ein bittersüßer Trank. Es ist nämlich, wie mein Dasein überhaupt, ein stetes Erwerben von Erkenntnis, Gewinnen von Einsicht, das hier diese wirkliche Welt und mein Verhältnis zu ihr betrifft. Der Gehalt dieser Erkenntnis ist traurig und niederschlagend: aber die Form der Erkenntnis überhaupt, das Gewinnen an Einsicht, das Eindringen in die Wahrheit ist durchaus erfreulich und mischt fortwährend seine Süße in jene Bitterkeit, seltsamerweise.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Mein Zeitalter ist nicht mein Wirkungskreis;
sondern nur der Boden, auf dem meine physische Person steht,
welche aber nur ein sehr unbedeutender Teil meiner ganzen Person ist:
diesen Boden hat sie mit vielen gemein, deren Wirkungskreis er ist:
diesen überlasse ich daher Sorge und Kampf um denselben.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Sie schreien über das Melancholische und Trostlose meiner Philosophie;
das liegt aber bloß darin, das ich statt als Äquivalent ihrer Sünden eine künftige Hölle zu fabeln, gezeigt habe, daß wo die Sünde ist, in der Welt, auch schon etwas höllenartiges sei.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Das Leben geht schnell und euer Verständnis ist langsam:
Darum erlebe ich nicht meinen Ruhm und habe meinen Lohn dahin.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Die gänzliche Nichtbeachtung, die mein Werk erfahren hat, beweist, daß entweder ich des Zeitalters nicht würdig war, oder umgekehrt. In beiden Fällen heißt es jetzt: the rest is silence.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Natura nihil agit frustra: warum denn gab sie mir so viele und tiefe Gedanken,
wenn solche keine Teilnahme unter den Menschen finden sollen?
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Mein Zeitalter und ich passen nicht für einander: so viel ist klar.
Aber wer von uns wird den Prozeß vor dem Richterstuhl der Nachwelt gewinnen?
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Ich habe den Schleier der Wahrheit weiter gelüftet, als irgend ein sterblicher vor mir. Aber den will ich sehn, der sich rühmen kann, eine elendere Zeitgenossenschaft gehabt zu haben, als ich.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Daß in euern Ohren die Wahrheit befremdend klingt, ist schlimm genug, aber darf mir nicht zur Richtschnur dienen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Die Gemeinheit ist der Leim, der die Menschen zusammenkleistert. Wem es daran gebricht, der fällt ab. Als ich, in jungen Jahren, dies zuerst an mir erfahren mußte, wußte ich nicht, woran es mir gebrach.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


In allen Dingen ist zu allen Zeiten von Einzelnen die Wahrheit gefühlt worden und hat in vereinzelten Aussprüchen ihren Ausdruck gefunden, bis sie von mir im Zusammenhang erfaßt wurde.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Daß in kurzem die Würmer meinen Leib zernagen werden, ist ein Gedanke, den ich ertragen kann, aber die Philosophieprofessoren meine Philosophie! Dabei schaudert`s mich.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Vielen Menschen sind die Philosophen lästige Nachtschwärmer, die sie im Schlafe stören.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Daß die meisten Menschen keine Philosophen werden, kommt daher, daß das Konkrete, Einzelne der Erscheinung, die Mannigfaltigkeit der Erfahrung, durch ihren Schein von Realität, ihre Aufmerksamkeit fesseln, so daß, wenn sie sich von jenen abziehn sollen zu einer Betrachtung des Ganzen der Erfahrung, ihnen angst und bang wird, wie dem Kind, wenn die Amme weggeht;
und sie fürchten etwas zu versäumen, wenn sie jenen Strom der Erfahrung außer acht lassen sollen. Dem Philosophen hingegen wird eben in diesem Strom der einzelnen Erscheinungen angst und bang;
und wenn jene nicht die Geduld haben, sich vom Einzelnen und Mannigfaltigen zu entfernen, und es fortfließen zu lassen, um das Ganze zu betrachten;
so hat dieser nicht die Geduld, das einzelne zu betrachten, bevor er weiß, was er aus dem ganzen zu machen hat.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Wem nicht zuzeiten die Menschen und alle Dinge wie bloße Phantome oder Schattenbilder vorkommen, der hat keine Anlage zur Philosophie:
denn jenes entsteht aus dem Kontrast der einzelnen Dinge mit der Idee, deren Erscheinung sie sind. Und die Idee ist nur für das höher gesteigerte Bewußtsein zugänglich.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Dem Philosophen so wenig als dem Dichter darf die Moral über die Wahrheit gehen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Wenn ein Tabulettkrämer den Herren Haarnadeln und den Damen Pfeifenköpfe anbietet, so lacht man über seine Dummheit;
Aber wie viel toller ist der Einfall des Philosophen, der die Wahrheit zu Markte trägt, und sie an die Menschen abzusetzen hofft:
die Wahrheit ..... für die Menschen!!
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Meint ihr denn, die Philosophie werde nicht sein wie jedes echte Kunstwerk, das unerreichbare Maß, an dem jeder seine eigene Höhe mißt?
sondern sie werde sein wie ein Rechnungsexempel, das auch der Beschränkteste und Geistesärmste sich vollständig aneignen und übersehn kann?
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Philosophie hat viel Ähnlichkeit mit der Anatomie des Gehirns: falsche Philosophie (d. h. falsche Weltansicht) und falsche Anatomie des Gehirns zerschneiden und trennen was als Eins und ein Ganzes zusammengehört, und vereinigen dagegen in den abgeschnittenen Stücken fremdartige Teile.
Wahre Philosophie und wahre Anatomie des Gehirns zerlegen alles richtig, finden und lassen als Eins was Eins ist und legen heterogene Teile auseinander.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Wenn ich mir beim Anblick einer weiten Aussicht vergegenwärtige, daß sie entsteht, indem die Funktionen meines Gehirns, also Zeit, Raum und Kausalität, angewandt werden auf gewisse Flecke, die auf meiner Retina entstanden sind;
.... so fühle ich, daß ich die Aussicht in mir trage und mir wird die Identität meines Wesens mit dem der ganzen Außenwelt ungemein fühlbar.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Sieh doch das große, massive, schwere Zeughaus an:
.... ich sage dir, diese harte, lastende, weitläufige Masse existiert doch nur im weichen Brei der Gehirne, nur dort hat sie ihr Dasein und ist außer denselben gar nicht zu finden.
Dies mußt du zu allererst begreifen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Es gibt etwas, was jenseits des Bewußtseins liegt, aber zuzeiten in dasselbe hereinbricht wie ein Mondstrahl in die umwölkte Nacht.
Alsdann bemerken wir, daß unser Lebenslauf uns ihm weder näher noch ferner bringt, der Greis ihm so nahe steht wie das Kind, und werden inne, daß unser Leben zu ihm keine Parallaxe hat, so wenig wie die Erdbahn zu den Fixsternen. Es ist unser außer der Zeit liegendes Wesen an sich.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Bildung verhält sich zu natürlichen Vorzügen des Intellekts, wie eine wächserne Nase zu einer wirklichen, auch wie Planeten und Monde zu Sonnen.
Denn vermöge seiner Bildung sagt der Mensch nicht was er denkt, sondern was andere gedacht haben und er gelernt hat (Dressur); und er tut nicht sogleich was er möchte, sondern was man ihn zu tun gewöhnt hat.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Zwischen dem Genie und dem Wahnsinnigen ist die Ähnlichkeit, daß sie in einer anderen Welt leben, als die für alle vorhandene.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Die Philosophen des Altertums haben viele ganz heterogene Dinge in einen Begriff vereint:
Beispiele davon liefert jedes platonische Gespräch in Menge. Die größte Verwirrung und Verwechselung derart ist aber die der Ethik mit der Politik.
Der Staat und das Reich Gottes oder Moralgesetz sind so heterogen, das ersterer eine Parodie des letztern ist, ein bittres Lachen über dessen Abwesenheit, eine Krücke statt eines Beines, ein Automat statt eines Menschen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Das Wort "Gott" ist mir deshalb so zuwider, weil es in jedem Fall nach außen versetzt, was innen liegt. Danach, könnte einer sagen, ist der Unterschied zwischen Theismus und Atheismus ein räumlicher. Aber es verhält sich vielmehr so:
"Gott" ist wesentlich ein Objekt und nicht das Subjekt: sobald daher Gott gesetzt ist, bin ich nichts.
Behauptet man die Identität des Subjektiven und Objektiven, so mag man auch die Identität des Theismus und Atheismus behaupten. Freilich sind alle Gegensätze relativ und man kann von jedem auf einen allgemeinen Standpunkt steigen, wo der Gegensatz aufhört. Aber damit ist nichts gewonnen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Das Monstrose und ganz Absurde des Theismus darzulegen, ist nichts geeigneter, als die aus verdeckten Widersprüchen zusammengesetzte Darstellung desselben nach dem Koran, in Garcin de Tassy Exposition de la foi Musulmane:
und dennoch ist sie ganz dem Christentum gemäß und sagt nichts als was ein Christ von Gott Vater zugeben muß: denn dieser Begriff ist allen jüdischen Sekten gemeinsam; außer ihnen aber nirgends anzutreffen. Die Christen vermeiden aber gern diese explizite Darstellung und flüchten sich hinter den Mystizismus, in dessen Dunkelheit das Absurde verschwinden und fünf grade werden soll.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Das die Religion als Maske der niederträchtigsten Absichten dient, ist so alltäglich, daß es niemand wundern darf; .... daß aber dieses der Philosophie begegnen sollte, der reinen Himmelstochter, die nie und nirgends etwas anderes, als die Wahrheit gesucht hat, ....war unserer Zeit aufbehalten.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Wer die weite Reise zur Nachwelt vorhat, darf keine unnütze Bagage mitschleppen: denn er muß leicht sein, um den langen Strom der Zeit hinabzuschwimmen. Wer für alle Zeiten schreiben will, sei kurz, bündig, auf das Wesentliche beschränkt: er sei, bis zur Kargheit, bei jeder Phrase und jedem Wort bedacht, ob es nicht auch zu entbehren sei; wie, wer den Koffer zur weiten Reise packt, bei jeder Kleinigkeit die er hineinlegt, überlegt, ob er nicht auch sie weglassen könne.
Das hat jeder, der für alle Zeiten schrieb, gefühlt und getan. Den breiten, Unverdautes hinwerfenden, endlosen Schwätzern, wie z.B. Fichten, ist es gar nie in den Sinn gekommen: wozu hätte es das auch gesollt?
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


"Im Menschen ist auch eine verehrende Ader" hat Goethe irgendwo gesagt. Um diesem Triebe zur Verehrung Genüge zu tun, auch bei denjenigen, welche für das wirklich Ehrwürdige keinen Sinn haben, gibt es, als Surrogat desselben, Fürsten und fürstliche Familien, Adel, Titel, Orden und Geldsäcke.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Du, mein Freund, vergiß nie, daß du ein Philosoph bist, von der Natur dazu und zu nichts anderm berufen. Wandle daher nie die Wege der Philister: denn wenn du auch einer werden wolltest, so könntest du es nie, bliebst sogar nur ein Halbphilister, ein mißlungenes Ding.
Der Philister geht auf im Leben, ihm ist daher wohl darin, er will nicht darüber hinaus und kann nicht, wenn er es wollte.
Dem Philosophen ist das Leben durchaus ungenügend, er mag sich nicht wohl darin sein lassen und kann nicht; wenn er auch möchte: er gibt es auf, versäumt die Vorteile desselben an sich zu bringen, entfernt sich von ihm, um es in der Entfernung im ganzen zu übersehn, es zu konterfeien; hieran entfaltet er seine Kräfte, und dies ist der bessre Teil seines Lebens: was seine Person betrifft, so reicht sie das Konterfei hin, sprechend:
"So ist das Ding, das ich nicht mochte."
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Ich rede bisweilen mit Menschen, so wie das Kind mit seiner Puppe redet:
es weiß zwar, daß die Puppe es nicht versteht; schafft sich aber, durch eine angenehme wissentliche Selbsttäuschung, die Freude der Mitteilung.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

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Es ist wirklich die größte Verkehrtheit, diesen Schauplatz des Jammers in einen Lustort verwandeln zu wollen und, statt der möglichsten Schmerzlosigkeit, Genüsse und Freuden sich zum Ziele zu stecken; wie doch so Viele thun. Viel weniger irrt wer, mit zu ?nsterm Blicke, diese Welt als eine Art Hölle ansieht und demnach nur darauf bedacht ist, sich in derselben eine feuerfeste Stube zu verschaffen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Fruchtet nun die Lehre; so hören wir auf, nach Glück und Genuß zu jagen, und sind vielmehr darauf bedacht, dem Schmerz und Leiden möglichst den Zugang zu versperren. Wir erkennen alsdann, daß das Beste, was die Welt zu bieten hat, eine schmerzlose, ruhige, erträgliche Existenz ist und beschränken unsere Ansprüche auf diese, um sie desto sicherer durchzusetzen. Denn, um nicht sehr unglücklich zu werden, ist das sicherste Mittel, daß man nicht verlange, sehr glücklich zu seyn.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Ich muß es aufrichtig gestehn: der Anblick jedes Tiers erfreut mich unmittelbar, und mir geht dabei das Herz auf; am meisten der der Hunde und sodann der aller freien Tiere, der Vögel, der Insekten, und was es sei. Hingegen erregt der Anblick der Menschen fast immer meinen entschiedenen Widerwillen: denn er bietet durchgängig und mit seltenen Ausnahmen, die widerwärtigsten Verzerrungen dar, in jeder Art und Hinsicht, physische Häßlichkeit, den moralischen Ausdruck niedriger Leidenschaften und verächtlichen Strebens, Zeichen von Narrheiten und intellektueller Verkehrtheiten und Dummheiten jeder Art und Größe, endlich auch das Schmutzige, infolge ekelhafter Gewohnheiten: darum wende ich mich davon ab und fliehe zur vegetabilischen Natur, erfreut, wenn mir Tiere begegnen. Sagt, was ihr wollt ! der Wille auf der obersten Staffel seiner Objektivation gewährt keinen schönen Anblick, sondern einen widerwärtigen. Ist doch schon die weiße Gesichtsfarbe widernatürlich und die Bedeckung des ganzen Leibes mit Kleidern, eine traurige Notwendigkeit des Nordens, eine Verunstaltung.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


My greatest enjoyments are those of my own mind
to which, for me, no others are comparable, whatever
they might be. Therefore if I possess myself, I
have every thing, having the main-point: but if
I do not possess myself, I have nothing, whatever
other things I might possess.
It is far otherwise with ordinary men : they borrow
their enjoyments from without, and are rich or poor
according to their share of them. Consequently my
main-object in life must always be the free possession
of myself, implying free leisure, health, tranquillity of
mind and those comforts I am accustomed to, and the
lack of which would disturb me. It is clear that all
this might be equally impaired by the possession of
too many exterior things, as by having too little of
them. A certain instinct rather
than distinct notions of all this, and my good genius,
have always led me to pursue and conserve that free
possession of myself, and to care little for all the rest.
- But now I must do with the full consciousness befitting
my age, what heretofore I did by mere instinct.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Die Menschen finden sich oft durch ein einziges Wort, eine Miene, einen Widerspruch, so beleidigt, daß sie es nie vergeben und Feindschaft aus Freundschaft machen: mir ist das nun allemal unverständlich. Das macht, ich muß in einem fort Gesichter, Worte, Meinungen, Widersprüche aller Art, vergeben, die mein Innerstes empören auf eine Weise, die jene gar nicht kennen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Alle die Tage, deren vorhergegangene Nacht ich nicht recht ausgeschlafen, sind aus meinem Leben zu streichen; denn da war ich nicht Ich.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Von dem, was die Pseudophilosophen unserer Zeit lehren, der Staat habe zur Absicht Beförderung des moralischen Zwecks des Menschen, ist viel eher das Gegenteil wahr. --- Der Zweck des Menschen (ein parabolischer Ausdruck) ist nicht, daß er so oder anders handele, denn alle opera operata sind an sich gleichgültig. Sondern daß der Wille, davon jeder Mensch ein vollständiges Spezimen ja dieser Wille selbst ist, sich wende, wozu nötig ist, daß der Mensch (der Verein von Erkennen und wollen) diesen Willen erkenne, das Entsetzliche dieses Willens erkenne, sich spiegele in seinen Thaten und deren Greueln. Der Staat, dem es nur aufs Wohlfein Aller abgesehn ist, hemmt die Äußerung des bösen Willens, keineswegs den Willen, was unmöglich wäre. Dadurch geschieht es, daß höchst selten ein Mensch seine ganze Entsetzlichkeit im Spiegel seiner Thaten erblickt. Oder glaubt ihr wirklich, Robespierre, Bonaparte, der Kaiser von Marokko, die Mörder, die ihr rädern seht, seien allein so schlecht unter allen? Seht ihr nicht, daß viele dasselbe, als jene thäten, wenn sie nur könnten? Mancher Verbrecher stirbt ruhiger auf dem Schafott, als mancher Nichtverbrecher in den Armen der Seinen. Jener hat seinen Willen erkannt und gewendet. Dieser hat ihn nicht wenden können, weil er ihn nie hat erkennen können. Der Staat bezweckt ein Schlaraffenland, das dem wahren Zweck des Lebens, der Erkenntnis des Willens in seiner Furchtbarkeit, grade entgegensteht.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Wie Hamlet, wenn er den Geist seines Vaters erblickt, die Augen starr allein auf diesen heftet und alle Umstehenden unbeachtet lässt, --- so haben alle die, welche eine große und wichtige Wahrheit zuerst erkannten, nur diese ihr ganzes Leben hindurch im Auge behalten, ohne auf das derweilige Treiben der Zeitgenossen zu achten, oder mit dem, was diese zu ihrem Gesichte sagten, sich aufzuhalten. Denn eine solche Erkenntnis macht den Blick gewissermaßen starr.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Eine Irrlehre, sei sie aus falscher Ansicht gefasst, oder aus schlechter Absicht entsprungen, ist stets nur auf spezielle Umstände, folglich auf eine gewisse Zeit berechnet; die Wahrheit allein auf alle Zeit; wenn sie auch eine Weile verkannt, oder erstickt werden kann. Denn, sobald nur ein wenig Licht von innen, oder ein wenig Luft von außen kommt, findet sich jemand ein, sie zu verkündigen, oder zu verteidigen. Weil sie nämlich nicht aus der Absicht irgend einer Partei entsprungen ist; so wird, zu jeder Zeit jeder vorzügliche Kopf ihr Verfechter. Denn sie gleicht dem Magneten, der stets und überall nach einem absolut bestimmten Weltpunkt weist; die Irrlehre hingegen einer Statue, die mit der Hand auf eine andere Statue hinweist, von welcher einmal getrennt sie alle Bedeutung verloren hat.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


In früher Jugend sitzen wir vor unserm bevorstehenden Lebenslauf, wie die Kinder vor dem Theatervorhang, in froher und gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollen. Ein Glück, daß wir nicht wissen, was wirklich kommen wird. Denn wer es weiß, dem könnten zuzeiten die Kinder vorkommen wie unschuldige Delinquenten, die zwar nicht zum Tode, hingegen zum Leben verurteilt sind, jedoch den Inhalt ihres Urteils noch nicht vernommen haben.
--- Nichtsdestoweniger wünscht jeder sich ein hohes Alter, also einen Zustand, darin es heißt: "Es ist heute schlecht und wird nun täglich schlechter werden, ---
bis das Schlimmste kommt."
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


In den Ergänzungen zur "Welt als Wille und Vorstellung" (Kap. 47, Bd. 6 S. 150 ff. dieser Gesamtausgabe) habe ich dargethan, daß der Staat wesentlich eine bloße Schutzanstalt ist, gegen äußere Angriffe des Ganzen und innere der Einzelnen untereinander. Hieraus folgt, daß die Notwendigkeit des Staats, im letzten Grunde, auf der Ungerechtigkeit des Menschengeschlechts beruht: ohne diese würde an keinen Staat gedacht werden; da niemand Beeinträchtigung seiner Rechte zu fürchten hätte und ein bloßer Verein gegen die Angriffe wilder Tiere, oder der Elemente, nur eine schwache Ähnlichkeit mit einem Staate haben würde. Von diesem Gesichtspunkt aus sieht man deutlich die Borniertheit und Plattheit der Philosophaster, welche, in pompösen Redensarten, den Staat als den höchsten Zweck und die Blüte des menschlichen Daseins darstellen und damit eine Apotheose der Philisterei liefern.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Ein eigentümlicher Fehler der Deutschen ist, daß sie, was vor ihren Füßen liegt, in den Wolken suchen. Ein ausgezeichnetes Beispiel hievon liefert die Behandlung des Naturrechts von den Philosophieprofessoren. Um die einfachen menschlichen Lebensverhältnisse, die den Stoff desselben ausmachen, also Recht und Unrecht, Besitz, Staat, Strafrecht u. v. m. zu erklären, werden die überschwänglichsten, abstraktesten, folglich weitesten und inhaltsleersten Begriffe herbeigeholt, und nun aus ihnen bald dieser, bald jener Babelturm in die Wolken gebaut, je nach der speziellen Grille des jedesmaligen Professors. Dadurch werden die klärsten, einfachsten, und uns unmittelbar angehenden Lebensverhältnisse unverständlich gemacht, zum großen Nachteil der jungen Leute, die in solcher Schule gebildet werden; während die Sachen selbst höchst einfach und begreiflich sind; wovon man sich überzeugen kann durch meine Darstellung derselben (über das Fundament der Moral § 17 ; und Welt als Wille und Vorstellung § 62 ; Bd. 3, S. 195 ff. dieser Gesamtausgabe).
Aber bei gewissen Worten, wie da sind Recht, Freiheit, das Gute, das Sein (dieser nichtssagende Infinitiv der Kopula) u. a. m. wird dem Deutschen ganz schwindlich, er gerät alsbald in eine Art Delirium und fängt an, sich in nichtssagenden, hochtrabenden Phrasen zu ergehn, indem er die weitesten, folglich hohlsten Begriffe künstlich aneinanderreiht; statt daß er die Realität ins Auge fassen und die Dinge und Verhältnisse leibhaftig anschauen sollte, aus denen jene Begriffe abstrahiert sind und die folglich ihren alleinigen wahren Inhalt ausmachen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Es gibt einige Begriffe, die sehr selten, mit Klarheit und Bestimmtheit, in irgend einem Kopfe vorhanden sind, sondern ihr Dasein bloß durch ihren Namen fristen, der dann eigentlich nur die Stelle so eines Begriffs bezeichnet, ohne den sie jedoch ganz verloren gehen würden. Der Art ist z.B. der Begriff der Weisheit. Wie vage ist er in fast allen Köpfen! Man sehe die Erklärungen der Philosophen.
"Weisheit" scheint mir nicht bloß theoretische, sondern auch praktische Vollkommenheit zu bezeichnen. Ich würde sie definieren als die vollendete, richtige Erkenntnis der Dinge, im ganzen und allgemeinen, die den Menschen so völlig durchdrungen hat, daß sie nun auch in seinem Handeln hervortritt, indem sie sein Thun überall leitet.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Es wundert mich nicht, daß sie Langeweile haben, wann sie allein sind: sie können nicht allein lachen; sogar erscheint solches ihnen närrisch. - Ist denn das Lachen etwan nur ein Signal für andere und ein bloßes Zeichen, wie das Wort? - Mangel an Phantasie und an Lebhaftigkeit des Geistes überhaupt, das ist es, was ihnen, wenn allein, das Lachen verwehrt. Die Tiere lachen weder allein, noch in Gesellschaft. Myson, der Misanthrop, war, allein lachend, von so einem überrascht worden, der ihn jetzt fragte, warum er denn lache, da er doch allein wäre? - "Gerade darum lache ich," war die Antwort.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Was hauptsächlich meiner Philosophie den Eingang versperrt hat, ist, daß ich verschmäht habe, von jenem Schibboleth Gebrauch zu machen, welches seine Bedeutung längst verloren hat, aber als ein Tribut an die Landesreligion von jeder Philosophie erlegt werden muß, die kathederfähig sein will.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Man hat geklagt, daß meine Philosophie traurig und trostlos wäre: aber nichts ist so trostlos wie die Lehre, daß Himmel und Erde und konsekutiv der Mensch aus Nichts geschaffen seien, denn da folgt wie Nacht auf Tag, daß er zu Nichts wird, wann er vor unsern Augen stirbt. Vielmehr ist der Anfang und Grund alles Tröstlichen die Lehre, dass der Mensch nicht aus Nichts geworden ist.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Alle vom Staat irgend abhängigen Gelehrten in Europa sind heimlich verschworen zu Gunsten des Theismus, d. h. sie unterdrücken sorgfältig jede Wahrheit, die dem Theismus ungünstig wäre, und zwar mit der Angst und Sorgfalt, die das schlechte Gewissen gibt. Wegen Ermangelung dieser Bestrebung, wie auch der schuldigen Schonung jenes nichtswürdigen Treibens, und des Respekts vor Strohköpfen, können mir vom Staat keine Ehrenbezeigungen zu teil werden. Denn
"Sie thäten gern große Männer verehren, wenn solche nur auch zugleich Lumpen wären."
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

"Aber die Juden sind das auserwählte Volk Gottes." --- Mag sein; aber der Geschmack ist verschieden: mein auserwähltes Volk sind sie nicht. Quid multa? Die Juden sind das auserwählte Volk ihres Gottes, und er ist der auserwählte Gott seines Volkes: und das geht weiter niemanden was an.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Lebenskraft ist eine unerklärliche und unvergängliche Naturkraft.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Wenn es nicht eine eigentliche Naturkraft (Lebenskraft) gibt, der es wesentlich ist, zweckmäßig zu verfahren, dann ist das ganze Leben ein falscher Schein, eine Täuschung und an sich nicht weiter interessant
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Nur wer alt wird, erhält eine vollständige und angemessene Vorstellung vom Leben, indem er es in seiner Ganzheit und seinem natürlichen Verlauf, besonders aber nicht bloß, wie die Uebrigen, von der Eingangs-, sondern auch von der Ausgangsseite übersieht, wodurch er dann besonders die Nichtigkeit desselben vollkommen erkennt, während die Uebrigen stets noch in dem Wahne befangen sind, das Rechte werde erst noch kommen. [...]
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Im weitern Sinne kann man auch sagen: die ersten vierzig Jahre unseres Lebens liefern den Text, die folgenden dreißig den Kommentar dazu, der uns den wahren Sinn und Zusammenhang des Textes, nebst der Moral und allen Feinheiten desselben, erst recht verstehn lehrt.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Dies giebt dem Alten eine besondere Gemüthsruhe, in welcher er lächelnd auf die Gaukeleien der Welt herabsieht. Er ist vollkommen enttäuscht und weiß, daß das menschliche Leben, was man auch thun mag es herauszuputzen und zu behängen, doch bald, durch allen solchen Jahrmarktsflitter, in seiner Dürftigkeit durchscheint und, wie man es auch färbe und schmücke, doch überall im Wesentlichen das selbe ist, ein Daseyn, dessen wahrer Werth jedesmal nur nach der Abwesenheit der Schmerzen, nicht nach der Abwesenheit der Genüsse, noch weniger des Prunkes, zu schätzen ist. [...]
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Die Meisten freilich, als welche stets stumpf waren, werden im höhern Alter mehr und mehr zu Automaten: sie denken, sagen und thun immer das Selbe, und kein äußerer Eindruck vermag mehr etwas daran zu ändern, oder etwas Neues aus ihnen hervorzurufen. Zu solchen Greisen zu reden, ist wie in den Sand zu schreiben: Der Eindruck verlischt fast unmittelbar darauf. [...]
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Das Leben in den Jahren des Alters gleicht dem fünften Akt eines Trauerspiels: man weiß, daß ein tragisches Ende nahe ist; aber man weiß noch nicht, welches es seyn wird. Allerdings hat man, wenn man alt ist, nur noch den Tod vor sich, aber wenn man jung ist, hat man das Leben vor sich; und es frägt sich, welches von Beiden bedenklicher sei, und ob nicht, im Ganzen genommen, das Leben eine Sache sei, die es besser ist hinter sich, als vor sich zu haben ."
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


... die Genüsse sind und bleiben negativ: daß sie beglücken ist ein Wahn, den der Neid, zu seiner eigenen Strafe, hegt. Die Schmerzen hingegen werden positiv empfunden: daher ist ihre Abwesenheit der Maßstab des Lebensglückes. Kommt zu einem schmerzlosen Zustand noch die Abwesenheit der Langenweile; so ist das irdische Glück im wesentlichen erreicht: denn das Übrige ist Chimäre.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Ehrwürdig ist die Wahrheit; nicht was ihr entgegensteht.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


... man hat in der Welt nicht viel mehr, als die Wahl zwischen Einsamkeit und Gemeinheit.

 

Es ist in der Literatur nicht anders, als im Leben: Wohin auch man sich wende, trifft man sogleich auf den inkorrigibeln Pöbel der Menschheit, welcher überall legionenweise vorhanden ist, alles erfüllt und alles beschmutzt, wie die Fliegen im Sommer. Daher die Unzahl schlechter Bücher, dieses wuchernde Unkraut der Literatur, welches dem Weizen die Nahrung entzieht, und ihn erstickt. Sie reißen nämlich Zeit, Geld und Aufmerksamkeit des Publikums, welche von Rechts wegen den guten Büchern und ihren edlen Zwecken gehören, an sich, während sie bloß in der Absicht, Geld einzutragen, oder Ämter zu verschaffen, geschrieben sind. Sie sind also nicht bloß unnütz, sondern positiv schädlich. Neun Zehntel unserer ganzen jetzigen Literatur hat keinen anderen Zweck als dem Publiko einige Taler aus der Tasche zu spielen: dazu haben sich Autor, Verleger und Rezensent fest verschworen.
Ein verschmitzter, schlimmer und gewissenloser Streich ist es, den die Brotschreiber und Vielschreiber treiben, indem sie um ein Paar Groschen ihr schlechtes Geschreibsel liefern und den guten Geschmack der Leser sowie die wahre Bildung des Zeitalters vernichten.
Daher ist in Hinsicht auf unsere Lektüre die Kunst, nicht zu lesen, höchst wichtig. Sie besteht darin, dass man das, was zu jeder Zeit so eben das größere Publikum beschäftigt oder gerade eben Lärm macht, nicht deshalb auch in die Hand nehme. Man sollte, einfach gesagt, solche Bücher zum Teufel schicken, deren erstes Lebensjahr zugleich ihr letztes ist.
Man bedenke alsdann, dass, wer für Narren schreibt, allezeit ein großes Publikum findet, und wende die stets knapp gemessene Zeit ausschließlich den Werken der großen, die übrige Menschheit turmhoch überragenden Geister aller Zeiten und Völker zu, welche die Stimme des Ruhmes als solche bezeichnet. Nur diese bilden und belehren wirklich.Vom Schlechten kann man nie zu wenig und das Gute nie zu oft lesen: Schlechte Bücher sind intellektuelles Gift, sie verderben den Geist.
Weil die Leute, statt das Beste aller Zeiten, immer nur das Neueste lesen, bleiben die jetzigen Schriftsteller im engen Kreise der zirkulierenden Ideen, und das Zeitalter verschlammt immer tiefer in seinem eigenen Dreck.

Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Daß für unser Glück und unsern Genuß das Subjektive imgleich wesentlicher, als das Objektive sei, bestätigt sich in allem: von dem an, daß Hunger der beste Koch ist und der Greis die Göttin des Jünglings gleichgültig ansieht, bis hinauf zum Leben des Genies und des Heiligen. Besonders überwiegt die Gesundheit alle äußern Güter so sehr, daß wahrlich ein gesunder Bettler glücklicher ist, als ein kranker König.

Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Die Natur steigert sich fortwährend, zunächst vom mechanischen und chemischen Wirken des unorganischen Reiches zum Vegetabilischen und seinem dumpfen Selbstgenuß, von da zum Thierreich, mit welchem die Intelligenz und das Bewußtsein anbricht und nun von schwachen Anfängen stufenweise immer höher steigt und endlich durch den letzten und größten Schritt bis zum Menschen sich erhebt, in dessen Intellekt also die Natur den Gipfelpunkt und das Ziel ihrer Produktionen erreicht, also das Vollendeteste und Schwierigste liefert, was sie hervorzubringen vermag. Selbst innerhalb der menschlichen Species aber stellt der Intellekt noch viele und merkliche Abstufungen dar und gelangt höchst selten zur obersten, der eigentlich hohen Intelligenz. Diese nun also ist im engem und strengem Sinne das schwierigste und höchste Produkt der Natur, mithin das Seltenste und Werthvollste, was die Welt aufzuweisen hat. In einer solchen Intelligenz tritt das klarste Bewußtsein ein und stellt demgemäß die Welt sich deutlicher und vollständiger, als irgend wo dar. Der damit Ausgestattete besitzt demnach das Edelste und Köstlichste auf Erden und hat dem entsprechend eine Quelle von Genüssen, gegen welche alle übrigen gering sind; so daß er von außen nichts weiter bedarf, als nur die Muße, sich dieses Besitzes ungestört zu erfreuen und seinen Diamanten auszuschleifen. Denn alle andern, also nicht intellektuellen Genüsse sind niedrigerer Art: sie laufen sämtlich auf Willensbewegungen hinaus, also auf Wünschen, Hoffen, Fürchten und Erreichen, gleichviel auf was es gerichtet sei, wobei es nie ohne Schmerzen abgehn kann, und zudem mit dem Erreichen, in der Regel, mehr oder weniger Enttäuschung eintritt, statt daß bei den intellektuellen Genüssen die Wahrheit immer klarer wird.
Im Reiche der Intelligenz waltet kein Schmerz, sondern Alles ist Erkenntniß. Alle intellektuellen Genüsse sind nun aber Jedem nur vermittelst und also nach Maaßgabe seiner eigenen Intelligenz zugänglich: denn "tout l'esprit, qui est au monde, est inutile ^ celui qui n'en a point".
Ein wirklicher jenen Vorzug begleitender Nachteil aber ist, daß, in der ganzen Natur, mit dem Grad der Intelligenz die Fähigkeit zum Schmerze sich steigert, also ebenfalls erst hier ihre höchste Stufe erreicht.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Übrigens gibt es in unserem Lebenslaufe noch etwas, welches über alles hinausliegt. Es ist nämlich eine triviale und nur zu häufig bestätigte Wahrheit, dass wir oft törrichter sind, als wir glauben: hingegen ist, dass wir oft weiser sind, als wir selbst vermeinen … Es gibt etwas Weiseres in uns, als der Kopf ist. Wir handeln nämlich, bei den großen Zügen, den Hauptschritten unsers Lebenslaufes, nicht sowohl nach deutlicher Erkenntnis des Rechten, als nach einem innern Impuls, man möchte sagen Instinkt, der aus dem tiefsten Grunde unseres Wesens kommt …
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Wer unter Menschen zu leben hat, darf keine Individualität verwerfen; auch nicht die schlechteste, erbärmlichste oder lächerlichste. Er hat sie vielmehr zu nehmen als ein Unabänderliches, welches, infolge eines ewigen und metaphysischen Prinzips, so sein muss, wie es ist, und in den argen Fällen soll er denken:
"Es muss auch solche Käuze geben." Hält er es anders, so tut er Unrecht und fordert die Verstoßenen heraus, zum Kriege auf Tod und Leben. Denn seine eigentliche Individualität, d. h. seinen moralischen Charakter, seine Erkenntniskräfte, sein Temperament, seine Physiognomie usw., kann keiner ändern.Verdammen wir nun sein Wesen ganz und gar, so bleibt ihm nichts übrig, als in uns einen Todfeind zu bekämpfen: Denn wir wollen ihm das Recht zu existieren nur unter der Bedingung zugestehen, dass er ein Anderer werde, als er unabänderlich ist.
Darum also müssen wir, um unter Menschen leben zu können, jeden mit seiner gegebenen Individualität bestehen und gelten lassen, keineswegs aber auf ihre Änderung hoffen, noch sie, wie sie ist, schlechthin verdammen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Der allgemeinste Überblick zeigt uns, als die beiden Feinde des menschlichen Glückes, den Schmerz und die Langeweile. Dazu noch läßt sich bemerken, daß, in dem Maaße, als es uns glückt, vom einen derselben uns zu entfernen, wir dem andern uns nähern, und umgekehrt;
so daß unser Leben wirklich eine stärkere, oder schwächere Oscillation zwischen ihnen darstellt. Dies entspringt daraus, daß beide in einem doppelten Antagonismus zu einander stehn, einem äußern, oder objektiven, und einem innern, oder subjektiven. Äußerlich nämlich gebiert Noth und Entbehrung den Schmerz; hingegen Sicherheit und Überfluß die Langeweile. Demgemäß sehn wir die niedere Volksklasse in einem beständigen Kampf gegen die Noth, also den Schmerz; die reiche und vornehme Welt hingegen in einem anhaltenden, oft wirklich verzweifelten Kampf gegen die Langeweile.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Demnach geschieht es nicht ohne Grund, daß man, vor allen Dingen, sich gegenseitig nach dem Gesundheitszustande befragt und einander sich wohlzubefinden wünscht: denn wirklich ist Dieses bei Weitem die Hauptsache zum menschlichen Glück. Hieraus aber folgt, daß die größte aller Thorheiten ist, seine Gesundheit aufzuopfern, für was es auch sei, für Erwerb, für Beförderung, für Gelehrsamkeit, für Ruhm, geschweige für Wollust und flüchtige Genüsse: vielmehr soll man ihr Alles nachsetzen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Unsern Wünschen ein Ziel stecken, unsere Begierden im Zaume halten, unsern Zorn bändigen, stets eingedenk, daß dem einzelnen nur ein unendlich kleiner Teil alles Wünschenswerten erreichbar ist, hingegen viele Übel jeden treffen müssen, also, mit einem Worte: Sich enthalten und sich zurückhalten - ist eine Regel, ohne deren Beobachtung weder Reichtum noch Macht verhindern können, daß wir uns armselig fühlen. Dahin zielt Horaz: Stets überlege dir und suche den Rat der Weisen, wie du dein Leben in Ruhe zubringen kannst, damit dich nicht ständig rastlose Habsucht plagt und foltert, noch die Angst, noch die Hoffnung auf Besitz unwichtiger Dinge.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Für sein Tun und Lassen darf man keinen andern zum Muster nehmen; weil Lage, Umstände, Verhältnisse nie die gleichen sind, und weil die Verschiedenheit des Charakters auch der Handlung einen verschiedenen Anstrich gibt, daher: Wenn zwei das gleiche tuen, ist es doch nicht das gleiche. Man muß nach reiflicher Überlegung und scharfem Nachdenken, seinem eigenen Charakter gemäß handeln. Also auch im Praktischen ist Originalität unerläßlich: sonst paßt was man tut nicht zu dem, was man ist.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Wie Papiergeld statt des Silbers, so kursieren in der Welt statt der wahren Achtung und der wahren Freundschaft die äußerlichen Demonstrationen und möglichst natürlich mimisierten Gebärden derselben. Indessen läßt sich andererseits auch fragen, ob es denn Leute gebe, welche jene wirklich verdienten. Jedenfalls gebe ich mehr auf das Schwanzwedeln eines ehrlichen Hundes, als auf hundert solche Demonstrationen und Gebärden.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Wer selbst ein Ganzes ist, will nicht als Glied sich fügen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Wenn in schweren, grauenhaften Träumen die Beängstigung den höchsten Grad erreicht; so bringt eben sie selbst uns zum Erwachen, durch welches alle jene Ungeheuer der Nacht verschwinden.
Dasselbe geschieht im Traume des Lebens, wenn der höchste Grad der Beängstigung uns nötigt, ihn abzubrechen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Da müssen wir denn hören, Selbstmord sei die größte Feigheit, sei nur im Wahnsinn möglich und dergleichen Abgeschmacktheiten mehr oder auch die ganz sinnlose Frage, der Selbstmord sei Unrecht, während doch offenbar jeder auf nichts in der Welt ein so unbestreitbares Recht hat wie auf seine eigene Person und Leben.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

....

Dies Alles beruht darauf, daß jede Wirklichkeit, d. h. jede erfüllte Gegenwart, aus zwei Hälften besteht, dem Subjekt und dem Objekt, wiewohl in so nothwendiger und enger Verbindung, wie Oxygen und Hydrogen im Wasser. Bei völlig gleicher objektiver Hälfte, aber verschiedener subjektiver, ist daher, so gut wie im umgekehrten Fall, die gegenwärtige Wirklichkeit eine ganz andere: die schönste und beste objektive Hälfte, bei stumpfer, schlechter subjektiver, giebt doch nur eine schlechte Wirklichkeit und Gegenwart; gleich einer schönen Gegend in schlechtem Wetter, oder im Reflex einer schlechten Camera obscura. Oder planer zu reden: Jeder steckt in seinem Bewußtsein, wie in seiner Haut, und lebt unmittelbar nur in demselben: daher ist ihm von außen nicht sehr zu helfen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 

-Schopenhauers Gedicht an Kant-
"Ich sah Dir nach in Deinen blauen Himmel,
Im blauen Himmel dort verschwand Dein Flug.
Ich blieb zurück in dem Gewimmel,
Zum Troste mir Dein Wort, zum Trost Dein Buch.-
Da such' ich mir die Oede zu beleben
Durch Deiner Worte geisterfüllten Klang:
Sie sind mir alle fremd, die mich umgeben,
Die Welt ist öde und das Leben lang."

Denn Kants Lehre bringt in jedem Kopf, der sie gefaßt hat, eine fundamentale Veränderung hervor, die so groß ist, daß sie für die geistige Widergeburt gelten kann. […] Wer hingegen der Kantischen Philosophie sich nicht bemeistert hat, ist, was sonst er auch getrieben haben mag, gleichsam im Stande der Unschuld, nämlich in demjenigen natürlichen und kindlichen Realismus befangen geblieben, in welchem wir Alle geboren sind und der zu allem Möglichen, nur nicht zur Philosophie befähigt. […] Die Kantische Lehre also wird man vergeblich irgend wo anders suchen, als in Kants eigenen Werken: diese aber sind durchweg belehrend, selbst da wo er irrt, selbst da wo er fehlt.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Gesetzt es würde uns einmal ein deutlicher Blick in das Reich der Möglichkeit und über alle Ketten der Ursachen und Wirkungen gestattet, es träte der Erdgeist hervor und zeigte uns in einem Bilde die vortrefflichsten Individuen, Welterleuchter und Helden, die der Zufall vor der Zeit ihrer Wirksamkeit zerstört hat, - dann die großen Begebenheiten, welche die Weltgeschichte geändert und Perioden der höchsten Kultur und Aufklärung herbeigeführt haben würden, die aber das blindeste Ungefähr, der unbedeutendste Zufall, bei ihrer Entstehung hemmte, endlich die herrlichsten Kräfte großer Individuen, welche ganze Weltalter befruchtet haben würden, die sie aber, durch Irrtum oder Leidenschaft verleitet, oder durch Nothwendigkeit gezwungen, an unwürdigen und unfruchbaren Gegenständen nutzlos verschwendeten, oder gar spielend vergeudeten: - sähen wir das Alles, wir würden schaudern und wehklagen über die verlorenen Schätze ganzer Weltalter.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Ohne tägliche gehörige Bewegung kann man nicht gesund bleiben: alle Lebensprozesse erfordern, um gehörig vollzogen zu werden, Bewegung sowohl der Teile, darin sie vorgehen, als des Ganzen.
Das Leben besteht in der Bewegung und hat sein Wesen in ihr. Im ganzen Innern des Organismus herrscht unaufhörliche, rasche Bewegung: das Herz, in seiner komplizierten doppelten Systole und Diastole, schlägt heftig und unermütlich; mit 28 seiner Schläge hat es die gesamte Blutmasse durch den ganzen großen und kleinen Kreislauf hindurch getrieben; die Lunge pumpt ohne Unterlaß wie eine Dampfmaschine; die Gedärme winden sich stets im motus peristalticus; alle Drüsen saugen und secerniren beständig, selbst das Gehirn hat eine doppelte Bewegung mit jedem Pulsschlag und jedem Atemzug.
Wenn nun hierbei, wie es bei der ganz und gar sitzenden Lebensweise unzähliger Menschen der Fall ist, die äußere Bewegung so gut wie ganz fehlt, so entsteht ein schreiendes und verderbliches Mißverhältnis zwischen der äußeren Ruhe und dem inneren Tumult.Sogar die Bäume bedürfen, um zu gedeihen, der Bewegung durch den Wind.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Zwar ist nicht, wie die Astrologie es wollte, der Lebenslauf der einzelnen in den Planeten vorgezeichnet; wohl aber der Lebenslauf des Menschen überhaupt, sofern jedem Alter desselben ein Planet, der Reihenfolge nach, entspricht und sein Leben demnach suksesive von allen Planeten beherrscht wird. - Im zehnten Lebensjahre regiert Merkur. - Wie dieser, bewegt der Mensch sich schnell und leicht, im engsten Kreise: er ist durch Kleinigkeiten umzustimmen; aber er lernt viel und leicht unter der Herrschaft des Gottes der Schlauheit und Beredsamkeit. - Mit dem zwanzigsten Jahre tritt die Herrschaft der Venus ein: Liebe und Weiber haben ihn ganz im Besitze. Im dreißigsten Lebensjahre herrscht Mars: der Mensch ist jetzt heftig, stark, kühn, kriegerisch und trotzig. - Im vierzigsten regieren die vier Planetoiden: sein Leben geht demnach in die Breite: er ist frugi, d.h. fröhnt dem Nützlichen, kraft der Ceres: er hat seinen eigenen Herd, kraft der Vesta; er hat gelernt, was er zu wissen braucht, kraft der Pallas: und als Juno regiert die Herrin des Hauses, seine Gattin. - Im fünfzigsten Jahre aber herrscht Jupiter. Schon hat der Mensch die Meister überlebt, und dem jetzigen Geschlecht fühlt er sich überlegen. Noch im vollen Genuß seiner Kraft, ist er reich an Erfahrung und Kenntnis: er hat (nach Maßgabe seiner Individualität und Lage) Autorität über alle, die ihn umgeben. Er will demnach sich nicht mehr befehlen lassen, sondern selbst befehlen. Zum Lenker und Herrscher, in seiner Sphäre, ist er jetzt am geeignetsten. So kulminiert Jupiter und mit ihm der Fünfzigjährige. Dann aber folgt, im sechzigsten Jahre, Saturn und mit ihm die Schwere, Langsamkeit und Zähigkeit des Bleies:
Viel' Alte scheinen schon den Toten gleich:
Wie Blei, schwer, zähe, ungelenk und bleich.
Zuletzt kommt Uranus: da geht man, wie es heißt, in den Himmel. Den Neptun (so hat ihn leider die Gedankenlosigkeit getauft) kann ich hier nicht in Rechnung ziehn; weil ich ihn nicht bei seinem wahren Namen nennen darf, der Eros ist. Sonst wollte ich zeigen, wie sich an das Ende der Anfang knüpfte, wie nämlich der Eros mit dem Tode in seinem geheimen Zusammenhange steht, vermöge, dessen der Orkus, oder Amenthes der Ägypter der Nehmende und der Gebende, also nicht nur der Nehmende, sondern auch der Gebende und der Tod das große Reservoir des Lebens ist. Daher also, daher, aus dem Orkus kommt alles, und dort ist schon jedes gewesen, das jetzt Leben hat: - wären wir nur fähig, den Taschenspielerstreich zu begreifen, vermöge dessen das geschieht; dann wäre alles klar.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 

Wenn in schweren, grauenhaften Träumen die Beängstigung den höchsten Grad erreicht; so bringt eben sie selbst uns zum Erwachen, durch welches alle jene Ungeheuer der Nacht verschwinden.
Dasselbe geschieht im Traume des Lebens, wenn der höchste Grad der Beängstigung uns nötigt, ihn abzubrechen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Und dieser Welt, diesem Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehen können, dass eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Tier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist, ... dieser Welt hat man das System des Optimismus anpassen und sie uns als die beste unter den möglichen andemonstrieren wollen. Die Absurdität ist schreiend.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Wer die Spieler, die auf der Weltbühne agieren, mit ihren Leiden betrachtet, wird nicht disponiert sein, Hallelujahs anzustimmen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Der Optimismus ist in den Religionen wie in der Philosophie ein Grundirrtum, der aller Wahrheit den Weg vertritt.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Der Optimismus ist im Grunde das unberechtigte Selbstlob des eigentlichen Urhebers der Welt.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Das Bewußtseyn ist die bloße Oberfläche unseres Geistes, von welchem, wie vom Erdkörper, wir nicht das Innere, sondern nur die Schaale kennen.
Das Leben, mit seinen stündlichen, täglichen, wöchentlichen und jährlichen, kleinen, größern und großen Widerwärtigkeiten, mit seinen getäuschten Hoffnungen und seinen alle Berechnung vereitelnden Unfällen, trägt so deutlich das Gepräge von etwas, das uns verleidet werden soll, daß es schwer zu begreifen ist, wie man dies hat verkennen können und sich überreden lassen, es sei da, um dankbar genossen zu werden, und der Mensch, um glücklich zu seyn.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Auch wird unsere Scheu vor jenem kolossalen Gedanken sich mindern, wenn wir uns erinnern, daß das Subjekt des großen Lebenstraumes in gewissem Sinne nur eines ist, der Wille zum Leben, und dass alle Vielheit der Erscheinungen durch Raum und Zeit bedingt ist. Es ist ein großer Traum, den jenes eine Wesen träumt: aber so, daß alle seine Personen ihn mitträumen. Daher greift alles ineinander und passt zueinander. Geht man nun darauf ein, nimmt man jene doppelte Kette aller Begebenheiten an, vermöge deren jedes Wesen einerseits seiner selbst wegen daist, seiner Natur gemäß mit Notwendigkeit handelt und wirkt und seinen eigenen Gang geht, andererseits aber auch für die Auffassung eines fremden Wesens und die Einwirkung auf dasselbe so ganz bestimmt und geeignet ist wie die Bilder in dessen Träumen - so wird man dieses auf die ganze Natur, also auch auf Tiere und erkenntnislose Wesen auszudehnen haben.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Wenn man hingegen sieht, wie fast Alles, wonach Menschen, ihr Leben lang, mit rastloser Anstrengung und unter tausend Gefahren und Mühsäligkeiten, unermüdlich streben, zum letzten Zwecke hat, sich dadurch in der Meinung Anderer zu erhöhen, indem nämlich nicht nur Aemter, Titel und Orden, sondern auch Reichthum und selbst Wissenschaft und Kunst, im Grunde und hauptsächlich deshalb angestrebt werden, und der größere Respekt Anderer das letzte Ziel ist, darauf man hinarbeitet; so beweist Dies leider nur die Größe der menschlichen Thorheit.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Wenn man nun endlich noch Jedem die entsetzlichen Schmerzen und Quaalen, denen sein Leben beständig offen steht, vor die Augen bringen wollte; so würde ihn Grausen ergreifen: und wenn man den verstocktesten Optimisten durch die Krankenhospitäler, Lazarethe und chirurgische Marterkammern, durch die Gefängnisse, Folterkammern und Sklavenställe, über Schlachtfelder und Gerichtsstädten führen, dann alle die finstersten Behausungen des Elends, wo es sich vor den Blicken kalter Neugier verkriecht, ihm öffnet und zum Schluß ihn in den Hungerthurm des Ugolino blicken lassen wollte; so würde sicherlich auch er zuletzt einsehen, welcher Art dieser meilleur des mondes possibles ist.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


"In der Sphäre des Denkens bleiben Absurdität und Perversität die Herren der Welt, und ihre Herrschaft ist nur für kurze Zeit ausgesetzt."
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Sogar an Abrichtungsfähigkeit übertrifft der Mensch alle Tiere ...; wie denn überhaupt die Religion das rechte Meisterstück der Abrichtung ist, nämlich die Abrichtung der Denkfähigkeit; daher man bekanntlich nicht früh genug damit anfangen kann. Es gibt keine Absurdität, die so handgreiflich wäre, daß man sie nicht allen Menschen fest in den Kopf setzen könnte, wenn man nur schon vor ihrem sechsten Jahre anfinge, sie ihnen einzuprägen, indem man unablässig und mit feierlichem Ernst sie ihnen vorsagte. Denn, wie die
Abrichtung der Tiere, so gelingt auch die des Menschen nur in früher Jugend Vollkommen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860
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Es dürfen meine Zeitgenossen nicht glauben, daß ich jetzt für sie arbeite: wir haben nichts miteinander zu thun; wir kennen einander nicht; wir gehen fremd einander vorüber. - Ich schreibe für die einzelnen, mir gleichen, die hie und da im Laufe der Zeit leben und denken, und durch die zurückgelassenen Werke miteinander kommunizieren, und dadurch einer der Trost des andern sind.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Der wirksamste Trost, bei jedem Unglück, in jedem Leiden, ist, hinzusehen auf die andern, die noch unglücklicher sind, als wir: und dies kann jeder. Was aber ergibt sich daraus für das Ganze ? ---
Wir gleichen den Lämmern, die auf der Wiese spielen, während der Metzger schon eines und das andere von ihnen mit den Augen auswählt: denn wir wissen nicht, in unsern guten Tagen, welches Unheil eben jetzt das Schicksal uns bereitet, --- Krankheit, Verfolgung, Verarmung, Verstümmelung, Erblindung, Wahnsinn, Tod u.s.w. ---
Die Geschichte zeigt uns das Leben der Völker, und findet nichts, als Kriege und Empörungen zu erzählen: die friedlichen Jahre erscheinen nur als kurze Pausen, Zwischenakte, dann und wann einmal. Und ebenso ist das Leben des Einzelnen ein fortwährender Kampf, nicht etwan bloß metaphorisch mit der Not, oder mit der Langeweile;
sondern auch wirklich mit andern. Er findet überall den Widersacher, lebt in beständigem Kampfe und stirbt, die Waffen in der Hand. ---
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Unbewußt treffend ist der, in allen europäischen Sprachen übliche Gebrauch des Wortes Person zur Bezeichnung des menschlichen Individuums: denn persona bedeutet eigentlich eine Schauspielermaske, und allerdings zeigt keiner sich wie er ist, sondern jeder trägt eine Maske und spielt eine Rolle. --- Ueberhaupt ist das ganze gesellschaftliche Leben ein fortwährendes Komödienspielen. Dies macht es gehaltvollen Leuten insipid; während Plattköpfe sich so recht darin gefallen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Geduld, patientia, besonders aber das spanische sufrimiento, heißt so von leiden, ist mithin Passivität, das Gegenteil von Aktivität des Geistes, mit der sie, wo diese groß ist, sich schwer vereinigen läßt. Sie ist die angeborene Tugend der Phlegmatici, wie auch der Geistesträgen und Geistesarmen, und der Weiber. Daß sie dennoch so sehr nützlich und nötig ist, deutet auf eine traurige Beschaffenheit der Welt.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Was die Menschen hartherzig macht, ist dieses, daß jeder an seinen eigenen Plagen genug zu tragen hat, oder doch es meint. Daher macht ein ungewohnter glücklicher Zustand die meisten teilnehmend und wohltätig. Aber ein anhaltender, stets dagewesener, wirkt oft umgekehrt, indem er sie dem Leiden so sehr entfremdet, daß sie nicht mehr daran teilnehmen können: daher kommt es, daß bisweilen die Armen sich hilfreicher erweisen, als die Reichen. Was hingegen die Menschen so sehr neugierig macht, wie wir an ihrem Gucken und Spionieren nach dem Treiben anderer sehen, ist der dem Leiden entgegengesetzte Pol des Lebens, die Langeweile; --- wiewohl auch oft der Neid dabei mitwirkt.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Die Freude, das Allgemeine und Wesentliche der Welt, von irgend einer Seite, unmittelbar und anschaulich, richtig und scharf aufzufassen, ist so groß; daß der, dem sie wird, alle andern Zwecke vergißt, alles stehen und liegen läßt, um durch Aufzeichnung des Resultats solcher Erkenntnis in bloßen abstrakten Begriffen, wenigstens eine trockne farblose Mumie von ihr, oder auch einen groben Abdruck derselben aufzubewahren, zunächst für sich und nach Gelegenheit für andre, falls welche dergleichen zu schätzen wissen sollten.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Wer für sein Vaterland in den Tod geht, hat die Täuschung überwunden, die das Dasein auf die eigene Person beschränkt: er dehnt es aus auf den Menschenhaufen seines Vaterlandes (und dadurch auf die Spezies), in welchem (als der Spezies) er fortlebt. ---
Dasselbe geschieht eigentlich bei jedem Opfer, das man andern bringt: man erweitert sein Dasein auf die Gattung, --- wenn auch vorderhand nur auf einen Teil derselben, den man eben vor Augen hat. Die Verneinung des Willens zum Leben allererst tritt aus der Gattung heraus; daher die Lehrer der Askese, nachdem man diese übt, die guten Werke als überflüssig und gleichgültig betrachten, --- noch mehr die Tempelzeremonien.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Wie der schönste Menschenkörper in seinem Innern Kot und mephitischen Dunst verschließt, so hat der edelste Charakter einzelne böse Züge und das größte Genie Spuren von Beschränktheit und Wahnsinn.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Bücher werden geschrieben, bald über diesen, bald über jenen großen Geist der Vorzeit, und das Publikum liest sie, nicht aber jenen selbst; weil es nur frisch gedrucktes lesen will, und weil similis simili gaudet, und ihm das seichte, fade Geträtsche eines heutigen Flachkopfs homogener und gemütlicher ist, als die Gedanken des großen Geistes. Ich aber danke dem Schicksal, daß es mich schon in der Jugend auf ein schönes Epigramm von A. W. Schlegel hingeführt hat, welches seitdem mein Leitstern wurde:
"Leset fleißig die Alten, die wahren eigentlich Alten:
Was die Neuen davon sagen, bedeutet nicht viel."
O, wie ist doch ein Alltagskopf dem andern so ähnlich! Wie sind sie doch alle in einer Form gegossen! Wie fällt doch jedem von ihnen dasselbe bei der gleichen Gelegenheit ein, und nichts anderes! Dazu nun noch ihre niedrigen persönlichen Absichten. Und das nichtswürdige Geträtsche solcher Wichte liest ein stupides Publikum, wenn es nur heute gedruckt ist, und läßt die großen Geister auf den Bücherbrettern ruhen.
Unglaublich ist doch die Thorheit und Verkehrtheit des Publikums, welches die edelsten, seltensten Geister in jeder Art, aus allen Zeiten und Ländern, ungelesen läßt, um die täglich erscheinenden Schreibereien der Alltagsköpfe, wie sie jedes Jahr in zahlloser Menge, den Fliegen gleich, ausbrütet, zu lesen, --- bloß weil sie heute gedruckt und noch naß von der Presse sind. Vielmehr sollten diese Produktionen schon am Tage ihrer Geburt so verlassen und verachtet dastehn, wie sie es nach wenigen Jahren und dann auf immer sein werden, ein bloßer Stoff zum Lachen über vergangene Zeiten und deren Flausen. ---
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Unwissenheit degradiert den Menschen erst dann, wann sie in Gesellschaft des Reichtums angetroffen wird. Den Armen bändigt seine Armut und Not; seine Leistungen ersetzen bei ihm das Wissen und beschäftigen seine Gedanken. Hingegen Reiche, welche unwissend sind, leben bloß ihren Lüsten und gleichen dem Vieh; wie man dies täglich sehen kann. Hiezu kommt nun noch der Vorwurf, daß man Reichtum und Muße nicht benutzt habe zu dem, was ihnen den allergrößten Wert verleiht.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Offenbarung.
Die ephemeren Geschlechter der Menschen entstehn und vergehn in rascher Succession, während die Individuen unter Angst, Not und Schmerz dem Tode in die Arme tanzen. Dabei fragen sie unermüdlich, was es mit ihnen sei, und was die ganze tragikomische Posse zu bedeuten habe, und rufen den Himmel an, um Antwort. Aber der Himmel bleibt stumm. Hingegen kommen Pfaffen mit Offenbarungen. Der aber ist nur ein großes Kind, welcher im Ernst denken kann, daß jemals Wesen, die keine Menschen waren, unserm Geschlecht Aufschlüsse über sein und der Welt Dasein und Zweck gegeben hätten. Es gibt keine andere Offenbarung, als die Gedanken der Weisen; wenn auch diese, dem Lose alles Menschlichen gemäß, dem Irrtum unterworfen, auch oft in wunderliche Allegorien und Mythen eingekleidet sind, wo sie dann Religionen heißen. Insofern ist es also einerlei, ob einer im Verlaß auf eigene, oder auf fremde Gedanken, lebt und stirbt: denn immer sind es nur menschliche Gedanken, denen er vertraut, und menschliches Bedünken. Jedoch haben die Menschen, in der Regel, die Schwäche, lieber andern, welche übernatürliche Quellen vorgeben, als ihrem eigenen Kopfe zu trauen. Fassen wir nun aber die so überaus große intellektuelle Ungleichheit zwischen Mensch und Mensch ins Auge; so können allenfalls wohl die Gedanken des einen dem andern gewissermaßen als Offenbarungen gelten. ---
Hingegen das Grundgeheimnis und die Urlist aller Pfaffen, auf der ganzen Erde und zu allen Zeiten, mögen sie brahmanische, oder mohammedanische, buddhaistische, oder christliche sein, ist folgendes. Sie haben die große Stärke und Unvertilgbarkeit des metaphysischen Bedürfnisses des Menschen richtig erkannt und wohl gefaßt: nun geben sie vor, die Befriedigung desselben zu besitzen, indem das Wort des großen Rätsels ihnen, auf außerordentlichem Wege, direkt zugekommen wäre. Dies nun den Menschen einmal eingeredet, können sie solche leiten und beherrschen, nach Herzenslust. Von den Regenten gehen daher die klügeren eine Allianz mit ihnen ein: die andern werden selbst von ihnen beherrscht. Kommt aber einmal, als die seltenste aller Ausnahmen, ein Philosoph auf den Thron, so entsteht die ungelegenste Störung der ganzen Komödie.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Der Ovidische Vers
Pronaque cum spectent animalia cetera terram, --- gilt zwar im eigentlichen und physischen Sinne nur von den Tieren; allein im figürlichen und geistigen Sinne leider auch von den allermeisten Menschen. Ihr Sinnen, Denken und Trachten geht gänzlich auf im Streben nach physischem Genuß und Wohlsein, oder doch im persönlichen Interesse, dessen Sphäre zwar oft vielerei begreift, welches alles jedoch zuletzt nur durch die Beziehung auf jenes erstere seine Wichtigkeit erhält: darüber hinaus geht es nicht. Hievon zeugt nicht allein ihre Lebensweise und ihr Gespräch, sondern sogar schon ihr bloßer Anblick, ihre Physiognomien und deren Ausdruck, ihr Gang, ihre Gestikulation: Alles an ihnen ruft:
in terram prona! --- Nicht von ihnen demnach, sondern allein von den edleren und höher begabten Naturen, den denkenden und wirklich um sich schauenden Menschen, die nur als Ausnahmen unter dem Geschlechte vorkommen, gelten die darauffolgenden Verse:
Os homini sublime dedit, coelumque tueri Jussit, et erectos ad sidera tollere vultus.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Warum ist "gemein" ein Ausdruck der Verachtung? "ungemein, außerordentlich, ausgezeichnet" des Beifalls? Warum ist alles gemeine verächtlich?
Gemein bedeutet ursprünglich was Allen, d. h. der ganzen Spezies, eigen und gemeinsam, also mit der Spezies schon gesetzt ist. Demnach ist wer weiter keine Eigenschaften, als die der Menschenspezies überhaupt, hat, ein gemeiner Mensch. "Gewöhnlicher Mensch" ist ein viel gelinderer und mehr auf das Intellektuelle gerichteter Ausdruck, während jener erstere mehr auf das Moralische geht. Welchen Wert kann denn auch wohl ein Wesen haben, welches weiter nichts ist, als eben Millionen seinesgleichen? Millionen? vielmehr eine Unendlichkeit, eine endlose Zahl von Wesen, welche die Natur, aus unerschöpflicher Quelle, unaufhörlich hervorsprudelt, in secula seculorum, so freigebig damit, wie der Schmied mit den umhersprühenden Eisenschlacken. Sogar wird es fühlbar, daß, gerechterweise, ein Wesen, welches keine andern Eigenschaften, als eben nur die der Spezies hat, auch auf kein anderes Dasein Anspruch machen darf, als auf das in der Spezies und durch dieselbe. Ich habe mehrmals (z.B. Grundpr. d. Ethik, S. 48; Bd.7, S. 63 dieser Gesamtausgabe; "Welt a. W. u. V." Bd. 1, S. 338; Bd. 3, S. 155 dieser Gesamtausgabe) erörtert, daß, während die Tiere nur Gattungscharakter haben, dem Menschen allein der eigentliche Individualcharakter zukommt. Jedoch ist in den meisten nur wenig wirklich Individuelles: sie lassen sich fast gänzlich nach Klassen sortieren. Ce sont des espéces. Ihr Wollen und Denken, wie ihre Physiognomien, ist das der ganzen Spezies, allenfalls der Klasse von Menschen, der sie angehören, und ist eben darum trivial, alltäglich, gemein, tausendmal vorhanden. Auch läßt meistens ihr Reden und Thun sich ziemlich genau vorhersagen. Sie haben kein eigentümliches Gepräge: sie sind Fabrikware. Sollte denn nicht, wie ihr Wesen, so auch ihr Dasein in dem der Spezies aufgehn? Der Fluch der Gemeinheit stellt den Menschen dem Tiere darin nahe, daß er ihm Wesen und Dasein nur in der Spezies zugesteht. Von selbst aber versteht sich, daß jedes Hohe, Große, Edele, seiner Natur zufolge, isoliert dastehn wird in einer Welt, wo man, das Niedrige und Verwerfliche zu bezeichnen, keinen bessern Ausdruck finden konnte, als den, der das in der Regel Vorhandene besagt: "gemein".
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Bonaparte ist wohl eigentlich nicht schlechter, als viele Menschen, um nicht zu sagen, als die meisten. Er hat eben den ganz gewöhnlichen Egoismus, sein Wohl auf Kosten anderer zu suchen. Was ihn auszeichnet, ist bloß die größere Kraft, diesem Willen zu genügen, größerer Verstand, Vernunft, Mut, wozu der Zufall ihm noch einen günstigen Spielraum schenkte. Durch alles dies that er für seinen Egoismus, was tausend andre für den ihrigen wohl möchten, aber nicht können. Jeder schwache Bube, der durch kleine Schlechtigkeiten einen geringen Vorteil zum Nachteil andrer, wenn auch dieser Nachteil ebenso gering ist, sich verschafft, ist ebenso schlecht, als Bonaparte.
Die, welche eine Vergeltung nach dem Tode wähnen, würden verlangen, daß Bonaparte durch unsägliche Qualen alle unzählbare Leiden büßte, die er verursacht hat. Aber er ist nicht strafbarer, als alle die, welche denselben Willen haben, nur nicht mit derselben Kraft. Dadurch, daß ihm diese seltne Kraft beigegeben ist, hat er die ganze Bosheit des menschlichen Willens offenbart: und die Leiden seines Zeitalters, als die notwendige andre Seite davon, offenbaren den Jammer, der mit dem bösen Wille, dessen Erscheinung im ganzen diese Welt ist, unzertrennlich verknüpft ist. Eben dieses aber, daß erkannt werde, mit welchem namenlosen Jammer der Wille zum Leben verknüpft und eigentlich eins ist, ist der Zweck der Welt. Bonapartes Erscheinung trägt also viel zu diesem Zweck bei. Daß die Welt ein fades Schlaraffenland sei, ist nicht ihr Zweck; sondern daß sie ein Trauerspiel sei, in welchem der Wille zum Leben sich erkenne und sich wende. Bonaparte ist nur ein gewaltiger Spiegel des menschlichen Willens zum Leben.
Der Unterschied zwischen dem, der das Leiden verursacht, und dem, der es leidet, ist nur in der Erscheinung. Es ist das alles ein Wille zum Leben, der mit großen Leiden eins ist, durch deren Erkenntnis er sich wenden und enden kann.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

[...] vielmehr werden die ingenia praecocia, die Wunderkinder, in der Regel Flachköpfe; das Genie hingegen ist in der Kindheit oft von langsamen Begriffen und faßt schwer, eben weil es tief faßt.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Rationalismus.
Der Mittelpunkt und das Herz des Christentums ist die Lehre vom Sündenfall, von der Erbsünde, von der Heillosigkeit unsers natürlichen Zustandes und der Verderbtheit des natürlichen Menschen, verbunden mit der Vertretung und Versöhnung durch den Erlöser, deren man teilhaft wird durch den Glauben an ihn. Dadurch nun aber zeigt dasselbe sich als Pessimismus, ist also dem Optimismus des Judentums, wie auch des echten Kindes desselben, des Islams, gerade entgegengesetzt, hingegen dem Brahmanismus und Buddhaismus verwandt. --- Dadurch, daß im Adam alle gesündigt haben und verdammt sind, im Heiland hingegen alle erlöst werden, ist auch ausgedrückt, daß das eigentliche Wesen und die wahre Wurzel des Menschen nicht im Individuo liegt, sondern in der Spezies, welche die (platonische) Idee des Menschen ist, deren auseinandergezogene Erscheinung in der Zeit die Individuen sind. [...]
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Bisher haben die Philosophen sich viel Mühe gegeben, die Freiheit des Willens zu lehren: ich aber werde die Allmacht des Willens lehren.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Was die alte Zeit hauptsächlich vor der neuen voraus hatte, war vielleicht dieses, daß in der alten Zeit (Bonapartes Ausdruck zu gebrauchen) les paroles aux choses gingen, in der neuen nicht. Ich meine dies: in der alten Zeit war der Charakter des öffentlichen Lebens, des Staats und der Religion, wie des Privatlebens entschiedene Bejahung des Willens zum Leben: in der neuen Zeit ist er Verneinung jenes Willens, da diese der Charakter des Christentums ist: aber nun wird teils jener Verneinung selbst öffentlich abgedungen, weil sie zu sehr mit dem Charakter der Menschheit streitet; teils wird heimlich bejaht, was öffentlich verneint wird: daher ist Halbheit und Falschheit überall im Spiel: daher steht die neue Zeit so kleinlich hinter der alten.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Die Natur ist aristokratischer als alles, was man auf Erden kennt: denn jeder Unterschied, den Rang oder Reichtum in Europa, oder die Kasten in Indien zwischen Menschen festsetzen, ist klein im Vergleich des Abstandes, den in moralischer und intellektueller Hinsicht die Natur unwiderruflich eingesetzt hat, und eben wie in andern Aristokratien, so auch in ihrer, kommen zehntausend Plebejer auf einen Edlen, und Millionen auf einen Fürsten, die große Menge ist Pack, plebs, mob, rabble, la canaille.
Daher aber, beiläufig gesagt, sollen auch ihre Patrizier und Edele, so wenig als die der Staaten, sich unter das Pack mischen, sondern je höher sie stehn, desto abgesonderter und unzugänglich sein.
Sogar könnte man jene erwähnten, durch menschliche Einrichtungen herbeigeführten Rangunterschiede gewissermaßen als eine Parodie oder falsche Stellvertretung dieser natürlichen betrachten; sofern nämlich die äußern Zeichen der ersteren, wie die Ehrfurchtsbezeigungen von der einen, und die Aeußerungen der Ueberlegenheit von der andern Seite, eigentlich nur in Hinsicht auf die natürliche Aristokratie passend und ernstlich gemeint sein können (ja nur durch die Anerkennung derselben entstanden sein müssen, da sie alle etwas ganz anderes anzudeuten scheinen als eine bloße Ueberlegenheit an Macht, für deren Anerkennung sie offenbar nicht erfunden sind.), während sie bei der menschlichen nur zum Schein gezeigt werden: so daß diese sich zu jener verhält, wie Flittergold zum echten, oder ein Theaterkönig zu einem wirklichen.
Uebrigens aber findet unter den Menschen jeder Rangesunterschied der willkürlichen Art willige Anerkennung, nur allein der natürliche nicht: Jeder ist bereit, den andern für vornehmer oder reicher als sich, anzuerkennen und demgemäß zu venerieren; aber den ungleich größern Unterschied, den die Natur zwischen Menschen unabänderlich eingesetzt hat, will keiner anerkennen, sondern an Geist, Urteil, Einsicht stellt jeder sich jedem gleich: daher kommen in der Gesellschaft gerade die Vorzüglichsten zu kurz; weshalb sie solche zu meiden pflegen.
Vielleicht wäre es kein übles Thema für einen Maler, einmal den Kontrast der natürlichen und menschlichen Aristokratie darzustellen, etwa einen Fürsten mit allen Abzeichen seines Vorzuges und einer Physiognomie vom allerletzten Range, in irgend einem Zwiesprach oder Verflechtung mit einer Physiognomie, die die größte geistige Ueberlegenheit sichtbar machte, aber in Lumpen gehüllt.
Eine radikale Verbesserung der menschlichen Gesellschaft und dadurch des menschlichen Zustandes überhaupt könnte dauernd nur dadurch zu stande kommen, daß man die positive und konventionelle Rangliste nach der der Natur regelte, so das die Parias der Natur den unwürdigsten Beschäftigungen oblägen, die Sudra den rein mechanischen, die Vaysias der höhern Industrie, und nur die echten Kschatrias Staatsmänner, Heerführer und Fürsten wären, Künste und Wissenschaften aber allein in den Händen der echten Brahminen wären; während jetzt die konventionelle Rangliste so selten mit der natürlichen zusammentrifft, ja so häufig im schreiendsten Widerspruch mit ihr steht. Aber dann erst wäre die vita vitalis. Freilich sind die Schwierigkeiten unabsehbar. Es wäre nötig, daß jedes Kind seine Bestimmung nicht nach dem Stande der Eltern, sondern nach dem Ausspruch des tiefsten Menschenkenners empfinge.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Natura ist ein richtiger, aber euphemischer Ausdruck: mit gleichem Rechte könnte es Mortura heißen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Ich gebrauche oft das Wort Niaiserie, weil es kein deutsches Aequivalent dafür gibt. Dies muß doch wohl daher kommen, daß der Begriff davon in Deutschland nicht vorhanden ist; wovon der Grund dem ähnlich sein mag, aus welchem wir die Harmonie der Sphären nicht vernehmen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Lichtenberg hat über hundert deutsche Ausdrücke für Betrunkensein aufgezählt; kein Wunder, da die Deutschen von jeher als Säufer berühmt waren: aber merkwürdig ist, daß in der Sprache der für die ehrlichste von allen geltenden deutschen Nation, vielleicht mehr, als in irgend einer andern, Ausdrücke für Betrügen sind; und zwar haben sie meistens einen triumphierenden Anstrich, vielleicht weil man die Sache für sehr schwer hielt: z. B. Betrügen, Täuschen, Hintergehen, Mystifizieren, Anführen, Beschuppen, Beschummeln, Hänseln, Bescheißen, Anschmieren, Prellen, zum besten haben, einem etwas weismachen, ihm etwas aufbinden, ihm einen Zopf machen, ihm ein X für ein V machen, ihn versohlen, ihn hinters Licht führen, ihn zum Narren machen, ihn narren, ihm eine Nase drehen, ihn in April schicken, ihn einseifen, übers Ohr hauen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Worte und Begriffe werden immer trocken sein: denn das ist ihre Natur. Das wäre thörichte Hoffnung, wenn wir erwarten wollten, die Worte und der abstrakte Gedanken sollten das werden und leisten, was die lebendige Anschauung war und leistete, die den Gedanken hervorrief: er selbst ist nur ihre Mumie, und die Worte der Deckel des Mumiensarges. Hier ist die Grenze der geistigen Mitteilung: das Beste schließt sie aus. --- Aber Worte und Begriffe, so trocken auch ihre Mitteilung war, dienen, wenn wir sie einmal gefaßt haben, zu verstehn was wir nachher anschauen, zusammenzubringen was zusammengehört u. dgl. m. --- so wie das blecherne Pflanzenfutteral des Botanisierenden zwar selbst lebloses Metall ist, aber dient die Blumen, die er findet, zu Haufe zu tragen und aufzubehalten.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Es ist bemerkenswert, wie Eitelkeit, vanitas, vanité zuerst Leerheit, Nichtigkeit, und dann Wunsch nach Bewunderung anderer bedeutet; so daß dieses letztere, das Leben in der Meinung anderer, die avaritia laudis, hiedurch als das Leere und Nichtige par excellence bezeichnet wird, durch einen sehr bedeutungsvollen Sprachgebrauch; denn es ist das nichtigste von allen Gütern.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Mich haben die Unterrichtsministerien nicht brauchen können: und ich danke dem Himmel, daß ich kein solcher bin, den sie brauchen könnten. Sie können eigentlich nur solche brauchen, die sich brauchen lassen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Meine Zeitgenossen haben, durch die gänzliche Vernachlässigung und Nichtbeachtung meiner Leistungen und derweiliges Celebrieren des Mediokren und Schlechten, alles mögliche gethan, mich an mir selbst irre zu machen. Glücklicherweise ist es ihnen nicht gelungen: sonst würde ich zu arbeiten aufgehört haben, wie ich hätte müssen, wenn ich durch meine Arbeiten zugleich meinen Unterhalt zu erwerben gehabt hätte.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Goethe erzählte mir neulich, er habe am Hofe der Herzogin Amalie viele seiner damals soeben geschriebenen Stücke von den Hofleuten aufführen lassen, ohne daß irgend einer mehr als seine eigene Rolle gekannt hätte, und das Stück in seinem Zusammenhang allen unbekannt und daher bei der Aufführung auch den Spielenden neu war. ---
Ist unser Leben etwas andres --- als eine solche Komödie? Der Philosoph ist einer, der willig den Statisten macht, um desto besser auf den Zusammenhang achten zu können.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Die Kantische Philosophie lehrt, daß das Weltende nicht außer uns, sondern in uns zu suchen ist.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Der eine ist mehr mit dem Eindruck, den er auf andre macht, beschäftigt; der andre mehr mit dem Eindruck, den andre auf ihn machen: jener hat subjektive, dieser objektive Stimmung: jener ist seinem ganzen Dasein nach mehr eine bloße Vorstellung; dieser mehr Vorstellendes.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Alle Teilnahme des Publikums wirkt leicht störend: der Tadel kann schwache Gemüter zur falschen Nachgiebigkeit, starke zur falschen Uebertreibung ihrer Opposition verleiten. Das Lob ist noch gefährlicher, indem es uns verführt, dem Urteil des Lobenden ein Gewicht zu leihen und wir uns nun bequemen, den erlangten, oft schiefen Beifall durch Willfahren zu erhalten.
Vor beiden Gefahren hat mich die gänzliche Nichtbeachtung von seiten meiner Zeitgenossen bewahrt. Ich konnte völlig ungestört meine Sache allein ihrer selbst wegen lieben, betreiben und vervollkommnen, mich rein erhaltend von allem äußern Einfluß, und meine Zeitgenossen blieben mir fremd, wie ich ihnen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Die Erkenntnisform der Kausalität ist sehr tauglich, alle Dinge in der Welt zu verstehen, jedoch nicht das Dasein der Welt selbst.
Objektiv ausgedrückt: jedes Ding in der Welt hat eine Ursach (weil es infolge einer Veränderung ist, was es ist), aber die Welt selbst hat keine: denn das Gesetz der Kausalität steht und fällt mit ihr.
Dies ist ein Hauptresultat der wohlverstandenen Kantischen Philosophie --- aber dasselbe hat nicht angeschlagen: sie reden noch immer von einem Grund der Welt, um nicht Ursach zu sagen: meine Abhandlung haben sie liegen lassen: ja mein Werk ist liegen geblieben! während das Unbedeutende und Schlechte Aufsehn machte! --- Alles nur, weil sie Theismus wollen, Theismus! (Mit dem aber kann euch die Wahrheit nicht dienen: ihr müsst ihn bei der Lüge suchen.) Vom lieben Gott wollen sie erzählt haben. Und weil ich von dem nichts zu berichten wußte --- kann ich auf die Nachwelt warten: Das allein ist die Ursach: hinc illae lacrimae! Ich hab es mit der Wahrheit gehalten und nicht mit dem lieben Gott. Er aber hilft den Seinen. --- Dabei ist es ihnen eigentlich nur um das Wort zu thun: denn auch Pantheismus lassen sie sich gefallen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


In meinem 17. Jahre, ohne alle gelehrte Schulbildung, wurde ich vom Jammer des Lebens so ergriffen, wie Buddha in seiner Jugend, als er Krankheit, Alter, Schmerz und Tod erblickte. Die Wahrheit, welche laut und deutlich aus der Welt sprach, überwand bald die auch mir eingeprägten jüdischen Dogmen, und mein Resultat war, daß diese Welt kein Werk eines allgütigen Wesens sein könnte, wohl aber das eines Teufels, der Geschöpfe ins Dasein gerufen, um am Anblick ihrer Qual sich zu weiden: darauf deuten die Data, und der Glaube, daß es so sei, gewann die Oberhand. --- Allerdings spricht aus dem menschlichen Dasein die Bestimmung des Leidens: es ist tief ins Leiden eingesenkt, entgeht ihm nicht, sein Fortgang und Ausgang ist durchweg tragisch: eine gewisse Absichtlichkeit hierin ist nicht zu verkennen. Nun ist ja aber das Leiden der (der "zweite Weg"), das Surrogat der Tugend und Heiligkeit; durch selbiges geläutert gelangen wir zuletzt zur Verneinung des Willens zum Leben, zur Rückkehr vom Irrweg, zur Erlösung: daher eben hat jene geheime Macht, die unser Schicksal leitet, im Volksglauben mythisch als Vorsehung personifiziert, es allerdings darauf abgesehn, uns Leiden auf Leiden zu bereiten, weshalb meinem ganz einseitigen, aber so weit er sah richtigen Blick in der Jugend, die Welt sich als ein Werk des Teufels darstellte. An sich aber ist diese geheime Macht und Allmacht unser eigener Wille, auf einem Standpunkt, der nicht ins Bewußtsein fällt: wie ich ausführlich auseinandergesetzt habe: und das Leiden ist allerdings zunächst Zweck des Lebens, gleich als ob es das Werk eines Teufels wäre, dieser Zweck aber ist nicht der letzte, er ist selbst Mittel, ist Gnadenmittel, ist als solches von uns selbst, wie gesagt, angeordnet zu unserm wahren und letzten Besten.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Die Naturphilosophen sind nur eine besondre Klasse Narren, Naturnarren, wie es Kleidernarren, Pferdenarren, Büchernarren gibt, d. h. Leute, die irgend ein Relatives zum Absoluten erheben und eben dies drüber vergessen. Die Pythagoreer waren Mathematiknarren. Nun ist die Natur ein schön Ding, und es ist von keinem so sehr zu verzeihen, wenn man sich drin vergafft; aber sie bleibt ein Ding, wenn auch das größte. Die Entdeckung ihrer Wunder hat auf die Naturphilosophen gewirkt, wie die der mathematischen auf die Pythagoreer. Die Naturphilosophen gleichen Kindern, die über die Schönheit eines physikalischen Geräts den Gebrauch vergessen, über den Einband das Buch. Es mußte freilich das schönste Gerät sein, mit dem das große Experiment des Lebens --- was auch das Leben sei --- gemacht werden konnte. Die Natur ist ja das allein schlechthin Rechte, Notwendige, eben der Gegensatz des Willens, der irren können muß, sie ist der feste Punkt, der Kern des Lebens, das ewig Treue, Unschuldige, gleich Kindern, die noch nicht sündigen können.---
Aber versuch es einmal, ganz Natur zu sein: es ist entsetzlich zu denken: du kannst nicht Geistesruhe haben, wenn du nicht entschlossen bist, nötigenfalls dich, und d. h. alle Natur für dich zu zerstören.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Meine ganze Philosophie läßt sich zusammenfassen in dem einen Ausdruck: die Welt ist die Selbsterkenntnis des Willens.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Ohne Zweifel schließen die meisten auf die Wertlosigkeit meiner Philosophie aus der geringen Beachtung, die sie gefunden. Aber sie könnte nicht verfehlt haben, bei ihrem Erscheinen das größte Aufsehn zu erregen, und dann eines stets zunehmenden Beifalls sich zu erfreuen, wenn es Leute gäbe, welche die Wahrheit suchten: allein die, welche sich heutzutage mit der Philosophie beschäftigen, suchen nichts anderes, als die Professuren derselben: zu diesen aber wäre meine Philosophie ein falscher Weg, da sie keineswegs es darauf abgesehn hat, eine Stütze des lieben Christentums zu sein, vielmehr diese Rücksicht, als etwas ihren Zwecken Fremdes, ganz unbeachtet läßt. Ach, wie steht sie in diesem Punkt zurück gegen die Hegelei, welche deklariert, mit dem Christentum geradezu identisch und bloß ein etwas anders zugerichtetes Christentum zu sein! und mir vorkommt, wie der Kandidat in "Der gerade Weg ist der beste", welcher deklariert, die Witwe des verstorbenen Pfarrers unbesehens und auf der Stelle heiraten zu wollen. ---
Gebt doch den armen Jungen ein Stück Brot, daß sie nicht die Philosophie mit ihren Tagelöhnerbemühungen beschmutzen! Geht es doch her, als lebten wir im ersten und nicht im letzten Jahrhundert des Christentums. Aber ihr Kathederhelden, ihr Philosophen des flüchtigen Tags und der bethörten Menge, übergeht ihr mich nur mit Stillschweigen! Die Nachwelt wird mich nicht mit Stillschweigen übergehn. Wenn euere niedrigen Verabredungen ausgestorben und euer heuchlerischer Wechselgesang verstummt sein wird: --- dann wird ein ganz anderer Maßstab des Bedeutenden und Unbedeutenden angelegt werden, als am heutigen armseligen Tage. Freilich ist die Hauptursache der Vernachlässigung meiner Lehre, daß gerade zu meiner Zeit an die Stelle der Philosophie und des Denkens eine verfinsternde protestantisch - jesuitische, auf Verdummung der Köpfe angelegte offizielle Afterweisheit gesetzt wurde, --- jene beispiellose Niederträchtigkeit der Hegelei.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

In meiner Jugend machte die Vernachlässigung, die ich in der Gesellschaft erfuhr, und der Vorzug, den man den Alltäglichen, Platten, Dürftigen, vor mir gab, mich an mir selber irre: bis ich, 26 Jahr alt, den Helvetius las und nun begriff, daß die Homogeneität jene vereinigte und die Heterogeneität mich ausschied, daß der Platte und Niedrige dem Platten und Niedrigen angemessen und die Ueberlegenheit verhaßt war. Dasselbe ist mir in der philosophischen Litteratur begegnet, und die Lösung des Phänomens ist im wesentlichen genau dieselbe, wie ich dies mit jedem Jahr deutlicher einsehe. Hier wie dort ist das Verkehrte, Schlechte, Platte, Absurde den gemeinen Köpfen angemessen und homogen: das Echte, Vorzügliche, Ungemeine kann gerade als solches bei ihnen keinen Beifall finden, ist ihnen ganz heterogen, dazu ist die Ueberlegenheit verhaßt und gefürchtet:
Helvetius: Il n'y a que I'esprit qui sente I'esprit; mais les gens ordinaires ont un instinct prompt et sür, pour connaitre et pour fuir les gens d'esprit;
Chamfort: La sottise ne serait pas tout-a-fait la sottise, si elle ne craignait pas I'esprit (Vol. IV, p. 58);
und Lichtenberg: Es gibt Leute, denen ein Mann von Kopf verhaßter ist als der deklarierteste Schurke (sic fere): also "fliehen, --- fürchten und hassen", --- Das sind die Empfindungen, die bei ihnen der Geist hervorruft.
Daß ich in beiden Fällen auf einige Zeit an mir selber irre wurde, lag daran, daß ich von der Größe der Erbärmlichkeit der Menschen keinen Begriff hatte, noch haben konnte, denn a priori war er mir nicht gegeben und a posteriori konnte er erst durch die Erfahrung kommen, welche eben die ist, die ich hier ausspreche.
In beiden Fällen erhielt ich dann und wann einen Trost durch das große Lob, ja die Verehrung Einzelner, welche gegen die allgemeine Vernachlässigung desto greller hervortrat. Dies trug bei, mich zu orientieren.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

......

Das Talent arbeitet um Geld und Ruhm: hingegen ist die Triebfeder, welche das Genie zur Ausarbeitung seiner Werke bewegt, nicht so leicht anzugeben. Geld wird ihm selten dafür. Der Ruhm ist es nicht: so etwas können nur Franzosen meinen. Der Ruhm ist zu unsicher und, in der Nähe betrachtet, von zu geringem Wert:
Responsura tuo nunquam est par fama labori.
Ebenfalls ist es nicht geradezu das eigene Ergötzen: denn dieses wird von der großen Anstrengung fast überwogen. Vielmehr ist es ein Instinkt ganz eigener Art, vermöge dessen das geniale Individuum getrieben wird, sein Schauen und Fühlen in dauernden Werken auszudrücken, ohne sich dabei eines ferneren Motivs bewußt zu sein. Im ganzen genommen, geschieht es aus derselben Notwendigkeit, mit welcher der Baum seine Früchte trägt, und erfordert von außen nichts weiter, als einen Boden, auf dem das Individuum gedeihen kann. Näher betrachtet, ist es als ob in einem solchen Individuum der Wille zum Leben, als Geist der Menschengattung, sich bewußt würde, hier eine größere Klarheit des Intellekts, durch einen seltenen Zufall, auf eine kurze Spanne Zeit, erlangt zu haben und nun wenigstens die Resultate, oder Produkte, jenes klaren Schauens und Denkens, für die ganze Gattung, die ja auch dieses Individuums eigenstes Wesen ist, zu erwerben trachtete, damit das Licht, welches davon ausgeht, nachmals wohlthätig einbrechen möge in die Dunkelheit und Dumpfheit des gewöhnlichen Menschenbewußtseins. Hieraus also entsteht jener Instinkt, welcher das Genie treibt, ohne Rücksicht auf Belohnung, Beifall, oder Teilnahme, vielmehr mit Vernachlässigung der Sorge für sein persönliches Wohl, emsig und einsam, mit größter Anstrengung seine Werke zu vollenden, dabei mehr an die Nachwelt, als an die Mitwelt, durch welche es nur irre geleitet werden würde, zu denken; weil jene ein größerer Teil der Gattung ist und weil im Laufe der Zeit die wenigen Urteilsfähigen einzeln herankommen. Es steht unterdessen meistens mit ihm wie Goethe seinen Künstler klagen lässt:
"Ein Fürst, der die Talente schätzte,
Ein Freund, der sich mit mir ergötzte,
Die haben leider mir gefehlt.
Im Kloster fand ich dumpfe Gönner:
So hab` ich, emsig, ohne Kenner
Und ohne Schüler mich gequält."
Sein Werk, als ein heiliges Depositum und die wahre Frucht seines Daseins, zum Eigentum der Menschheit zu machen, es niederlegend für eine besser urteilende Nachwelt, dies wird ihm dann zum Zweck, der allen andern Zwecken vorgeht und für den er die Dornenkrone trägt, welche einst zum Lorbeerkranze ausschlagen soll. Auf die Vollendung und Sicherstellung seines Werkes konzentriert sein Streben sich ebenso entschieden, wie das des Insekts, in seiner letzten Gestalt, auf die Sicherstellung seiner Eier und Vorsorge für die Brut, deren Dasein es nie erlebt; es deponiert die Eier da, wo sie, wie es sicher weiß, einst Leben und Nahrung finden werden, und stirbt getrost.
Anhang.
A. Das bisherige Mißlingen der Philosophie ist notwendig und daraus erklärlich, daß dieselbe, statt sich auf das tiefere Verständnis der gegebenen Welt zu beschränken, sogleich darüber hinaus will und die letzten Gründe alles Daseins, die ewigen Verhältnisse aufzufinden sucht, welche zu denken unser Intellekt ganz unfähig ist, dessen Fassungskraft durchaus nur für das taugt, was die Philosophen bald endliche Dinge, bald Erscheinungen genannt haben, kurzum die flüchtigen Gestalten dieser Welt und das, was für unsre Person, unsre Zwecke und unsre Erhaltung taugt: er ist immanent. Daher soll seine Philosophie auch immanent sein und nicht sich versteigern zu überweltlichen Dingen, sondern sich darauf beschränken die gegebene Welt von Grund aus zu verstehn: die gibt Stoff genug.
B. Wenn es so ist, so haben wir an unserm Intellekt ein armseliges Geschenk der Natur: wenn er bloß taugt, die Verhältnisse zu fassen, die unsere erbärmliche, individuelle Existenz betreffen und bloß während der kurzen Spanne unsers zeitlichen Daseins bestehn, hingegen das, was allein wert ist, ein denkendes Wesen zu interessieren, - die Erklärung unsers Daseins überhaupt, und die Auslegung der Verhältnisse der Welt im ganzen, kurz die Lösung des Rätsels dieses Lebenstraumes, -- wenn dies alles gar nicht in ihn hineingeht und er es nimmermehr, auch wenn es ihm dargelegt würde, zu fassen vermöchte - dann finde ich den Intellekt nicht wert, ihn auszubilden und mit ihm mich zu beschäftigen: er ist ein Ding, nicht wert, sich danach zu bücken.
A. Mein Freund, wenn wir mit der Natur hadern, behalten wir gewöhnlich unrecht. Bedenke, Natura nihil facit frustra nec supervacaneum (et nihil largitur). Wir sind eben bloß zeitliche, endliche, vergängliche, traumartige, wie Schatten vorüberfliegende Wesen; was sollte solchen ein Intellekt, der unendliche, ewige, absolute Verhältnisse faßte? Und wie sollte ein solcher Intellekt diese Verhältnisse wieder verlassen, um sich zu den für uns allein realen, allein uns wirtlich betreffenden, kleinen Verhältnissen unsers ephemeren Daseins zu wenden und noch für diese zu taugen? Die Natur würde durch Verleihung eines solchen Intellekts nicht nur ein unermeßlich großes Frustra gemacht, sondern ihren Zwecken mit uns geradezu entgegen gearbeitet haben. Denn was würde es taugen, wie Shakespeare sagt:
we fools of nature, so horridly to shake our disposition. Whith thoughts beyond the reaches of our souls. - (Hamlet, act l, sc. 4.)
Würde eine solche vollkommene und erschöpfende metaphysische Einsicht uns nicht zu aller physischen, zu allem unsern Thun und Treiben unfähig machen, vielleicht uns für immer in ein erstarrendes Entsetzen versenken, wie den, der ein Gespenst gesehn? --
B. Es ist aber eine verruchte petitio principii, die du machst, daß wir bloß zeitliche, vergängliche, endliche Wesen sind: wir sind zugleich unendlich, ewig, das ursprüngliche Prinzip der Natur selbst: daher ist es wohl der Mühe wert, unablässig zu suchen, "ob nicht Natur zuletzt sich doch ergründe".
A. Nach deiner eigenen Metaphysik sind wir das nur in gewissem Sinne, als Ding an sich, nicht als Erscheinung, als inneres Prinzip der Welt, nicht als Individuen, als Wille zum Leben, nicht als Subjekte des individuellen Erkennens. Hier ist nur von unserer intelligenten Natur die Rede, nicht vom Willen, und als Intelligenzen sind wir individuell und endlich; demgemäß ist auch unser Intellekt ein solcher. Der Zweck unsers Lebens (daß ich mir einen metaphorischen Ausdruck erlaube) ist ein praktischer, kein theoretischer: unser Thun, nicht unser Erkennen gehört der Ewigkeit an: dieses Thun zu leiten und zugleich unserm Willen einen Spiegel vorzuhalten, ist unser Intellekt da, und dies leistet er. Ein mehreres würde ihn höchst wahrscheinlich hiezu untauglich machen: sehn wir doch schon das Genie, diesen kleinen Ueberschuß von Intellekt, der Laufbahn des damit begabten Individuums hinderlich sein, und es äußerlich unglücklich machen, wenn es auch innerlich beglücken mag.
B. Wohl, daß du mich an das Genie erinnerst! es wirft zum Teil die Thatsachen um, die du rechtfertigen willst: bei ihm ist die theoretische Seite abnorm überwiegend über die praktische. Wenn es auch nicht die ewigen Verhältnisse fassen kann, so sieht es doch schon etwas tiefer in die Dinge dieser Welt, attamen est quodam prodire tenus. Und allerdings macht schon dies den damit begünstigten Intellekt zum Auffassen der endlichen, irdischen Verhältnisse weniger tauglich und einem Teleskop im Theater vergleichbar. Hier scheint der Punkt zu sein, wo wir uns einigen, und bei dem unsere gemeinsame Betrachtung stille steht.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Vermöge des endlichen Maßes der menschlichen Kräfte überhaupt ist jeder große Geist dies nur unter der Bedingung, daß er, auch intellektuell, irgend eine entschieden schwache Seite habe, also eine Fähigkeit, in welcher er bisweilen sogar den mittelmäßigen Köpfen nachsteht. Es wird die sein, welche seiner hervorstechenden Fähigkeit hätte im Wege stehn können: doch wird es immer schwer halten, sie, selbst beim gegebenen Einzelnen, mit einem Worte zu bezeichnen. Eher läßt es sich indirekt ausdrücken: z. B. Platos schwache Seite ist gerade die, worin des Aristoteles Stärke besteht; und vice versa. Kants schwache Seite ist das, worin Goethe groß ist; und vice versa.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Was gewesen ist, das ist nicht mehr; ist ebensowenig, wie das, was nie gewesen ist. Aber alles, was ist, ist im nächsten Augenblick schon gewesen. Daher hat vor der bedeutendesten Vergangenheit die unbedeutendeste Gegenwart die Wirklichkeit voraus; wodurch sie zu jener sich verhält, wie etwas zu nichts. --- Man ist mit einemmale, zu seiner Verwunderung, da, nachdem man, zahllose Jahrtausende hindurch, nicht gewesen, und nach einer kurzen Zeit ebenso lange wieder nicht zu sein hat. - Das ist nimmermehr richtig, sagt das Herz: und selbst dem rohen Verstande muß aus Betrachtungen dieser Art eine Ahnung der Idealität der Zeit aufgehn. Diese aber, nebst der des Raumes, ist der Schlüssel zu aller wahren Metaphysik; weil durch dieselbe für eine ganz andre Ordnung der Dinge, als die der Natur ist, Platz gewonnen wird. Daher ist Kant so groß.
Jedem Vorgang unsers Lebens gehört nur auf einen Augenblick das Ist: sodann für immer das War. Jeden Abend sind wir um einen Tag ärmer. Wir würden vielleicht, beim Anblick dieses Ablaufens unsrer kurzen Zeitspanne, rasend werden; wenn nicht im tiefsten Grunde unsres Wesens ein heimliches Bewußtsein läge, daß uns der nie zu erschöpfende Born der Ewigkeit gehört, um immerdar die Zeit des Lebens daraus erneuern zu können.
Auf Betrachtungen, wie die obigen, kann man allerdings die Lehre gründen, daß die Gegenwart zu genießen und dies zum Zwecke seines Lebens zu machen, die größte Weisheit sei; weil ja jene allein real, alles andere nur Gedankenspiel wäre. Aber ebensogut könnte man es die größte Thorheit nennen: denn was im nächsten Augenblicke nicht mehr ist, was so gänzlich verschwindet, wie ein Traum, ist nimmermehr eines ernstlichen Strebens wert.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Wer etwas tiefer zu denken fähig ist wird bald absehn, daß die menschlichen Begierden nicht erst auf dem Punkte anfangen können, sündlich zu sein, wo sie, in ihren individuellen Richtungen einander zufällig durchkreuzend, Uebel von der einen und Böses von der andern Seite veranlassen; sondern daß, wenn dieses ist, sie auch schon ursprünglich und ihrem Wesen nach sündlich und verwerflich sein müssen, folglich der ganze Wille zum Leben selbst ein verwerflicher ist. Ist ja doch aller Greuel und Jammer, davon die Welt voll ist, bloß das notwendige Resultat der gesamten Charaktere, in welchen der Wille zum Leben sich objektiviert, unter den an der ununterbrochenen Kette der Notwendigkeit eintretenden Umständen, welche ihnen die Motive liefern; also der bloße Kommentar zur Bejahung des Willens zum Leben. (Vergl. Theologia, deutsch, S. 93.) --- Daß unser Dasein selbst eine Schuld impliziert, beweist der Tod.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Wenn nicht der nächste und unmittelbare Zweck unsers Lebens das Leiden ist; so ist unser Dasein das Zweckwidrigste auf der Welt. Denn es ist absurd, anzunehmen, daß der endlose, aus der dem Leben wesentlichen Not entspringende Schmerz, davon die Welt überall voll ist, zwecklos und rein zufällig sein sollte. Jedes einzelne Unglück erscheint zwar als eine Ausnahme; aber das Unglück überhaupt ist die Regel.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Wie kann man nur, beim Anblick des Todes eines Menschen, vermeinen, hier werde ein Ding an sich selbst zu nichts? Daß vielmehr nur eine Erscheinung, in der Zeit, dieser Form aller Erscheinungen, ihr Ende finde, ohne daß das Ding an sich selbst dadurch angefochten werde, ist eine unmittelbare, intuitive Erkenntnis jedes Menschen; daher man es zu allen Zeiten, in den verschiedensten Formen, und Ausdrücken, die aber alle, der Erscheinung entnommen, in ihrem eigentlichen Sinn, sich nur auf diese beziehn, auszusprechen bemüht gewesen ist. Jeder fühlt, daß er etwas anderes ist, als ein von einem Andern einst aus nichts geschaffenes Wesen. Daraus entsteht ihm die Zuversicht, daß der Tod wohl seinem Leben, jedoch nicht seinem Dasein ein Ende machen kann. Wer da meint, sein Dasein sei auf sein jetziges Leben beschränkt, hält sich für ein belebtes Nichts: denn vor 30 Jahren war er nichts; und über 30 Jahre ist er wieder nichts. Aus meinem Anfangssatz "die Welt ist meine Vorstellung" folgt zunächst: "erst bin ich und dann die Welt". Dies sollte man wohl festhalten, als Antidoton gegen Verwechselung des Todes mit der Vernichtung. (Zu glauben, das Leben wäre ein Roman, zu welchem, wie zu Schillers Geisterseher, die Fortsetzung mangelt, zumal er oft, wie Sternes Sentimental Journey, mitten im Konzert abbricht - ist, ästhetisch wie moralisch ein ganz unverdaulicher Gedanke.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Der einleuchtendeste und zugleich einfachste Beweis der Idealität des Raumes ist, daß wir den Raum nicht, wie alles andere, in Gedanken aufheben können. Bloß ausleeren können wir ihn: alles, alles, alles können wir aus dem Raume wegdenken, es verschwinden lassen, können uns auch sehr wohl vorstellen, der Raum zwischen den Fixsternen sei absolut leer, u. dgl. m. Nur den Raum selbst können wir auf keine Weise los werden: was wir auch thun, wohin wir uns auch stellen mögen; er ist da und hat nirgends ein Ende: denn er liegt allem unserm Vorstellen zum Grunde und ist die erste Bedingung desselben. Dies beweist ganz sicher, daß er unserm Intellekt selbst angehört, ein integrierender Teil desselben ist und zwar der, welcher den ersten Grundfaden zum Gewebe desselben, auf welches danach die bunte Objektenwelt aufgetragen wird, liefert. Denn er stellt sich dar, sobald ein Objekt vorgestellt werden soll, und begleitet nachher alle Bewegungen, Wendungen und Versuche des anschauenden Intellekts so beharrlich, wie die Brille, welche ich auf der Nase habe, alle Wendungen und Bewegungen meiner Person, oder wie der Schatten seinen Körper begleitet. Bemerke ich, daß etwas überall und unter allen Umständen bei mir ist, so schließe ich, daß es mir anhängt: so z. B. wenn ein besonderer Geruch, dem ich entgehn möchte, sich vorfindet, wohin ich auch komme. Nicht anders ist es mit dem Raume: was ich auch denken, welche Welt ich mir auch vorstellen möge; der Raum ist stets zuerst da und will nicht weichen. Ist nun derselbe, wie hieraus offenbar hervorgeht, eine Funktion, ja eine Grundfunktion meines Intellekts selbst; so erstreckt sich die hieraus folgende Idealität auch auf alles Räumliche, d. h. alles darin sich Darstellende: dieses mag immerhin auch an sich selbst ein objektives Dasein haben; aber sofern es räumlich ist, also sofern es Gestalt, Größe und Bewegung hat, ist es subjektiv bestimmt. Auch die so genauen und richtig zutreffenden astronomischen Berechnungen sind nur dadurch möglich, daß der Raum eigentlich in unserm Kopf ist. Folglich erkennen wir die Dinge nicht, wie sie an sich sind, sondern nur wie sie erscheinen. Dies ist des großen Kants große Lehre. Daß der unendliche Raum unabhängig von uns, also absolut objektiv und an sich selbst vorhanden wäre, und ein bloßes Abbild desselben, als eines Unendlichen, durch die Augen in unsern Kopf gelangte, ist der absurdeste aller Gedanken, aber in einem gewissen Sinne der fruchtbarste; weil, wer der Absurdität desselben deutlich inne wird, eben damit das bloße Erscheinungsdasein dieser Welt unmittelbar erkennt, indem er sie als ein bloßes Gehirnphänomen auffaßt, welches, als solches, mit dem Tode des Gehirns verschwindet, um eine ganz andere, die Welt der Dinge an sich, übrig zu lassen. Daß der Kopf im Raume sei hält ihn nicht ab, einzusehn, daß der Raum doch nur im Kopfe ist. (Wenn ich sage "in einer andern Welt", so ist es großer Unverstand, zu fragen, "wo ist denn die andere Welt?" Denn der Raum, der allem Wo erst einen Sinn erteilt, gehört eben mit zu dieser Welt; außerhalb derselben gibt es kein Wo. --- Friede, Ruhe und Glückseligkeit wohnt allein da, wo es kein Wo und kein Wann gibt.)
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Was für die äußere Körperwelt das Licht, das ist für die innere Welt des Bewußtseins der Intellekt. Denn dieser verhält sich zum Willen, also auch zum Organismus, der ja bloß der objektiv angeschaute Wille ist, ungefähr so, wie das Licht zum brennbaren Körper und dem Oxygen, bei deren Vereinigung es ausbricht. Und wie dieses um so reiner ist, je weniger es sich mit dem Rauche des brennenden Körpers vermischt; so auch ist der Intellekt um so reiner, je vollkommener er vom Willen, dem er entsprossen, gesondert ist. In kühnerer Metapher ließe sich sogar sagen: das Leben ist bekanntlich ein Verbrennungsprozeß: die bei demselben stattfindende Lichtentwickelung ist der Intellekt.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Wenn auf der Welt Gerechtigkeit herrschte, wäre es hinreichend, sein Haus gebaut zu haben, und es bedürfte keines anderen Schutzes, als dieses offenbaren Eigentumsrechts. Aber weil das Unrecht an der Tagesordnung ist; so ist erfordert, daß, wer das Haus gebaut hat, auch im stande sei, es zu schützen. Sonst ist sein Recht de facto unvollkommen: der Angreifer hat nämlich Faustrecht, welches geradezu der Rechtsbegriff des Spinoza ist, der kein anderes Recht anerkennt, sondern sagt: unusquisque tantum juris habet, quantum potentia valet (Tract. pol. e. 2, § 8) und uniuscujusque jus potentia ejus definitur (Eth. lV, pr. 37, sch. 1). - Die Anleitung zu diesem Rechtsbegriff scheint ihm gegeben zu haben Hobbes, namentlich De cive e. 1, § l4, welcher Stelle dieser die seltsame Erläuterung hinzufügt, daß das Recht des lieben Gottes auf alle Dinge doch auch nur auf seiner Allmacht beruhe. --- In der bürgerlichen Welt ist nun zwar dieser Rechtsbegriff, wie in der Theorie, so auch in der Praxis, abgeschafft; in der politischen aber in erster allein: in praxi gilt er hier fortwährend. Die Folgen der Vernachlässigung dieser Regel sehen wir eben jetzt in China: Rebellen von innen und die Europäer von außen, und steht das größte Reich der Welt wehrlos da und muß es büßen, die Künste des Friedens allein und nicht auch die des Krieges kultiviert zu haben. - Zwischen dem Wirken der schaffenden Natur und dem der Menschen ist eine eigentümliche, aber nicht zufällige, sondern auf der Identität des Willens in beiden beruhende Analogie. Nachdem, in der gesamten tierischen Natur, die von der Pflanzenwelt zehrenden Tiere aufgetreten waren, erschienen in jeder Tierklasse, notwendig zuletzt, die Raubtiere, um von jenen ersteren, als ihrer Beute, zu leben. Ebenso nun, nachdem die Menschen, ehrlich und im Schweiß ihres Angesichts, dem Boden abgewonnen haben, was zum Unterhalt eines Volkes nötig ist, treten allemal, bei einigen derselben, eine Anzahl Menschen zusammen, die, statt den Boden urbar zu machen und von seinem Ertrag zu leben, es vorziehen, ihre Haut zu Markte zu tragen und Leben, Gesundheit und Freiheit aufs Spiel zu setzen, um über die, welche den redlich erworbenen Besitz innehaben, herzufallen und die Früchte ihrer Arbeit sich anzueignen. Diese Raubtiere des menschlichen Geschlechts sind die erobernden Völker, welche wir, von den ältesten Zeiten bis auf die neuesten, überall auftreten sehn, mit wechselndem Glück, indem ihr jeweiliges Gelingen und Mißlingen durchweg den Stoff der Weltgeschichte liefert; daher eben Voltaire recht hat zu sagen: Dans toutes les guerres il ne s´agit que de voler. Daß sie sich der Sache schämen, geht daraus hervor, daß jede Regierung laut beteuert, nie anders, als zur Selbstverteidigung, die Waffen ergreifen zu wollen. Statt aber die Sache mit öffentlichen, offiziellen Lügen zu beschönigen, die fast noch mehr, als jene selbst, empören, sollten sie sich, frech und frei, auf die Lehre des Machiavelli berufen. Aus dieser nämlich läßt sich entnehmen, daß zwar zwischen Individuen, und in der Moral und Rechtslehre für diese, der Grundsatz quod tibi fieri non vis, alteri ne feceris allerdings gilt; hingegen zwischen Völkern und in der Politik der umgekehrte: quod tibi fieri non vis, id alteri tu feceris. Willst du nicht unterjocht werden; so unterjoche beizeiten den Nachbar: sobald nämlich seine Schwäche dir die Gelegenheit darbietet. Denn, läßt du diese vorübergehn; so wird sie einmal sich als Ueberläuferin im fremden Lager zeigen: dann wird jener dich unterjochen; wenn auch die jetzige Unterlassungssünde nicht von der Generation, die sie beging, sondern von den folgenden abgebüßt werden sollte. Dieser Machiavellistische Grundsatz ist für die Raublust immer noch eine viel anständigere Hülle, als der ganz durchsichtige Lappen palpabelster Lügen in Präsidentenreden, und gar solcher, welche auf die bekannte Geschichte vom Kaninchen, welches den Hund angegriffen haben soll, hinauslaufen. Im Grunde sieht jeder Staat den andern als eine Räuberhorde an, die über ihn herfallen wird, sobald die Gelegenheit kommt.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Der Grundcharakter aller Dinge ist Vergänglichkeit: wir sehn in der Natur alles, vom Metall bis zum Organismus, teils durch sein Dasein selbst, teils durch den Konflikt mit anderem, sich aufreiben und verzehren. Wie könnte dabei die Natur das Erhalten der Formen und Erneuern der Individuen, die zahllose Wiederholung des Lebensprozesses, eine unendliche Zeit hindurch, aushalten, ohne zu ermüden; wenn nicht ihr eigener Kern ein Zeitloses und dadurch völlig Unverwüstliches wäre, ein Ding an sich, ganz anderer Art, als seine Erscheinungen, ein allem Physischen heterogenes Metaphysisches? - Dieses ist der Wille in uns und in allem.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Weil jegliches Wesen in der Natur zugleich Erscheinung und Ding an sich, oder auch natura naturata und natura naturans, ist; so ist es demgemäß einer zwiefachen Erklärung fähig, einer physischen und einer metaphysischen. Die physische ist allemal aus der Ursache; die metaphysische allemal aus dem Willen: denn dieser ist es, der in der erkenntnislosen Natur sich darstellt als Naturkraft, höher hinauf als Lebenskraft, in Tier und Mensch aber den Namen Willen erhält. Streng genommen, wäre demnach, an einem gegebenen Menschen, der Grad und die Richtung seiner Intelligenz und die moralische Beschaffenheit seines Charakters möglicherweise auch rein physisch abzuleiten, nämlich erstere aus der Beschaffenheit seines Gehirns und Nervensystems, nebst daraus einwirkendem Blutumlauf; letztere aus der Beschaffenheit und Zusammenwirkung seines Herzens, Gefäßsystems, Blutes, Lungen, Leber, Milz, Nieren, Intestina, Genitalia u. s. w., wozu aber freilich eine noch viel genauere Kenntnis der Gesetze, welche den rapport du physique au moral regeln, als selbst Bichat und Cabanis besaßen, erfordert wäre. Sodann ließe beides sich noch auf die entferntere physische Ursache, nämlich die Beschaffenheit seiner Eltern, zurückführen; indem diese nur zu einem ihnen gleichen Wesen, nicht aber zu einem höhern und bessern, den Keim liefern konnten. Metaphysisch hingegen müßte derselbe Mensch erklärt werden als die Erscheinung seines eigenen, völlig freien und ursprünglichen Willens, der den ihm angemessenen Intellekt sich schuf; daher denn alle seine Thaten, so notwendig sie auch aus seinem Charakter, im Konflikt mit den gegebenen Motiven, hervorgehn, und dieser wieder als das Resultat seiner Korporisation auftritt, dennoch ihm gänzlich beizumessen sind. Metaphysisch ist nun aber auch der Unterschied zwischen ihm und seinen Eltern kein absoluter.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Der Unterschied zwischen dem Genie und den Normalköpfen ist allerdings nur ein quantitativer, sofern er ein Unterschied des Grades ist: dennoch wird man versucht, ihn als qualitativ anzusehn, wenn man betrachtet, wie die gewöhnlichen Köpfe, trotz ihrer individuellen Verschiedenheit, doch eine gewisse gemeinsame Richtung ihres Denkens haben, vermöge welcher, bei gleichem Anlaß, ihrer aller Gedanken sofort denselben Weg einschlagen und in dasselbe Gleis geraten: daher die häufige, nicht auf Wahrheit sich stützende Uebereinstimmung ihrer Urteile, welche so weit geht, daß gewisse Grundansichten von ihnen zu allen Zeiten festgehalten, immer wiederholt und von neuem vorgebracht werden, während denselben die großen Geister jeder Zeit, offen oder verdeckt, sich widersetzen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Die Natur ist der Wille, sofern er sich selbst außer sich erblickt; wozu sein Standpunkt ein individueller Intellekt sein muß. Dieser ist ebenfalls sein Produkt.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Ueberall und zu allen Zeiten hat es viel Unzufriedenheit mit den Regierungen, Gesetzen und öffentlichen Einrichtungen gegeben; großenteils aber nur, weil man stets bereit ist, diesen das Elend zur Last zu legen, welches dem menschlichen Dasein selbst unzertrennlich anhängt, indem es, mythisch zu reden, der Fluch ist, den Adam empfing, und mit ihm sein ganzes Geschlecht. Jedoch nie ist jene falsche Vorspiegelung auf lügenhaftere und frechere Weise gemacht worden, als von den Demagogen der "Jetztzeit". Diese, nämlich sind, als Feinde des Christentums, Optimisten; die Welt ist ihnen ,,Selbstzweck" und daher an sich selbst, d. h. ihrer natürlichen Beschaffenheit nach, ganz vortrefflich eingerichtet, ein rechter Wohnplatz der Glückseligkeit. Die nun hiegegen schreienden, kolossalen Uebel der Welt schreiben sie gänzlich den Regierungen zu: thäten nämlich nur diese ihre Schuldigkeit; so würde der Himmel auf Erden existieren, d. h. alle würden ohne Mühe und Not vollauf fressen, saufen, sich propagieren und krepieren können: denn dies ist die Paraphrase ihres ,,Selbstzweck" und das Ziel des "unendlichen Fortschritts der Menschheit", den sie in pomphasten Phrasen unermüdlich verkündigen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Wie der Bach keine Strudel macht, solange er auf keine Hindernisse trifft, so bringt die menschliche, wie die tierische Natur es mit sich, daß wir alles, was unserm Willen gemäß geht, nicht recht merken und inne werden. Sollen wir es merken; so muß es nicht sogleich unserm Willen gemäß gegangen sein, sondern irgend einen Anstoß gefunden haben. -- Hingegen alles, was unserm Willen sich entgegenstellt, ihn durchkreuzt, ihm widerstrebt, also alles Unangenehme und Schmerzliche empfinden wir unmittelbar, sogleich und sehr deutlich. Wie wir die Gesundheit unsers ganzen Leibes nicht fühlen, sondern nur die kleine Stelle, wo uns der Schuh drückt; so denken wir auch nicht an unsre gesamten, vollkommen wohl gehenden Angelegenheiten, sondern an irgend eine unbedeutende Kleinigkeit, die uns verdrießt. -- Hierauf beruht die, von mir öfter hervorgehobene Negativität des Wohlseins und Glücks, im Gegensatz der Positivität des Schmerzes. Ich kenne demnach keine größere Absurdität, als die der meisten metaphysischen Systeme, welche das Uebel für etwas Negatives erklären; während es gerade das Positive, das Sich-selbst-fühlbar-machende ist. Besonders stark ist hierin Leibniz, welcher (Thèod. § 153) die Sache durch ein handgreifliches und erbärmliches Sophisma zu erhärten bestrebt ist. Hingegen das Gute, d. h. alles Glück und alle Befriedigung, ist das Negative, nämlich das bloße Aufheben des Wunsches und Endigen einer Pein. Hiezu stimmt auch dies, daß wir, in der Regel, die Freuden weit unter, die Schmerzen weit über unsere Erwartungen finden. --- Wer die Behauptung, daß, in der Welt, der Genuß den Schmerz Überwiegt, oder wenigstens sie einander die Wage halten, in der Kürze prüfen will, vergleiche die Empfindung des Tieres, welches ein anderes frißt, mit der dieses andern. --
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 

Der Natur unsers Intellekts zufolge sollen die Begriffe durch Abstraktion aus den Anschauungen entstehn, mithin diese früher dasein, als jene. Wenn es nun wirklich diesen Gang nimmt, wie es der Fall ist bei dem, der bloß die eigene Erfahrung zum Lehrer und zum Buche hat; so weiß der Mensch ganz gut, welche Anschauungen es sind, die unter jeden seiner Begriffe gehören und von demselben vertreten werden: er kennt beide genau und behandelt demnach alles ihm Vorkommende richtig. Wir können diesen Weg die natürliche Erziehung nennen.
Hingegen bei der künstlichen Erziehung wird, durch Vorsagen, Lehren und Lesen, der Kopf voll Begriffe gepfropft, bevor noch eine irgend ausgebreitete Bekanntschaft mit der anschaulichen Welt da ist. Die Anschauungen zu allen jenen Begriffen soll nun die Erfahrung nachbringen: bis dahin aber werden dieselben falsch angewendet und demnach die Dinge und Menschen falsch beurteilt, falsch gesehn, falsch behandelt. So geschieht es, daß die Erziehung schiefe Köpfe macht, und daher kommt es, daß wir in der Jugend, nach langem Lernen und Lesen, oft teils einfältig, teils verschroben in die Welt treten und nun bald ängstlich, bald vermessen uns darin benehmen; weil wir den Kopf voll Begriffe haben, die wir jetzt anzuwenden bemüht sind, aber fast immer sie verkehrt anbringen. Dies ist die Folge jenes , durch welches wir, dem natürlichen Entwickelungsgange unsers Geistes gerade entgegen, zuerst die Begriffe und zuletzt die Anschauungen erhalten, indem die Erzieher, statt die Fähigkeit selbst zu erkennen, zu urteilen und zu denken im Knaben zu entwickeln, bloß bemüht sind, ihm den Kopf voll fremder, fertiger Gedanken zu stopfen. Nachmals hat dann eine lange Erfahrung alle jene, durch falsche Anwendung der Begriffe entstandenen Urteile zu berichtigen. Dies gelingt selten ganz. Daher haben so wenige Gelehrte den gesunden Menschenverstand, wie er bei ganz Ungelehrten häufig ist.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Die Weisheit, welche in einem Menschen bloß theoretisch da ist, ohne praktisch zu werden, gleicht der gefüllten Rose, welche durch Farbe und Geruch andere ergötzt, aber abfällt, ohne Frucht angesetzt zu haben.
Keine Rose ohne Dornen. -- Aber manche Dornen ohne Rosen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Der Hund ist, mit Recht, das Symbol der Treue: unter den Pflanzen aber sollte es die Tanne sein. Denn sie allein harrt mit uns aus, zur schlimmen, wie zur guten Zeit, und verläßt uns nicht mit der Gunst der Sonne, wie alle andern Bäume, Pflanzen, Insekten und Vögel, - um wiederzukehren, wann der Himmel uns wieder lacht.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

In Hinsicht auf die Schätzung der Größe eines Menschen gilt für die geistige das umgekehrte Gesetz der physischen: diese wird durch die Ferne verkleinert, jene vergrößert.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Zum Symbol der Unverschämtheit und Dummdreistigkeit sollte man die Fliege nehmen. Denn während alle Tiere den Menschen über alles scheuen und schon von ferne vor ihm fliehen, setzt sie sich ihm auf die Nase.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Wie die zahlreichste Bibliothek, wenn ungeordnet, nicht so viel Nutzen schafft, als eine sehr mäßige, aber wohlgeordnete; ebenso ist die größte Menge von Kenntnissen, wenn nicht eigenes Denken sie durchgearbeitet hat, viel weniger wert, als eine weit geringere, die aber vielfältig durchdacht worden. Denn erst durch das allseitige Kombinieren dessen, was man weiß, durch das Vergleichen jeder Wahrheit mit jeder andern, eignet man sein eignes Wissen sich vollständig an und bekommt es in seine Gewalt. Durchdenken kann man nur was man weiß; daher man etwas lernen soll; aber man weiß auch nur was man durchdacht hat. Nun aber kann man sich zwar willkürlich applizieren auf Lesen und Lernen; auf das Denken hingegen eigentlich nicht. Dieses nämlich muß, wie das Feuer durch einen Luftzug, angefacht und unterhalten werden durch irgend ein Interesse am Gegenstande desselben; welches entweder ein rein objektives, oder aber bloß ein subjektives sein mag. Das letztere ist allein bei unsern persönlichen Angelegenheiten vorhanden; das erstere aber nur für die von Natur denkenden Köpfe, denen das Denken so natürlich ist, wie das Atmen, welche aber sehr selten sind. Daher ist es mit den meisten Gelehrten so wenig.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Die Verschiedenheit zwischen der Wirkung, welche das Selbstdenken, und der, welche das Lesen auf den Geist hat, ist unglaublich groß; daher sie die ursprüngliche Verschiedenheit der Köpfe, vermöge welcher man zum einen, oder zum andern getrieben wird, noch immerfort vergrößert. Das Lesen nämlich zwingt dem Geiste Gedanken auf, die der Richtung und Stimmung, welche er für den Augenblick hat, so fremd und heterogen sind, wie das Petschaft dem Lack, welchem es sein Siegel aufdrückt. Der Geist erleidet dabei totalen Zwang von außen, jetzt dies, oder jenes zu denken, wozu er so eben gar keinen Trieb, noch Stimmung hat. --- Hingegen beim Selbstdenken folgt er seinem selbsteigenen Triebe, wie diesen für den Augenblick entweder die äußere Umgebung, oder irgend eine Erinnerung näher bestimmt hat. Die anschauliche Umgebung nämlich dringt dem Geiste nicht einen bestimmten Gedanken auf, wie das Lesen; sondern gibt ihm bloß Stoff und Anlaß zu denken, was seiner Natur und gegenwärtigen Stimmung gemäß ist. --- Daher nun nimmt das viele Lesen dem Geiste alle Elastizität; wie ein fortdauernd drückendes Gewicht sie einer Springfeder nimmt; und ist, um keine eigenen Gedanken zu haben, das sicherste Mittel, daß man in jeder freien Minute sogleich ein Buch zur Hand nehme. Diese Praxis ist der Grund, warum die Gelehrsamkeit die meisten Menschen noch geistloser und einfältiger macht, als sie schon von Natur sind,
und auch ihrer Schriftstellerei allen Erfolg benimmt: sie bleiben, wie schon Pope sagt:
For ever reading, never to be read. Pope, Dunciad. III, 194.
Die Gelehrten sind die, welche in den Büchern gelesen haben; die Denker, die Genies, die Welterleuchter und Förderer des Menschengeschlechts sind aber die, welche unmittelbar im Buche der Welt gelesen haben.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Die Fabel von der Pandora ist mir von jeher nicht klar gewesen, ja, ungereimt und verkehrt vorgekommen. Ich vermute, daß sie schon vom Hesiodus selbst mißverstanden und verdreht worden ist. Nicht alle Uebel, sondern alle Güter der Welt hat die Pandora, wie es schon ihr Name anzeigt, in der Büchse. Als Epimetheus diese voreilig öffnet, fliegen die Güter auf und davon: die Hoffnung allein wird noch gerettet und bleibt uns zurück. - Endlich habe ich denn die Befriedigung gehabt, ein paar Stellen der Alten zu finden, welche dieser meiner Ansicht gemäß sind, nämlich ein Epigramm in der Anthologie (Delectus epigr. graec. ed. Jacobs, cap. VII, ep. 84) und eine daselbst citierte Stelle des Babrius, welche gleich anhebt: . (Babr. fab. 58.)
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Daß die Eule der Vogel der Athene ist, mag die nächtlichen Studien der Gelehrten zum Anlaß haben.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Es ist nicht ohne Grund und Sinn, daß der Mythos den Kronos Steine verschlingen und verdauen läßt: denn das sonst ganz Unverdauliche, alle Betrübnis, Aerger, Verlust, Kränkung, verdaut allein die Zeit.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Die Werke aller wirklich befähigten Köpfe unterscheiden sich von den übrigen durch den Charakter der Entschiedenheit und Bestimmtheit, nebst daraus entspringender Deutlichkeit und Klarheit, weil solche Köpfe allemal bestimmt und deutlich wußten was sie ausdrücken wollten, --- es mag nun in Prosa, in Versen oder in Tönen gewesen sein. Diese Entschiedenheit und Klarheit mangelt den übrigen, und daran sind sie sogleich zu erkennen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Die Leute, welche so eifrig und eilig sind, strittige Fragen durch Anführung von Autoritäten zu entscheiden, sind eigentlich froh, wann sie, statt eigenen Verstandes und Einsicht, daran es fehlt, fremde ins Feld stellen können. Ihre Zahl ist Legio. Denn, wie Seneca sagt: unus quisque mavult credere, quam judicare. Bei ihren Kontroversen ist danach die gemeinsam erwählte Waffe Autoritäten: damit schlagen sie aufeinander los, und wer etwan hineingeraten ist, thut nicht wohl, sich dagegen mit Gründen und Argumenten wehren zu wollen: denn gegen diese Waffe sind sie gehörnte Siegfriede, eingetaucht in die Flut der Unfähigkeit zu denken und zu urteilen: sie werden ihm daher ihre Autoritäten als ein argumentum ad verecundiam entgegenhalten und dann victoria schreien.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Im Grunde haben nur die eigenen Grundgedanken Wahrheit und Leben: denn nur sie versteht man recht eigentlich und ganz. Fremde, gelesene Gedanken sind die Ueberbleibsel eines fremden Mahles, die abgelegten Kleider eines fremden Gastes.
Zum eigenen, in uns aufsteigenden Gedanken verhält der fremde, gelesene, sich wie der Abdruck einer Pflanze der Vorwelt im Stein zur blühenden Pflanze des Frühlings.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Daß, gleichen Schrittes mit der Vermehrung der Begriffe, der Wortvorrat einer Sprache vermehrt werde, ist recht und sogar notwendig. Wenn hingegen letzteres ohne ersteres geschieht; so ist es bloß ein Zeichen der Geistesarmut, die doch etwas zu Markte bringen möchte und, da sie keine neuen Gedanken hat, mit neuen Worten kommt.
Diese Art der Sprachbereicherung ist jetzt sehr an der Tagesordnung und ein Zeichen der Zeit. Aber neue Worte für alte Begriffe sind wie eine neue Farbe auf ein altes Kleid gebracht. ---
Beiläufig und bloß weil das Beispiel gerade vorliegt sei hier bemerkt, daß man ,,ersteres und letzteres" nur dann anwenden soll, wann, wie oben, jeder dieser Ausdrücke mehrere Worte vertritt, nicht aber, wann nur eines; als wo es besser ist, dieses eine zu wiederholen; welches überhaupt zu thun die Griechen keinen Anstand nehmen, während die Franzosen am ängstlichsten sind, es zu vermeiden. Die Deutschen verrennen sich in ihr ersteres und letzteres bisweilen dermaßen, daß man nicht mehr weiß, was hinten und was vorne ist.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

[...] Aber wissen die Herren auch, was es an der Zeit ist? - Eine längst prophezeite Epoche ist eingetreten: die Kirche wankt, wankt so stark, daß es sich frägt, ob sie den Schwerpunkt wiederfinden werde: denn der Glaube ist abhanden gekommen. Ist es doch mit dem Licht der Offenbarung wie mit andern Lichtern: einige Dunkelheit ist die Bedingung. Die Zahl derer, welche ein gewisser Grad und Umfang von Kenntnissen zum Glauben unfähig macht, ist bedenklich groß geworden. Dies bezeugt die allgemeine Verbreitung des platten Rationalismus, der sein Bulldoggsgesicht immer breiter auslegt. Die tiefen Mysterien des Christentums, über welche die Jahrhunderte gebrütet und gestritten haben, schickt er sich ganz gelassen an, mit seiner Schneiderelle auszumessen und dünkt sich wunderklug dabei. Vor allem ist das christliche Kerndogma, die Lehre von der Erbsünde, bei den rationalistischen Plattköpfen zum Kinderspott geworden; weil eben ihnen nichts klärer und gewisser dünkt, als daß das Dasein eines jeden mit seiner Geburt angefangen habe, daher er unmöglich verschuldet auf die Welt gekommen sein könne. Wie scharfsinnig! - Und wie, wenn Verarmung und Vernachlässigung überhand nehmen, dann die Wölfe anfangen sich im Dorfe zu zeigen; so erhebt, unter diesen Umständen, der stets bereitliegende Materialismus das Haupt und kommt, mit seinem Begleiter, dem Bestialismus (von gewissen Leuten Humanismus genannt), an der Hand, heran. - Mit der Unfähigkeit zum Glauben wächst das Bedürfnis der Erkenntnis. Es gibt einen Siedepunkt auf der Skala der Kultur, wo aller Glaube, alle Offenbarung, alle Autoritäten sich verflüchtigen, der Mensch nach eigener Einsicht verlangt, belehrt, aber auch überzeugt sein will. Das Gängelband der Kindheit ist von ihm gefallen: er will auf eigenen Beinen stehn. Dabei aber ist sein metaphysisches Bedürfnis (Welt als W. und V., Bd. 2, Kap.17) so unvertilgbar, wie irgend ein physisches. Dann wird es ernst mit dem Verlangen nach Philosophie, und die bedürftige Menschheit ruft alle denkenden Geister, die sie jemals aus ihrem Schoß erzeugt hat, an. Mit hohlem Wortkram und impotenten Bemühungen geistiger Kastraten ist da nicht mehr auszureichen; sondern es bedarf dann einer ernstlich gemeinten, d. h. einer auf Wahrheit, nicht auf Gehalte und Honorare gerichteten Philosophie, die daher nicht frägt, ob sie Ministern oder Räten gefalle, oder dieser oder jener Kirchenpartei der Zeit in ihren Kram passe; sondern an den Tag legt, daß der Beruf der Philosophie ein ganz anderer sei, als eine Erwerbsquelle für die Armen am Geiste abzugeben. [...]
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 

Man wird es nicht müde, der Metaphysik ihre so geringen Fortschritte, im Angesicht der so großen der physikalischen Wissenschaften vorzuwerfen. Schon Voltaire ruft aus: 0 mètaphysique! nous sommes aussi avancès que du tems des premiers Druides. (Mèl. d. phil. ch. 9.) Aber, welche andere Wissenschaft hat denn, wie sie, allezeit einen Antagonisten ex officio, einen bestellten fistalischen Ankläger, einen kings champion in vollem Harnisch, der auf die Wehr- und Waffenlose eindringt, zum beständigen Hemmnis gehabt? Nimmer wird sie ihre wahren Kräfte zeigen, ihre Riesenschritte thun können, solange ihr, unter Drohungen, zugemutet wird, sich den, auf die so kleine Kapazität des so großen Haufens berechneten Dogmen anzupassen. Erst bindet man uns die Arme, und dann verhöhnt man uns, daß wir nichts leisten können.
Die Religionen haben sich der metaphysischen Anlage des Menschen bemächtigt, indem sie teils solche durch frühzeitiges Einprägen ihrer Dogmen lähmen, teils alle freien und unbefangenen Aeußerungen derselben verbieten und verpönen, so daß dem Menschen über die wichtigsten und interessantesten Angelegenheiten, über sein Dasein selbst, das freie Forschen teils direkt verboten, teils indirekt gehindert, teils subjektiv durch jene Lähmung unmöglich gemacht wird, und dergestalt die erhabenste seiner Anlagen in Fesseln liegt.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Was der Auffindung der Wahrheit am meisten entgegensteht ist nicht der aus den Dingen hervorgehende und zum Irrtum verleitende falsche Schein, noch auch unmittelbar die Schwäche des Verstandes; sondern es ist die vorgefaßte Meinung, das Vorurteil, welches, als ein After - a - priori der Wahrheit sich entgegenstellt und dann einem widrigen Winde gleicht, der das Schiff von der Richtung, in der allein das Land liegt, zurücktreibt; so daß jetzt Steuer und Segel vergeblich thätig sind.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Wenn man die vielen und mannigfaltigen Anstalten zum Lehren und Lernen und das so große Gedränge von Schülern und Meistern sieht, könnte man glauben, daß es dem Menschengeschlechte gar sehr um Einsicht und Wahrheit zu thun sei. Aber auch hier trügt der Schein. Jene lehren, um Geld zu verdienen und streben nicht nach Weisheit, sondern nach dem Schein und Kredit derselben: und diese lernen nicht, um Kenntnis und Einsicht zu erlangen, sondern um schwätzen zu können und sich ein Ansehn zu geben. Alle dreißig Jahre nämlich tritt so ein neues Geschlecht auf, ein Guck-in-die-Welt, der von nichts weiß und nun die Resultate des durch die Jahrtausende angesammelten menschlichen Wissens, summarisch, in aller Geschwindigkeit in sich fressen und dann klüger als alle Vergangenheit sein will. Zu diesem Zweck bezieht er Universitäten und greift nach den Büchern, und zwar nach den neuesten, als seinen Zeit- und Altersgenossen. Nur alles kurz und neu! wie er selbst neu ist. Dann urteilt er darauf los. - Die eigentlichen Brotstudien habe ich hier nicht einmal in Rechnung gebracht.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Vielleicht kann man den Geist der Alten dadurch charakterisieren, daß sie durchgängig und in allen Dingen bestrebt waren, so nahe als möglich der Natur zu bleiben; und dagegen den Geist der neuen Zeit durch das Bestreben, so weit als möglich von der Natur sich zu entfernen. Man betrachte die Kleidung, die Sitten, die Geräte, die Wohnungen, die Gefäße, die Kunst, die Religion, die Lebensweise der Alten und Neuen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Zum Sprachverderb zähle ich auch den immer allgemeiner werdenden verkehrten Gebrauch des Wortes Frauen statt Weiber, wodurch abermals die Sprache verarmt: denn Frau heißt uxor und Weib mulier*) (Mädchen sind keine Frauen, sondern wollen es werden); wenn auch im 13. Jahrhundert eine solche Verwechselung schon einmal dagewesen sein oder sogar erst später die Benennungen gesondert sein sollten. Die Weiber wollen nicht mehr Weiber heißen, aus demselben Grunde, aus welchem die Juden Israeliten**) und die Schneider Kleidermacher genannt werden wollen, und Kaufleute ihr Comptoir Bureau titulieren, jeder Spaß oder Witz Humor heißen will, weil nämlich dem Worte beigemessen wird, was nicht ihm, sondern der Sache anhängt.
Nicht das Wort hat der Sache Geringschätzung zugezogen, sondern umgekehrt; -- daher nach zweihundert Jahren die Beteiligten abermals auf Vertauschung der Wörter antragen würden.
Aber keinenfalls darf die deutsche Sprache, einer Weibergrille halber um ein Wort ärmer werden. Daher lasse man den Weibern und ihren schalen Theetischlitteraten die Sache nicht durchgehn: vielmehr bedenke man, daß das Weiberunwesen oder Damentum in Europa uns am Ende dem Mormonismus in die Arme führen kann***).
*) Die deutsche Sprache hat, wie die lateinische, den Vorzug für genus und species, für mulier und uxor zwei entsprechende Worte zu haben.
**) Obgleich es seit dem Könige Salamanasser, glorreichen Andenkens, keine Israeliten mehr gibt.
***) Kürzlich wurde vorgeschlagen, daß, weil das Wort Litterat in Mißkredit geraten sei, diese Herren sich statt dessen Schriftverfasser nennen sollten. Es ist mit ganzen Klassen wie mit dem Einzelnen: wenn einer seinen Namen ändert, so kommt es daher, daß er den frühen nicht mehr mit Ehren tragen kann: aber er bleibt derselbe und wird dem neuen Namen nicht mehr Ehre machen als dem alten. --- Das Wort Weib hat jedenfalls nichts verschuldet, weder durch Klang noch durch Etymologie.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Der Beifall des heutigen philosophischen Publikums kann für mich keinen Wert haben: denn dasselbe hat gezeigt, daß es für das Echte, das wirklich Gute, das tief Gedachte, gar keinen Sinn hat, daß ihm hingegen das Schlechte, das Gedunsene, auf bloßen Schein Berechnete, ja das ganz Unsinnige, Hegels Geschreibe, wichtig vorkommt und gefällt. Wie sollte mich der Beifall desselben je freuen können? --- Er muß mir sein, ich gebrauche Hagedorns Worte:
"Wie wenn mich ein Jude grüßt
Und mir eine Hure lächelt."
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Der deutsche Gelehrte ist aber auch zu arm, um redlich und ehrenhaft sein zu können. Daher ist drehen, winden, sich accommodieren und seine Ueberzeugung verleugnen, lehren und schreiben was er nicht glaubt, kriechen, schmeicheln, Partei machen und Kameradschaft schließen, Minister, Große, Kollegen, Studenten, Buchhändler, Recensenten, kurz, alles eher, als die Wahrheit und fremdes Verdienst, berücksichtigen, - sein Gang und seine Methode. Er wird dadurch meistens ein rücksichtsvoller Lump. Infolge davon hat denn auch, in der deutschen Litteratur überhaupt und der Philosophie insbesondere, die Unredlichkeit so sehr die Oberhand gewonnen, daß zu hoffen steht, es werde damit den Punkt erreichen, wo sie, als unfähig, noch irgend jemanden zu täuschen, unwirksam wird.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Zwischen Professoren und unabhängigen Gelehrten besteht, von alters her, ein gewisser Antagonismus, der vielleicht in etwas durch den zwischen Hunden und Wölfen erläutert werden könnte.
Professoren haben, durch ihre Lage, große Vorteile, um zur Kunde ihrer Zeitgenossen zu gelangen. Dagegen haben unabhängige Gelehrte, durch ihre Lage, große Vorteile, um zur Kunde der Nachwelt zu gelangen; weil es dazu, unter andern und viel selteneren Dingen, auch einer gewissen Muße und Unabhängigkeit bedarf.
Da es lange dauert, ehe die Menschheit herausfindet, wem sie ihre Aufmerksamkeit zu schenken hat; so können beide nebeneinander wirken.
Im ganzen genommen, ist die Stallfütterung der Professuren am geeignetesten für die Wiederkäuer. Hingegen die, welche aus den Händen der Natur die eigene Beute empfangen, befinden sich besser im Freien.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Daß die Welt bloß eine physische, keine moralische, Bedeutung habe, ist der größte, der verderblichste, der fundamentale Irrtum, die eigentliche Perversität der Gesinnung, und ist wohl im Grunde auch das, was der Glaube als den Antichrist personifiziert hat. Dennoch und allen Religionen zum Trotz, als welche sämtlich das Gegenteil davon behaupten und solches in ihrer mythischen Weise zu begründen suchen, stirbt jener Grundirrtum nie ganz auf Erden aus, sondern erhebt immer, von Zeit zu Zeit, sein Haupt von neuem, bis ihn die allgemeine Indignation abermals zwingt, sich zu verstecken.
So sicher aber auch das Gefühl einer moralischen Bedeutung der Welt und des Lebens ist; so ist dennoch die Verdeutlichung derselben und die Enträtselung des Widerspruchs zwischen ihr und dem Laufe der Welt so schwierig, daß es mir aufbehalten bleiben konnte, das wahre, allein echte und reine, daher überall und allezeit wirksame Fundament der Moralität, nebst dem Ziele, welchem es zuführt, darzulegen; wobei ich zu sehr die Wirklichkeit des moralischen Hergangs auf meiner Seite habe, als daß ich zu besorgen hätte, diese Lehre könne jemals noch wieder durch eine andere ersetzt und verdrängt werden.
Solange jedoch selbst meine Ethik noch von den Professoren unbeachtet bleibt, gilt auf den Universitäten das Kantische Moralprinzip, und unter seinen verschiedenen Formen ist die der "Würde des Menschen" jetzt am beliebtesten. Die Leerheit derselben habe ich bereits in meiner Abhandlung über das Fundament der Moral § 8, S. 169 (Bd. 7, S. 194 dieser Gesamtausgabe), dargethan. Daher hier nur so viel. Wenn man überhaupt früge, worauf denn diese angebliche Würde des Menschen beruhe; so würde die Antwort bald dahin gehn, daß es auf seiner Moralität sei. Also die Moralität auf der Würde, und die Würde auf der Moralität - Aber hievon auch abgesehn, scheint mir der Begriff der Würde auf ein am Willen so sündliches, am Geiste so beschränktes, am Körper so verletzbares und hinfälliges Wesen, wie der Mensch ist, nur ironisch anwendbar zu sein:
Quid superbit homo? cujus conceptio culpa,
Nasci poena, labor vita, necesse mori!
Daher möchte ich, im Gegensatz zu besagter Form des Kantischen Moralprinzips, folgende Regel aufstellen: bei jedem Menschen, mit dem man in Berührung kommt, unternehme man nicht eine objektive Abschätzung desselben nach Wert und Würde, ziehe also nicht die Schlechtigkeit seines Willens, noch die Beschränktheit seines Verstandes und die Verkehrtheit seiner Begriffe in Betrachtung; da ersteres leicht Haß, letzteres Verachtung gegen ihn erwecken könnte: sondern man fasse allein seine Leiden, seine Not, seine Angst, seine Schmerzen ins Auge: - da wird man sich stets mit ihm verwandt fühlen, mit ihm sympathisieren und, statt Haß oder Verachtung, jenes Mitleid mit ihm empfinden, welches allein die a?ap? ist, zu der das Evangelium aufruft. Um keinen Haß, keine Verachtung gegen ihn aufkommen zu lassen, ist wahrlich nicht die Aufsuchung seiner angeblichen "Würde", sondern, umgekehrt, der Standpunkt des Mitleids der allein geeignete.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

......

Wie sehr beschränkt und dürftig der normale menschliche Intellekt sei und wie gering die Klarheit des Bewußtseins, läßt sich daran ermessen, daß, ungeachtet der ephemeren kürze des in endlose Zeit hineingeworfenen Menschenlebens, der Mißlichkeit unsers Daseins, der zahllosen, sich überall aufdringenden Rätsel, des bedeutsamen Charakters so vieler Erscheinungen und dabei des durchweg Ungenügenden des Lebens, - dennoch nicht alle beständig und unablässig philosophieren, ja, nicht einmal viele, oder auch nur einige, nur wenige; nein, nur hin und wieder einer, nur die gänzlichen Ausnahmen - Die übrigen leben in diesem Traum dahin, nicht so gar viel anders, als die Tiere, von denen sie sich am Ende nur durch die Vorsorge auf einige Jahre im voraus unterscheiden. Für das sich bei ihnen etwan meldende metaphysische Bedürfnis ist von oben und zum voraus gesorgt, durch die Religionen; und diese, wie sie auch seien, genügen. - Indessen könnte es doch sein, daß im stillen viel mehr philosophiert wird, als es den Anschein hat; wenn es gleich auch danach ausfallen mag. Denn wahrhaftig eine mißliche Lage ist die unsrige! eine Spanne Zeit zu leben, voll Mühe, Not, Angst und Schmerz, ohne im mindesten zu wissen, woher, wohin und wozu, und dabei nun noch die Pfaffen aller Farben, mit ihren respektiven Offenbarungen über die Sache, nebst Drohungen gegen Ungläubige.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860



Es ist ganz natürlich, daß wir gegen jede neue Ansicht, über deren Gegenstand wir irgend ein Urteil uns schon festgestellt haben, uns abwehrend und verneinend verhalten. Denn sie dringt feindlich in das vorläufig abgeschlossene System unserer Ueberzeugungen, erschüttert die dadurch erlangte Beruhigung, mutet uns neue Bemühungen zu und erklärt alte für verloren. Demgemäß ist eine uns von Irrtümern zurückbringende Wahrheit einer Arznei zu vergleichen, sowohl durch ihren bittern und widerlichen Geschmack, als auch dadurch, daß sie nicht im Augenblick des Einnehmens, sondern erst nach einiger Zeit ihre Wirkung äußert. Sehn wir also schon das Individuum hartnäckig im Festhalten seiner Irrtümer; so ist es die Masse und Menge der Menschen noch viel mehr: an ihren einmal gefaßten Meinungen können Erfahrung und Belehrung sich jahrhundertelang vergeblich abarbeiten. Daher gibt es denn auch gewisse allgemein beliebte und fest accreditierte, täglich von unzählbaren mit Selbstgenügen nachgesprochene Irrtümer von denen ich ein Verzeichnis angefangen habe, welches fortzuführen ich andre bitte.
1. Selbstmord ist eine feige Handlung.
2. Wer andern mißtraut ist selbst unredlich.
3. Verdienst und Genie sind aufrichtig bescheiden.
4. Die Wahnsinnigen sind überaus unglücklich.
5. Die Philosophie läßt sich nicht lernen, sondern nur das Philosophieren. (Ist das Gegenteil
der Wahrheit.)
6. Es ist leichter eine gute Tragödie, als eine gute Komödie zu schreiben.
7. Das dem Baco von Verulam Nachgesprochene: Ein wenig Philosophie führt von Gott ab;
ein vieles zu ihm zurück.
8. Knowledge is power. Den Teufel auch! Einer kann sehr viel Kenntnis haben, ohne darum
die mindeste Macht zu besitzen, während ein anderer die höchste Gewalt hat, bei
blutwenigen Kenntnissen. Daher spricht Herodot sehr richtig das Gegenteil jenes Satzes
aus:
(IX, 16. --- Daß hin und wieder einem seine Kenntnisse Gewalt über andere geben, z. B.
wenn er ihr Geheimnis weiß, oder sie nicht hinter das seinige kommen können u. s. w.,
berechtigt noch nicht zu jenem Ausspruch.
Die meisten derselben sagen sie einander nur so nach, ohne sonderlich viel dabei zu denken, und bloß, weil sie, als sie solche zuerst vernahmen, gefunden haben, daß sie gar weise klängen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Aussprüche der Vernunft nennt jeder gewisse Sätze, die er ohne Untersuchung für wahr hält und davon er sich so fest überzeugt glaubt, daß sogar, wenn er es wollte, er es nicht dahin bringen könnte, sie ernstlich zu prüfen, als wozu er sie einstweilen in Zweifel ziehen müßte. In diesen festen Kredit sind sie bei ihm dadurch gekommen, daß, als er anfing zu reden und zu denken, sie ihm anhaltend vorgesagt und dadurch eingeimpft wurden; daher denn seine Gewohnheit sie zu denken ebenso alt ist, wie die Gewohnheit überhaupt zu denken; wodurch es kommt, daß er beides nicht mehr trennen kann; ja, sie sind mit seinem Gehirn verwachsen. Das hier Gesagte ist so wahr, daß es mit Beispielen zu belegen einerseits überflüssig und andererseits bedenklich wäre.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Auf verschiedenen Teilen der Erde ist unter gleichen oder analogen, klimatischen, topographischen und atmosphärischen Bedingungen das gleiche, oder analoge, Pflanzen- und Tiergeschlecht entstanden. Daher sind einige Spezies einander sehr ähnlich, ohne jedoch identisch zu sein (und dies ist der eigentliche Begriff des Genus), und zerfallen manche in Rassen und Varietäten, die nicht auseinander entstanden sein können, wiewohl die Spezies dieselbe bleibt. Denn Einheit der Spezies impliziert keineswegs Einheit des Ursprungs und Abstammung von einem einzigen Paar. Diese ist überhaupt eine absurde Annahme. Wer wird glauben, daß alle Eichen von einer einzigen ersten Eiche, alle Mäuse von einem ersten Mäusepaar, alle Wölfe vom ersten Wolfe abstammen? Sondern die Natur wiederholt, unter gleichen Umständen, aber an verschiedenen Orten, denselben Prozeß und ist viel zu vorsichtig, als daß sie die Existenz einer Spezies, zumal der obern Geschlechter, ganz prekär sein ließe, indem sie dieselbe auf eine einzige Karte stellte und dadurch ihr schwer gelungenes Werk tausend Zufällen preisgäbe. Vielmehr weiß sie was sie will, will es entschieden, und demgemäß geht sie zu Werke. Die Gelegenheit aber ist nie eine ganz einzige und alleinige. So wenig nun der nie abgerichtete afrikanische Elefant, dessen Ohren, sehr breit und lang, den Nacken bedecken, und dessen Weibchen ebenfalls Stoßzähne hat, abstammen kann von dem so gelehrigen und intelligenten asiatischen Elefanten, dessen Weibchen keine Stoßzähne hat und dessen Ohren bei weitem nicht so groß sind; - und so wenig der amerikanische Alligator vom Krokodil des Nils abstammt, da beide sich durch die Zähne und die Zahl der Schilder auf dem Nacken unterscheiden: --- ebensowenig kann der Neger von der Kaukasischen Rasse abstammen.
Jedoch ist das Menschengeschlecht höchst wahrscheinlich nur an drei Stellen entstanden; weil wir nur drei bestimmt gesonderte Typen, die auf ursprüngliche Rassen deuten, haben: den kaukasischen, den mongolischen und den äthiopischen Typus. Und zwar hat diese Entstehung nur in der Alten Welt stattfinden können. Denn in Australien hat die Natur es zu gar keinen Affen, in Amerika aber nur zu langgeschwänzten Meerkatzen, nicht aber zu den kurzgeschwänzten, geschweige zu den obersten, den ungeschwänzten Affengeschlechtern bringen können, welche die letzte Stufe, vor dem Menschen, einnehmen. Natura non facit saltus. Ferner hat die Entstehung des Menschen nur zwischen den Wendekreisen eintreten können; weil in den andern Zonen der neu entstandene Mensch im ersten Winter umgekommen wäre. Denn er war, wenn auch wohl nicht ohne mütterliche Pflege, doch ohne Belehrung herangewachsen und hatte von keinen Vorfahren Kenntnisse ererbt. Also mußte der Säugling der Natur zuerst an ihrem warmen Busen ruhen, ehe sie ihn in die rauhe Welt hinausschicken durfte. In den heißen Zonen nun aber ist der Mensch schwarz, oder wenigstens dunkelbraun. Dies also ist, ohne Unterschied der Rasse, die wahre, natürliche und eigentümliche Farbe des Menschengeschlechts und nie hat es eine von Natur weiße Rasse gegeben: ja, von einer solchen zu reden und die Menschen, kindischer Weise, in die weiße, gelbe und schwarze Rasse einzuteilen, wie noch in allen Büchern geschieht, zeugt von großer Befangenheit und Mangel an Nachdenken. Schon in den Ergänzungen zur "Welt als Wille und Vorstellung", Kap. 44, S. 550 (Bd. 6, S. 103 ff. dieser Gesamtausgabe), habe ich den Gegenstand kurz erörtert und es ausgesprochen, daß nie ein weißer Mensch ursprünglich aus dem Schoße der Natur hervorgegangen ist. Nur zwischen den Wendekreisen ist der Mensch zu Hause, und da ist er überall schwarz, oder dunkelbraun; bloß in Amerika nicht durchgängig, weil dieser Weltteil größtenteils von bereits abgeblichenen Nationen, hauptsächlich Chinesen, bevölkert worden ist. Inzwischen sind die Wilden in den brasilianischen Wäldern doch schwarzbraun*): Erst nachdem der Mensch außerhalb der ihm allein natürlichen, zwischen den Wendekreisen gelegenen Heimat, lange Zeit hindurch sich fortgepflanzt hat und, infolge dieser Vermehrung, sein Geschlecht sich bis in die kälteren Zonen verbreitet, wird er hell und endlich weiß. Also erst infolge des klimatischen Einflusses der gemäßigten und kalten Zonen ist der europäische Menschenstamm allmählich weiß geworden. Wie langsam dies geht, sehn wir an den Zigeunern, einem Hindustamm, der seit dem Anfange des 15. Jahrhunderts in Europa nomadisiert und dessen Farbe noch ziemlich die Mitte hält zwischen der der Hindu und der unsrigen; desgleichen an den Negersklavenfamilien, welche seit 300 Jahren in Nordamerika sich fortpflanzen und bloß etwas heller geworden sind: indessen werden diese dadurch aufgehalten, daß sie doch zwischendurch mit frischen, ebenholzschwarzen Ankömmlingen sich vermischen; eine Erneuerung, welche den Zigeunern nicht zu teil wird. Die nächste physische Ursache dieses Verbleichens des aus seiner natürlichen Heimat verbannten Menschen vermute ich darin, daß, im heißen Klima, Licht und Wärme aus dem rete Malpighi eine langsame, aber beständige Desoxydation der bei uns unzersetzt durch die Poren entweichenden Kohlensäure hervorbringen, welche alsdann so viel Karbon zurückläßt, als zur Färbung der Haut ausreicht: der spezifische Geruch der Neger hängt wahrscheinlich damit zusammen. Daß bei weißen Völkern die untern, angestrengt arbeitenden Klassen durchgängig dunkler sind, als die höhern Stände, erklärt sich daraus, daß sie mehr schwitzen, welches, in viel schwächerem Grade, dem heißen Klima analog wirkt. Demnach nun muß jedenfalls der Adam unserer Rasse schwarz gedacht werden, und lächerlich ist es, wenn Maler diesen ersten Menschen weiß, in der durch Verbleichung entstandenen Farbe, darstellen: da ferner Jehovah ihn nach seinem eigenen Bild geschaffen hat, so ist auf Kunstwerken auch dieser schwarz darzustellen; wobei man ihm jedoch den herkömmlichen weißen Bart lassen kann; da die Dünnbärtigkeit nicht der schwarzen Farbe, sondern bloß der äthiopischen Rasse anhängt. Sind ja doch auch die ältesten Madonnenbilder, wie man sie im Orient und auch noch in einigen alten italienischen Kirchen antrifft, mitsamt dem Christkinde von schwarzer Gesichtsfarbe. In der That ist das ganze auserwählte Volk Gottes schwarz, oder doch dunkelbraun gewesen und ist noch jetzt dunkler, als wir, die wir von früher eingewanderten heidnischen Völkerschaften abstammen. Das jetzige Syrien aber ist von Mischlingen, die zum Teil aus Nordasien stammen (wie z. B. die Turkomannen), bevölkert worden. Imgleichen wird auch Buddha bisweilen schwarz dargestellt, und sogar auch Konfuzius. (S. Davis, The Chinese, Vol. 2, p. 66.) Daß die weiße Gesichtsfarbe eine Ausartung und unnatürlich sei, bezeugt der Ekel und Widerwille, den, bei einigen Völkern des innern Afrikas der erste Anblick derselben erregt hat: sie erscheint diesen Völkern als eine krankhafte Verkümmerung. Einen Reisenden in Afrika bewirteten Negermädchen sehr freundlich mit Milch und sangen dazu: ,,Armer Fremdling, wie dauerst du uns, daß du so weiß bist!" Eine Note zu Byrons Don Juan (Canto XII. stanza 70) berichtet folgendes: Major Denham says, that when he first saw European women after his travels in Afrika, they appeared to him to have unnatural sickly countenances, (Major Denham sagt, daß als er, nach seinen Reisen in Afrika, zuerst wieder europäische Weiber sah, sie ihm unnatürlich krankhafte Gesichter zu haben schienen.) - Inzwischen reden, nach Büffons Vorgang (S. Flourens, Buffon, Histoire de ses traveaux et de ses idees, Paris 1844. p. 160 sq.), die Ethnographen noch immer ganz getrost von der weißen, der gelben, der roten und der schwarzen Rasse, indem sie ihren Einteilungen hauptsächlich die Farbe zum Grunde legen, während, in Wahrheit, diese gar nichts Wesentliches ist und ihr Unterschied keinen andern Ursprung hat, als die größere oder geringere, und frühere oder spätere Entfernung eines Stammes von der heißen Zone, als in welcher allein das Menschengeschlecht indigen ist und daher außerhalb ihrer nur unter künstlicher Pflege, indem es, wie die exotischen Pflanzen, im Treibhause überwintert, bestehn kann, dabei aber allmählich, und zwar zunächst in der Farbe, ausartet. Daß, nach der Abbleichung, die Farbe der mongolischen Rasse etwas gelblicher ausfällt, als die der kaukasischen, kann allerdings in einem Rassenunterschiede begründet sein. - Daß die höchste Zivilisation und Kultur sich, - abgesehn von den alten Hindu und Aegyptern, - ausschließlich bei den weißen Nationen findet und sogar bei manchen dunkeln Völkern die herrschende Kaste, oder Stamm, von hellerer Farbe, als die übrigen, daher augenscheinlich eingewandert ist, - z. B. die Brahmanen, die Inkas, die Herrscher auf den Südseeinseln, --- dies beruht darauf, daß die Not die Mutter der Künste ist; weil nämlich die früh nach Norden ausgewanderten und dort allmählich weißgebleichten Stämme daselbst im Kampfe mit der durch das Klima herbeigeführten, vielgestalteten Not alle ihre intellektuellen Kräfte haben entwickeln und alle Künste erfinden und ausbilden müssen, um die Kargheit der Natur zu kompensieren. Daraus ist ihre hohe Zivilisation hervorgegangen.
Wie die dunkle Farbe, so auch ist dem Menschen die vegetabilische Nahrung die natürliche. Aber wie jener, so bleibt er auch dieser nur im tropischen Klima getreu. Als er sich in die kälteren Zonen verbreitete, mußte er dem ihm unnatürlichen Klima durch eine ihm unnatürliche Nahrung entgegenwirken. Im eigentlichen Norden kann man ohne Fleischspeise gar nicht bestehn: man hat mir gesagt, daß schon in Kopenhagen eine sechswöchentliche Gefängnisstrafe bei Wasser und Brot, wenn im strengsten Sinn und ohne Ausnahme vollzogen, als lebensgefährlich betrachtet werde. Der Mensch ist also zugleich weiß und karnivor geworden. Eben dadurch aber, wie auch durch die stärkere Bekleidung, hat er eine gewisse unreine und ekelhafte Beschaffenheit angenommen, welche die andern Tiere, wenigstens in ihrem Naturzustande, nicht haben, und der er durch beständige, besondere Reinlichkeit entgegenarbeiten muß, um nicht widerwärtig zu sein: daher solches auch nur der wohlhabenderen, bequemer lebenden Klasse, der deshalb im Italienischen treffend benannten gente pulita, zusteht**). Eine andere Folge der stärkeren Bekleidung ist, daß, während alle Tiere in ihrer natürlichen Gestalt, Bedeckung und Farbe einhergehend, einen naturgemäßen, erfreulichen und ästhetischen Anblick gewähren, der Mensch, in seiner mannigfaltigen, oft sehr wunderlichen und abenteuerlichen, zudem auch oft ärmlichen und lumpigen Bekleidung, unter ihnen als eine Karikatur umhergeht, eine Gestalt, die nicht zum Ganzen paßt, nicht hinein gehört, indem sie nicht, wie alle übrigen, das Werk der Natur, sondern eines Schneiders ist, und somit eine impertinente Unterbrechung des harmonischen Ganzen der Welt abgibt. Der edle Sinn und Geschmack der Alten suchte diesen Uebelstand dadurch zu mildern, daß die Bekleidung möglichst leicht war und so gestaltet, daß sie nicht, eng anschließend, mit dem Leibe zu eins verschmolz, sondern als ein Fremdes aufliegend gesondert blieb und die menschliche Gestalt in allen Teilen möglichst deutlich erkennen ließ. Durch den entgegengesetzten Sinn ist die Kleidung des Mittelalters und der neuen Zeit geschmacklos, barbarisch und widerwärtig. Aber das Widerwärtigste ist die heutige Kleidung der, Damen genannten, Weiber, welche, der Geschmacklosigkeit ihrer Urgroßmütter nachgeahmt, die möglichst große Entstellung der Menschengestalt liefert, und dazu noch unter dem Gepäck des Reifrocks, der ihre Breite der Höhe gleich macht, eine Anhäufung unsauberer Evaporationen vermuten läßt, wodurch sie nicht nur häßlich und widerwärtig, sondern auch ekelhaft sind.
*) Die Wilden sind nicht Urmenschen, so wenig als die wilden Hunde in Südamerika Urhunde: sondern diese sind verwilderte Hunde und jene verwilderte Menschen, Abkömmlinge dahin verirrter oder verschlagener Menschen aus einem kultivierten Stamm, dessen Kultur unter sich zu erhalten sie unfähig waren.
**) Eine wohl noch nicht bemerkte physische Verschiedenheit des Menschen von den Tieren ist, daß das Weiße der Selerotica beständig sichtbar bleibt. Kapitän Mathew sagt, es wäre bei den Buschmännern, die jetzt in London gezeigt werden, nicht der Fall, ihre Augen seien rund und ließen nicht daß Weiße sehen. Bei Goethe war umgekehrt das Weiße auch über der Iris meistens sichtbar.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 

Jedoch, wie unser Leib auseinanderplatzen müßte, wenn der Druck der Atmosphäre von ihm genommen wäre; - so würde, wenn der Druck der Not, Mühseligkeit, Widerwärtigkeit und Vereitelung der Bestrebungen vom Leben der Menschen weggenommen wäre, ihr Uebermut sich steigern, wenn auch nicht bis zum Platzen, doch bis zu den Erscheinungen der zügellosesten Narrheit, ja, Raserei. - Sogar bedarf jeder allezeit eines gewissen Quantums Sorge, oder Schmerz, oder Not, wie das Schiff des Ballasts, um fest und gerade zu gehn.
Arbeit, Plage, Mühe und Not ist allerdings, ihr ganzes Leben hindurch, das Los fast aller Menschen. Aber, wenn alle Wünsche, kaum entstanden, auch schon erfüllt wären; womit sollte dann das menschliche Leben ausgefüllt, womit die Zeit zugebracht werden? Man versetze dies Geschlecht in ein Schlaraffenland, wo alles von selbst wüchse und die Tauben gebraten herumflögen, auch jeder seine Heißgeliebte alsbald fände, und ohne Schwierigkeit erhielte. - Da werden die Menschen zum Teil vor Langerweile sterben, oder sich aufhängen, zum Teil aber einander bekriegen, würgen und morden, und so sich mehr Leiden verursachen, als jetzt die Natur ihnen auflegt. - Also für ein solches Geschlecht paßt kein anderer Schauplatz, kein anderes Dasein.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


In der gegenwärtigen, geistig impotenten und sich durch die Verehrung des Schlechten, in jeder Gattung auszeichnenden Periode, - welche sich recht passend mit dem selbstfabrizierten, so prätensiösen, wie kakophonischen Worte "Jetztzeit" bezeichnet, als wäre ihr Jetzt das Jetzt das Jetzt, welches heranzubringen alle andern Jetzt allein dagewesen, - entblöden denn auch die Pantheisten sich nicht, zu sagen, das Leben sei, wie sie es nennen, "Selbstweck". --- Wenn dieses unser Dasein der letzte Zweck der Welt wäre; so wäre es der albernste Zweck, der je gesetzt worden: möchten nun wir selbst, oder ein anderer ihn gesetzt haben. -
Das Leben stellt sich zunächst dar als eine Aufgabe, nämlich die, es zu erhalten, de gagner sa vie. Ist diese gelöst, so ist das Gewonnene eine Last, und es tritt die zweite Aufgabe ein, darüber zu disponieren, um nämlich die Langeweile abzuwehren, die über jedes gesicherte Leben, wie ein lauernder Raubvogel, herfällt. Also ist die erste Aufgabe, etwas zu gewinnen, und die zweite, dasselbe, nachdem es gewonnen ist, unfühlbar zu machen, indem es sonst eine Last ist. ---
Daß das menschliche Dasein eine Art Verirrung sein müsse, geht zur Genüge aus der einfachen Bemerkung hervor, daß der Mensch ein Konkrement von Bedürfnissen ist, deren schwer zu erlangende Befriedigung ihm doch nichts gewährt, als einen schmerzlosen Zustand, in welchem er nur noch der Langenweile preisgegeben ist, welche dann geradezu beweist, daß das Dasein an sich selbst keinen Wert hat: denn sie ist eben nur die Empfindung der Leerheit desselben. Wenn nämlich das Leben, in dem Verlangen nach welchem unser Wesen und Dasein besteht, einen positiven Wert und realen Gehalt in sich selbst hätte; so könnte es gar keine Langeweile geben: sondern das bloße Dasein, an sich selbst, müßte uns erfüllen und befriedigen. Nun aber werden wir unsers Daseins nicht anders froh, als entweder im Streben, wo die Ferne und die Hindernisse das Ziel als befriedigend uns vorspiegeln, - welche Illusion nach der Erreichung verschwindet; - oder aber in einer rein intellektuellen Beschäftigung, in welcher wir jedoch eigentlich aus dem Leben heraustreten, um es von außen zu betrachten, gleich Zuschauern in den Logen. Sogar der Sinnengenuß selbst besteht in einem fortwährenden Streben und hört auf, sobald sein Ziel erreicht ist. So oft wir nun nicht in einem jener beiden Fälle begriffen, sondern auf das Dasein selbst zurückgewiesen sind, werden wir von der Gehaltlosigkeit und Nichtigkeit desselben überführt, - und das ist die Langeweile. - Sogar das uns inwohnende und unvertilgbare, begierige Haschen nach dem Wunderbaren zeigt an, wie gern wir die so langweilige, natürliche Ordnung des Verlaufs der Dinge unterbrochen sähen. --- Auch die Pracht und Herrlichkeit der Großen, in ihrem Prunk und ihren Festen, ist doch im Grunde nichts, als ein vergebliches Bemühen, über die wesentliche Armseligkeit unsers Daseins hinauszukommen. Denn was sind, beim Lichte betrachtet, Edelsteine, Perlen, Federn, roter Samt bei vielen Kerzen, Tänzer und Springer, Masken-An- und -Aufzüge u. dgl. m.?
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Daß die vollkommenste Erscheinung des Willens zum Leben, die sich in dem so überaus künstlich komplizierten Getriebe des menschlichen Organismus darstellt, zu Staub zerfallen muß und so ihr ganzes Wesen und Streben am Ende augenfällig der Vernichtung anheim gegeben wird, --- dies ist die naive Aussage der allezeit wahren und aufrichtigen Natur, daß das ganze Streben dieses Willens ein wesentlich nichtiges sei. Wäre es etwas an sich Wertvolles, etwas, das unbedingt sein sollte; so würde es nicht das Nichtsein zum Ziele haben. - Das Gefühl hievon liegt auch Goethes schönem Liede:
"Hoch auf dem alten Turme steht
Des Helden edler Geist,"
zum Grunde. - Die Notwendigkeit des Todes ist zunächst daraus abzuleiten, daß der Mensch eine bloße Erscheinung, kein Ding an sich, also kein ist. Denn, wäre er dieses, so könnte er nicht vergehn. Daß aber nur in Erscheinungen dieser Art das ihnen zum Grunde liegende Ding an sich sich darstellen kann, ist eine Folge der Beschaffenheit desselben.
Welch ein Abstand ist doch zwischen unserm Anfang und unserm Ende! jener in dem Wahn der Begier und dem Entzücken der Wollust; dieses in der Zerstörung aller Organe und dem Moderdufte der Leichen. Auch geht der Weg zwischen beiden, in Hinsicht auf Wohlsein und Lebensgenuß, stetig bergab: die seelig träumende Kindheit, die fröhliche Jugend, das mühselige Mannesalter, das gebrechliche, oft jämmerliche Greisentum, die Marter der letzten Krankheit und endlich der Todeskampf; - sieht es nicht geradezu aus, als wäre das Dasein ein Fehltritt, dessen Folgen allmählich und immer mehr offenbar würden?
Am richtigsten werden wir das Leben fassen als einen desengaño, eine Enttäuschung: darauf ist, sichtbarlich genug, alles abgesehn.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Was ist der größte Genuß, der dem Menschen möglich? --- "Die intuitive Erkenntnis der Wahrheit." - Die Richtigkeit der Antwort leidet nicht den mindesten Zweifel.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Was mir die Echtheit und daher die Unvergänglichkeit meiner Philosopheme verbürgt, ist, daß ich sie gar nicht gemacht habe; sondern sie haben sich selbst gemacht. Sie sind in mir entstanden ganz ohne mein Zuthun, in Momenten, wo alles Wollen in mir gleichsam tief eingeschlafen war, und der Intellekt nun völlig herrenlos und dadurch müßig thätig war, die Anschauung der wirklichen Welt auffaßte und sie mit dem Denken parallelisierte, beide gleichsam spielend aneinander haltend, ohne daß mein Wille irgendwie der Sache auch nur vorstand, sondern alles sich völlig ohne mein Zuthun, ganz von selbst machte. Mit dem Wollen ist aber auch alle Individualität verschwunden und aufgehoben: daher war mein Individuum hier nicht im Spiel, sondern es war die Anschauung selbst, rein und für sich, d. h. die rein objektive Anschauung oder die objektive Welt selbst, die sich in den Begriff rein und für sich absetzte. Beide hatten meinen Kopf zum Tummelplatz dieser Operation gewählt, weil er dazu tauglich war. Was nicht vom Individuo ausgegangen, ist auch nicht dem Individuo allein eigen: es gehört der bloß erkennbaren und bloß erkennenden Welt an, bloß dem Intellekt und der ist, der Beschaffenheit (nicht dem Grade) nach, in allen Individuen derselbe; solches muß also einst die Einstimmung aller Individuen erhalten. ---
Nur was in solchen Momenten ganz willensreiner Erkenntnis in mir sich darstellte, habe ich als bloßer Zuschauer und Zeuge aufgeschrieben und zu meinem Werke benutzt. Das verbürgt dessen Echtheit und läßt mich nicht irre werden beim Mangel alles Anteils und aller Anerkennung.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Geht man, bei der Auffassung der Welt, vom Dinge an sich, dem Willen zum Leben, aus; so findet man als dessen Kern, als dessen größte Konzentration, den Generationsakt: dieser stellt sich dann dar als das Erste, als der Ausgangspunkt: er ist das punctum saliens des Welteies und die Hauptsache. Welch ein Kontrast hingegen, wenn man von der als Erscheinung gegebenen, empirischen Welt, der Welt als Vorstellung ausgeht! Hier nämlich stellt jener Akt sich dar als ein ganz Einzelnes und Besonderes, von untergeordneter Wichtigkeit, ja, als eine verdeckte und versteckte Nebensache, die sich nur einschleicht, eine paradoxe Anomalie, die häufigen Stoff zum Lachen gibt. Es könnte uns jedoch auch bedünken, der Teufel habe nur sein Spiel dabei verstecken wollen: denn der Beischlaf ist sein Handgeld und die Welt sein Reich. Hat man denn nicht bemerkt, wie illico post coitum cachinnus auditur Diaboli? welches ernstlich gesprochen, darauf beruht, daß die Geschlechtsbegierde, zumal wenn, durch Fixieren auf ein bestimmtes Weib, zur Verliebtheit konzentriert, die Quintessenz der ganzen Prellerei dieser nobeln Welt ist; da sie so unaussprechlich, unendlich und überschwänglich viel verspricht und dann so erbärmlich wenig hält. ---
Der Anteil des Weibes an der Zeugung ist, in gewissem Sinne, schuldloser, als der des Mannes; sofern nämlich dieser dem zu Erzeugenden den Willen gibt, welcher die erste Sünde und daher die Quelle alles Bösen und Uebels ist; das Weib hingegen die Erkenntnis, welche den Weg zur Erlösung eröffnet. Der Generationsakt ist der Weltknoten, indem er besagt: "Der Wille zum Leben hat sich aufs neue bejaht." In diesem Sinne wehklagt eine stehende brahmanische Floskel "Wehe, wehe! der Lingam ist in der Yoni." --- Die Konzeption und Schwangerschaft hingegen besagt: "Dem Willen ist auch wieder das Licht der Erkenntnis beigegeben;" - bei welchem nämlich er seinen Weg wieder hinausfinden kann, und also die Möglichkeit der Erlösung aufs neue eingetreten ist.
Hieraus erklärt sich die beachtenswerte Erscheinung, daß, während jedes Weib, wenn beim Generationsakte überrascht, vor Scham vergehn möchte, sie hingegen ihre Schwangerschaft, ohne eine Spur von Scham, ja, mit einer Art Stolz, zur Schau trägt; da doch sonst überall ein unfehlbar sicheres Zeichen als gleichbedeutend mit der bezeichneten Sache selbst genommen wird, daher denn auch jedes andere Zeichen des vollzogenen Coitus das Weib im höchsten Grade beschämt; nur allein die Schwangerschaft nicht. Dies ist daraus zu erklären, daß, laut Obigem, die Schwangerschaft, in gewissem Sinne, eine Tilgung der Schuld, welche der Coitus kontrahiert, mit sich bringt, oder wenigstens in Aussicht stellt. Daher trägt der Coitus alle Scham und Schande der Sache; hingegen die ihm so nahe verschwisterte Schwangerschaft bleibt rein und unschuldig, ja, wird gewissermaßen ehrwürdig.
Der Coitus ist hauptsächlich die Sache des Mannes; die Schwangerschaft ganz allein des Weibes. Vom Vater erhält das Kind den Willen, den Charakter; von der Mutter den Intellekt. Dieser ist das erlösende Prinzip; der Wille das bindende. Das Anzeichen des steten Daseins des Willens zum Leben in der Zeit, trotz aller Steigerung der Beleuchtung durch den Intellekt, ist der Coitus: das Anzeichen des diesem Willen aufs neue zugesellten, die Möglichkeit der Erlösung offen haltenden Lichtes der Erkenntnis, und zwar im höchsten Grade der Klarheit, ist die erneuerte Menschwerdung des Willens zum Leben. Das Zeichen dieser ist die Schwangerschaft, welche daher frank und frei, ja, stolz einhergeht, während der Coitus sich verkriecht, wie ein Verbrecher.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

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Wenn wir irgend ein Naturwesen, z. B. ein Tier, in seinem Dasein, Leben und Wirken anschauen und betrachten; so steht es, trotz allem, was Zoologie und Zootomie darüber lehren, als ein unergründliches Geheimnis vor uns. Aber sollte denn die Natur, aus bloßer Verstocktheit, ewig vor unsrer Frage verstummen? Ist sie nicht, wie alles Große, offen, mitteilend und sogar naiv? Kann daher ihre Antwort je aus einem andern Grunde fehlen, als weil die Frage verfehlt war, schief war, von falschen Voraussetzungen ausging, oder gar einen Widerspruch herbergte? Denn, läßt es sich wohl denken, daß es einen Zusammenhang von Gründen und Folgen da geben könne, wo er ewig und wesentlich unentdeckt bleiben muß? - Gewiß, das alles nicht. Sondern das Unergründliche ist es darum, weil wir nach Gründen und Folgen forschen auf einem Gebiete, dem diese Form fremd ist, und wir also der Kette der Gründe und Folgen auf einer ganz falschen Fährte nachgehn. Wir suchen nämlich das innere Wesen der Natur, welches aus jeder Erscheinung uns entgegentritt, am Leitfaden des Satzes vom Grunde zu erreichen; - während doch dieser die bloße Form ist, mit der unser Intellekt die Erscheinung, d. i. die Oberfläche der Dinge, auffaßt: wir aber wollen damit über die Erscheinung hinaus. Denn innerhalb dieser ist er brauchbar und ausreichend. Da läßt z. B. das Dasein eines gegebenen Tieres sich erklären, - aus seiner Zeugung. Diese nämlich ist im Grunde nicht geheimnisvoller, als der Erfolg jeder andern, sogar der einfachsten Wirkung aus ihrer Ursache; indem auch bei einem solchen die Erklärung zuletzt auf das Unbegreifliche stößt. Daß, bei der Zeugung, ein paar Mittelglieder des Zusammenhangs mehr uns fehlen, ändert nichts Wesentliches: denn, auch wenn wir sie hätten, ständen wir doch am Unbegreiflichen. Alles, weil die Erscheinung Erscheinung bleibt und nicht zum Dinge an sich wird. Das innere Wesen der Dinge ist dem Satz vom Grunde fremd. Es ist das Ding an sich, und das ist lauterer Wille. Der ist, weil er will, und will, weil er ist. Er ist in jedem Wesen das schlechthin Reale.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Die handgreifliche Thatsache der fossilen Muscheln, welche schon dem Eleaten Xenophanes bekannt war, und von ihm, im allgemeinen, auch richtig ausgelegt wurde, wird von Voltaire bestritten, geleugnet, ja für eine Chimäre erklärt. (Man sehe Brandis` Comment. Eleaticae. p. 50 und Voltaire. Dict. phil. art. coquille.) So groß nämlich war sein Widerwille irgend etwas gelten zu lassen, was zu einer Bestätigung der Mosaischen Berichte, in diesem Falle der Sintflut, auch nur verdreht werden könnte. Ein warnendes Beispiel, wie sehr uns der Eifer irre führen kann, wenn wir Partei ergriffen haben.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Das Leben läßt sich definieren als der Zustand eines Körpers, darin er, unter beständigem Wechsel der Materie, seine ihm wesentliche (substanzielle) Form allezeit behält. --- Wollte man mir einwenden, daß auch ein Wasserstrudel, oder Wasserfall, seine Form, unter stetem Wechsel der Materie, behält; so wäre zu antworten, daß bei diesen die Form durchaus nicht wesentlich, sondern, allgemeine Naturgesetze befolgend, durch und durch zufällig ist, indem sie von äußern Umständen abhängt, durch deren Veränderung man auch die Form beliebig ändern kann, ohne dadurch das Wesentliche anzutasten.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Physikalische Wahrheiten können viel äußere Bedeutsamkeit haben; aber die Innere fehlt ihnen. Diese ist das Vorrecht der intellektuellen und moralischen Wahrheiten, als welche die höchsten Stufen der Objektivation des Willens zum Thema haben; während jene die niedrigsten. Z.B. wenn wir Gewißheit darüber erlangten, daß, wie man jetzt nur mutmaßt, die Sonne am Aequator Thermoelektrizität, diese den Magnetismus der Erde und dieser das Polarlicht verursacht; so wären diese Wahrheiten von vieler äußeren Bedeutsamkeit; an innerer aber arm. Beispiele von dieser letzteren hingegen liefern nicht nur alle hohen und wahren geistigen Philosopheme, sondern auch die Katastrophe jedes guten Trauerspiels, ja, auch die Beobachtung des menschlichen Handelns in den extremen Aeußerungen der Moralität und Immoralität desselben, also der Bosheit und Güte: denn in allem diesen tritt das Wesen hervor, dessen Erscheinung die Welt ist, und legt, auf der höchsten Stufe seiner Objektivation, sein Inneres zu Tage.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Man würde den lebenden tierischen Organismus ansehn können als eine Maschine ohne primum mobile, eine Reihe von Bewegungen ohne Anfang, eine Kette von Wirkungen und Ursachen, deren keine die erste wäre; wenn das Leben seinen Gang ginge, ohne an die Außenwelt anzuknüpfen. Aber dieser Anknüpfungspunkt ist der Atmungsprozeß; er ist das nächste und wesentlichste Verbindungsglied mit der Außenwelt und gibt den ersten Anstoß. Daher muß die Bewegung des Lebens als von ihm ausgehend und er als das erste Glied der Kausalkette gedacht werden. Demnach tritt als erster Impuls, also als erste äußere Ursach des Lebens, ein wenig Luft auf, welche, eindringend und oxydierend, fernere Prozesse einleitet und so das Leben zur Folge hat. Was nun aber dieser äußern Ursache von innen entgegenkommt, gibt sich kund als heftiges Verlangen, ja, unaufhaltsamer Drang, zu atmen, also unmittelbar als Wille. --- Die zweite äußere Ursach des Lebens ist die Nahrung. Auch sie wirkt anfangs von außen, als Motiv, doch nicht so dringend und ohne Aufschub zu gestatten, wie die Luft: erst im Magen fängt ihre physiologische kausale Wirksamkeit an. - Liebig hat das Budget der organischen Natur nachgerechnet und die Bilanz ihrer Ausgaben und Einnahmen gezogen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Wenn man, so im täglichen Umgange, von einem der vielen Leute, die alles wissen möchten, aber nichts lernen wollen, über die Fortdauer nach dem Tode befragt wird, ist wohl die passendste, auch zunächst richtigste Antwort: "Nach deinem Tode wirst du sein, was du vor deiner Geburt warst." Denn sie impliziert die Verkehrtheit der Forderung, daß die Art von Existenz, welche einen Anfang hat, ohne Ende sein solle; zudem aber enthält sie die Andeutung, daß es wohl zweierlei Existenz und, dementsprechend, zweierlei Nichts geben möge. - Imgleichen jedoch könnte man antworten: "Was immer du nach deinem Tode sein wirst, - und wäre es nichts, - wird dir alsdann ebenso natürlich und angemessen sein, wie es dir jetzt dein individuelles, organisches Dasein ist: also hättest du höchstens den Augenblick des Uebergangs zu fürchten. Ja, da eine reifliche Erwägung der Sache das Resultat ergibt, daß einem Dasein, wie das unsrige, das gänzliche Nichtsein vorzuziehn sein würde; so kann der Gedanke des Aufhörens unsrer Existenz, oder einer Zeit, da wir nicht mehr wären, uns vernünftigerweise so wenig betrüben, wie der Gedanke, daß wir nie geworden wären. Da nun dieses Dasein wesentlich ein persönliches ist, so ist demnach auch das Ende der Persönlichkeit nicht als ein Verlust anzusehn."
Dem hingegen, der, auf dem objektiven und empirischen Wege, dem plausibeln Faden des Materialismus nachgegangen wäre und nun voll Schrecken über die gänzliche Vernichtung durch den Tod, die ihm da entgegenstarrte, sich an uns wendet, würden wir vielleicht auf die kürzeste und seiner empirischen Auffassung entsprechende Weise Beruhigung verschaffen, wenn wir ihm den Unterschied zwischen der Materie und der temporär sie in Besitz nehmenden stets metaphysischen Kraft augenfällig nachwiesen, z. B. am Vogelei, dessen so homogene, gestaltlose Flüssigkeit, sobald nur die gehörige Temperatur hinzutritt, die so komplizierte und genau bestimmte Gestalt der Gattung und Art seines Vogels annimmt. Gewissermaßen ist dies doch eine Art generatio aequivoca: und höchst wahrscheinlich ist dadurch, daß sie einst in der Urzeit und zur glücklichen Stunde, vom Typus des Tieres, welchem das Ei angehörte, zu einem höhern übersprang, die aufsteigende Reihe der Tierformen entstanden. Jedenfalls tritt hier am augenscheinlichsten ein von der Materie Verschiedenes hervor, zumal da es, beim geringsten ungünstigen Umstande, ausbleibt. Dadurch wird fühlbar, daß es, nach vollbrachtem, oder später behindertem Wirken, auch ebenso unversehrt von ihr weichen kann; welches denn auf eine ganz anderartige Permanenz hindeutet, als das Beharren der Materie in der Zeit ist.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 

Wenn wir uns ein Wesen denken, welches alles erkennte, verstände und übersähe; so würde die Frage, ob wir nach dem Tode fortdauern, für dasselbe wahrscheinlich gar keinen Sinn haben: weil über unser jetziges zeitliches, individuelles Dasein hinaus Fortdauern und Aufhören keine Bedeutung mehr hätten und ununterscheidbare Begriffe wären; wonach auf unser eigentliches und wahres Wesen, oder das in unsrer Erscheinung sich darstellende Ding an sich, weder der Begriff des Untergangs, noch der der Fortdauer Anwendung fände, da diese aus der Zeit entlehnt sind, welche bloß die Form der Erscheinung ist*). - Wir inzwischen können die Unzerstörbarkeit jenes Kerns unsrer Erscheinung uns nur als eine Fortdauer desselben denken und zwar eigentlich nach dem Schema der Materie, als welche,
unter allen Veränderungen der Formen, in der Zeit beharrt. - Wird nun demselben diese Fortdauer abgesprochen; so sehn wir unser zeitliches Ende an als eine Vernichtung, nach dem Schema der Form, welche verschwindet, wann ihr die sie tragende Materie entzogen wird. Beides ist jedoch eine nämlich ein Uebertragen der Formen der Erscheinung auf das Ding an sich. Von einer Unzerstörbarkeit aber, die keine Fortdauer wäre, können wir kaum uns auch nur einen abstrakten Begriff bilden; weil uns alle Anschauung, ihn zu belegen, mangelt.
In Wahrheit aber ist das beständige Entstehn neuer Wesen und Zunichtewerden der vorhandenen anzusehn als eine Illusion, hervorgebracht durch den Apparat zweier geschliffener Gläser (Gehirnfunktionen), durch die allein wir etwas sehn können; sie heißen Raum und Zeit, und in ihrer Wechseldurchdringung Kausalität**). Denn alles, was wir unter diesen Bedingungen wahrnehmen, ist bloße Erscheinung; nicht aber erkennen wir die Dinge, wie sie an sich selbst, d. h. unabhängig von unserer Wahrnehmung sein mögen. Dies ist eigentlich der Kern der Kantischen Philosophie; an welche und ihren Inhalt man nicht zu oft erinnern kann, nach einer Periode, wo feile Charlatanerie, durch ihren Verdummungsprozeß, die Philosophie aus Deutschland vertrieben hatte, unter williger Beihilfe der Leute, denen Wahrheit und Geist die gleichgültigsten Dinge auf der Welt sind, hingegen Gehalt und Honorar die wichtigsten.
*) Vermöge der Erkenntnisform der Zeit stellt der Mensch (d. i. die Bejahung des Willens zum Leben auf ihrer höchsten Objektivationsstufe) sich dar als ein Geschlecht stets von neuem geborener und dann sterbender Menschen.
**) Dasjenige Dasein, welches beim Tode des Individuums unbeteiligt bleibt, hat nicht Zeit und Raum zur Form: alles für uns Reale erscheint aber in diesen: daher also stellt der Tod sich uns als Vernichtung dar.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860



Wenn man, soweit es annäherungsweise möglich ist, die Summe von Not, Schmerz und Leiden jeder Art sich vorstellt, welche die Sonne in ihrem Laufe bescheint; so wird man einräumen, daß es viel besser wäre, wenn sie auf der Erde so wenig, wie auf dem Monde, hätte das Phänomen des Lebens hervorrufen können, sondern, wie auf diesem, so auch auf jener die Oberfläche sich noch im kristallinischen Zustande befände. -
Man kann auch unser Leben auffassen als eine unnützerweise störende Episode in der seligen Ruhe des Nichts. Jedenfalls wird selbst der, dem es darin erträglicher ergangen, je länger er lebt, desto deutlicher inne, daß es im ganzen a disappointment, nay, a cheat ist, oder deutsch zu reden, den Charakter einer großen Mystifikation, nicht zu sagen einer Prellerei, trägt. Wenn zwei Jugendfreunde, nach der Trennung eines ganzen Menschenalters, sich als Greise wiedersehn; so ist das vorherrschende Gefühl, welches ihr eigener Anblick, weil an ihn sich die Erinnerung früherer Zeit knüpft, gegenseitig erregt, das des gänzlichen Disappointment über das ganze Leben, als welches ehemals im rosigen Morgenlichte der Jugend so schön vor ihnen lag, so viel versprach und so wenig gehalten hat. Dies Gefühl herrscht bei ihrem Wiedersehn so entschieden vor, daß sie gar nicht einmal nötig erachten, es mit Worten auszudrücken, sondern es gegenseitig stillschweigend voraussetzend, auf dieser Grundlage weiter sprechen. -
Wer zwei oder gar drei Generationen des Menschengeschlechts erlebt, dem wird zu Mute, wie dem Zuschauer der Vorstellungen der Gaukler aller Art in Buden, während der Messe, wenn er sitzen bleibt und eine solche Vorstellung zwei oder dreimal hintereinander wiederholen sieht: die Sachen waren nämlich nur auf eine Vorstellung berechnet, machen daher keine Wirkung mehr, nachdem die Täuschung und die Neuheit verschwunden ist. ---
Man möchte toll werden, wenn man die überschwenglichen Anstalten betrachtet, die zahllosen flammenden Fixsterne im unendlichen Raum, die nichts weiter zu thun haben, als Welten zu beleuchten, die der Schauplatz der Not und des Jammers sind und im glücklichsten Fall nichts abwerfen, als Langeweile; --- wenigstens nach dem uns bekannten Probestück zu urteilen. ---
Sehr zu beneiden ist niemand, sehr zu beklagen unzählige. ---
Das Leben ist ein Pensum zum Abarbeiten: in diesem Sinne ist defunctus ein schöner Ausdruck. ---
Man denke sich einmal, daß der Zeugungsakt weder ein Bedürfnis, noch von Wollust begleitet, sondern eine Sache der reinen vernünftigen Ueberlegung wäre: könnte wohl dann das Menschengeschlecht noch bestehn? würde nicht vielmehr jeder so viel Mitleid mit der kommenden Generation gehabt haben, daß er ihr die Last des Daseins lieber erspart, oder wenigstens es nicht hätte auf sich nehmen mögen, sie kaltblütig ihr aufzulegen? ---
Die Welt ist eben die Hölle, und die Menschen sind einerseits die gequälten Seelen und andrerseits die Teufel darin ---
Da werde ich wohl wieder vernehmen müssen, meine Philosophie sei trostlos; - eben nur weil ich nach der Wahrheit rede, die Leute aber hören wollen, Gott der Herr habe alles wohlgemacht. Geht in die Kirche und laßt die Philosophen in Ruhe. Wenigstens verlangt nicht, daß sie ihre Lehren eurer Abrichtung gemäß einrichten sollen: das thun die Lumpe, die Philosophasten: bei denen könnt ihr euch Lehren nach Belieben bestellen. Dem obligaten Optimismus der Philosophieprofessoren das Konzept zu verrücken ist so leicht, wie angenehm. -
Brahma bringt durch eine Art Sündenfall, oder Verirrung, die Welt hervor, bleibt aber dafür selbst darin, es abzubüßen, bis er sich daraus erlöst hat. - Sehr gut! - Im Buddhaismus entsteht sie infolge einer, nach langer Ruhe eintretenden, unerklärlichen Trübung in der Himmelsklarheit des, durch Buße erlangten, seligen Zustandes Nirwana, also durch eine Art Fatalität, die aber doch im Grunde moralisch zu verstehn ist; wiewohl die Sache sogar im Physischen, durch das unerklärliche Entstehn so eines Urweltnebelstreifs, aus dem eine Sonne wird, ein genau entsprechendes Bild und Analogon hat. Danach aber wird sie, infolge moralischer Fehltritte, auch physisch gradweise schlechter und immer schlechter, bis sie gegenwärtige traurige Gestalt angenommen hat. - Vortrefflich! - Den Griechen waren Welt und Götter das Werk einer unergründlichen Notwendigkeit: --- das ist erträglich, sofern es uns einstweilen zufrieden stellt. - Ormuzd lebt im Kampfe mit Ahriman: - das läßt sich hören. - Aber so ein Gott Jehovah, der animi causa und de gaietè de coeur diese Welt der Not und des Jammers hervorbringt und dann noch gar sich selber Beifall klatscht, mit --- das ist nicht zu ertragen. Sehn wir also in dieser Hinsicht die Judenreligion den niedrigsten Rang unter den Glaubenslehren zivilisierter Völker einnehmen, so stimmt dies ganz zu dem, daß sie auch die einzige ist, die durchaus keine Unsterblichkeitslehre, noch irgend eine Spur davon hat. (S. den 8. Band dieser Gesamtausgabe S. 134 ff.)
Wenn auch die Leibnizische Demonstration, daß unter den möglichen Welten diese immer noch die beste sei, richtig wäre; so gäbe sie doch noch keine Theodicee. Denn der Schöpfer hat ja nicht bloß die Welt, sondern auch die Möglichkeit selbst geschaffen: er hätte demnach diese darauf einrichten sollen, daß sie eine bessere Welt zuließe.
Ueberhaupt aber schreiet gegen eine solche Ansicht der Welt als des gelungenen Werkes eines allweisen, allgütigen und dabei allmächtigen Wesens, zu laut einerseits das Elend, dessen sie voll ist, und andrerseits die augenfällige Unvollkommenheit und selbst burleske Verzerrung der vollendetesten ihrer Erscheinungen, der menschlichen. Hier liegt eine nicht aufzulösende Dissonanz. Hingegen werden eben jene Instanzen zu unsrer Rede stimmen und als Belege derselben dienen, wenn wir die Welt auffassen als das Werk unserer eigenen Schuld, mithin als etwas, das besser nicht wäre. Während dieselben, unter jener ersten Annahme, zu einer bittern Anklage gegen den Schöpfer werden und zu Sarkasmen Stoff geben, treten sie, unter der andern, als eine Anklage unsers eigenen Wesens und Willens auf, geeignet uns zu demütigen. Denn sie leiten uns zu der Einsicht hin, daß wir, wie die Kinder liederlicher Väter, schon verschuldet auf die Welt gekommen sind und daß nur, weil wir fortwährend diese Schuld abzuverdienen haben, unser Dasein so elend ausfällt und den Tod zum Finale hat. Nichts ist gewisser, als daß, allgemein ausgesprochen, die schwere Sünde der Welt es ist, welche das viele und große Leiden der Welt herbeiführt; wobei hier nicht der physisch empirische, sondern der metaphysische Zusammenhang gemeint ist. Dieser Ansicht gemäß ist es allein die Geschichte vom Sündenfall, die mich mit dem Alten Testament aussöhnt: sogar ist sie in meinen Augen die einzige metaphysische, wenn auch im Gewande der Allegorie auftretende Wahrheit in demselben. Denn nichts anderm sieht unser Dasein so völlig ähnlich, wie der Folge eines Fehltritts und eines strafbaren Gelüstens. Ich kann mich nicht entbrechen, dem denkenden Leser eine populäre, aber überaus innige Betrachtung über diesen Gegenstand von Claudius zu empfehlen, welche den wesentlich pessimistischen Geist des Christentums an den Tag legt: sie steht, unter dem Titel "Verflucht sei der Acker um deinetwillen", im 4. Teile des Wandsbecker Boten.
Um allezeit einen sichern Kompaß, zur Orientierung im Leben, bei der Hand zu haben, und um dasselbe, ohne je irre zu werden, stets im richtigen Lichte zu erblicken, ist nichts tauglicher, als daß man sich angewöhne, diese Welt zu betrachten als einen Ort der Buße, also gleichsam als eine Strafanstalt, a penal colony, - ein wie schon die ältesten Philosophen sie nannten (Clem. Alex. Strom. l. lIl, e. 3, p. 399) und unter den christlichen Vätern Origenes es mit lobenswerter Kühnheit aussprach (Augustin. De civit. Dei, l. XI, e. 23); - welche Ansicht derselben auch ihre theoretische und objektive Rechtfertigung findet, nicht bloß in meiner Philosophie, sondern in der Weisheit aller Zeiten, nämlich im Brahmanismus, im Buddhaismus *), beim Empedokles und Pythagoras; wie denn auch Cicero (Fragmenta de philosophia; vol. 12. p. 316 ed. Bip.) anführt, daß von alten Weisen und bei der Einweihung in die Mysterien gelehrt wurde, nos ob aliqua scelera suscepta in vita superiore, poenarum luendarum causa natos esse. Am stärksten drückt es Vanini aus, den es leichter war zu verbrennen, als zu widerlegen, indem er sagt: Tot, tantisque homo repletus miseriis, ut si christianae religioni non repugnaret, dicerc auderem: si daemones dantur, ipsi, in hominum corpora transmigrantes, sceleris poenas luunt. (De admirandis naturae arcanis, dial. L, p. 353.) Aber selbst im echten und wohlverstandenen Christentum wird unser Dasein aufgefaßt als die Folge einer Schuld, eines Fehltritts. Hat man jene Gewohnheit angenommen; so wird man seine Erwartungen vom Leben so stellen, wie sie der Sache angemessen sind, und demnach die Widerwärtigkeiten, Leiden, Plagen und Not desselben, im großen und im kleinen, nicht mehr als etwas Regelwidriges und Unerwartetes ansehn, sondern ganz in der Ordnung finden, wohl wissend, daß hier jeder für sein Dasein gestraft wird, und zwar jeder auf seine Weise. Zu den Uebeln einer Strafanstalt gehört denn auch die Gesellschaft, welche man daselbst antrifft. Wie es um diese hieselbst stehe, wird wer irgendwie einer bessern würdig wäre auch ohne mein Sagen wissen. Der schönen Seele nun gar, wie auch dem Genie, mag bisweilen darin zu Mute sein, wie einem edlen Staatsgefangenen, auf der Galeere, unter gemeinen Verbrechern; daher sie, wie dieser, suchen werden, sich zu isolieren. Ueberhaupt jedoch wird die besagte Auffassung uns befähigen, die sogenannten Unvollkommenheiten, d. h. die moralisch und intellektuell und dem entsprechend auch physiognomisch nichtswürdige Beschaffenheit der meisten Menschen, ohne Befremden, geschweige mit Entrüstung, zu betrachten: denn wir werden stets im Sinne behalten, wo wir sind, folglich jeden ansehn zunächst als ein Wesen, welches nur infolge seiner Sündhaftigkeit existiert, dessen Leben die Abbüßung der Schuld seiner Geburt ist. Diese macht eben das aus, was das Christentum die sündige Natur des Menschen nennt: sie also ist die Grundlage der Wesen, welchen man in dieser Welt als seinesgleichen begegnet; wozu noch kommt, daß sie, infolge der Beschaffenheit dieser Welt, sich meistenteils, mehr oder weniger, in einem Zustande des Leidens und der Unzufriedenheit befinden, der nicht geeignet ist, sie teilnehmender und liebreicher zu machen, und endlich noch, daß ihr Intellekt, in den allermeisten Fällen, ein solcher ist, wie er zum Dienste seines Willens knapp ausreicht. Danach also haben wir unsere Ansprüche auf die Gesellschaft in dieser Welt zu regeln. Wer diesen Gesichtspunkt festhält, könnte den Trieb zur Geselligkeit eine verderbliche Neigung nennen.
In der That ist die Ueberzeugung, daß die Welt, also auch der Mensch, etwas ist, das eigentlich nicht sein sollte, geeignet, uns mit Nachsicht gegeneinander zu erfüllen: denn was kann man von Wesen unter solchem Prädikament erwarten? - Ja, von diesem Gesichtspunkt aus könnte man auf den Gedanken kommen, daß die eigentlich passende Anrede zwischen Mensch und Mensch, statt Monsieur, Sir, u.s.w., sein möchte "Leidensgefährte, Soci malorum, compagnon de misères, my fellow-sufferer". So seltsam dies klingen mag; so entspricht es doch der Sache, wirft auf den Andern das richtigste Licht und erinnert an das Nötigste, an die Toleranz, Geduld, Schonung und Nächstenliebe, deren jeder bedarf und die daher auch jeder schuldig ist.
*) Zur Geduld im Leben und dem gelassenen Ertragen der Uebel und der Menschen kann nichts tauglicher sein als eine buddhaistische Erinnerung dieser Art: "Dies ist Sansara: die Welt des Gelüstes und Verlangens, und daher die Welt der Geburt, der Krankheit, des Alterns und Sterbens: es ist die Welt, welche nicht sein sollte. Und dies hier ist die Bevölkerung der Sansara. Was also könnt ihr Besseres erwarten?" Ich möchte vorschreiben, daß jeder sich dies täglich viermal mit Bewußtsein der Sache wiederholte.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Ungerechte, oder boshafte Handlungen sind, in Hinsicht auf den, der sie ausübt, Anzeichen der Stärke seiner Bejahung des Willens zum Leben und demnach der Ferne, in der von ihm noch das wahre Heil, die Verneinung desselben, mithin die Erlösung von der Welt liegt, sonach auch der langen Schule der Erkenntnis und des Leidens, die er noch durchzumachen hat, bis er dahin gelangt. - In Hinsicht aber auf den, der durch jene Handlung zu leiden hat, sind sie zwar physisch ein Uebel, hingegen metaphysisch ein Gut und im Grunde eine Wohlthat, da sie beitragen, ihn seinem wahren Heile entgegenzuführen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Wenn, wie ich gesagt habe, jedes Menschenleben, im ganzen überblickt, die Eigenschaften eines Trauerspiels zeigt und wir sehn, daß das Leben in der Regel nichts anderes ist als eine Reihe fehlgeschlagener Hoffnungen, vereitelter Entwürfe und zu spät erkannter Irrtümer, und an ihm der traurige Vers seine Wahrheit behauptet:
till grief and old age, hand in hand,
Lead him to death and make him understand,
After a course so painful and so long,
That all his life he has been in the wrong
--- so stimmt dies ganz und gar mit meiner Weltansicht überein, welche das Dasein selbst betrachtet als etwas, das besser nicht wäre, als eine Art Verirrung, von der die Erkenntnis desselben uns zurückbringen soll. Der Mensch, is in the wrong schon im allgemeinen, sofern er da ist und Mensch ist: folglich ist es ganz dem entsprechend, daß auch jeder individuelle Mensch, sein Leben überblickend, sich durchgängig in the wrong findet: daß er es im allgemeinen einsehe, ist seine Erlösung, und dazu muß er damit anfangen, es im einzelnen Fall, d. i. in seinem individuellen Lebenslauf zu erkennen. Denn quidquid valet de genere. valet et de specie. ---
Das Leben ist durchaus anzusehn als eine strenge Lektion, die uns erteilt wird, wenngleich wir, mit unsern auf ganz andere Zwecke angelegten Denkformen, nicht verstehn können, wie wir haben dazu kommen können, ihrer zu bedürfen. Demgemäß aber sollen wir auf unsere hingeschiedenen Freunde zurücksehn mit Befriedigung, erwägend, daß sie ihre Lektion überstanden haben, und mit dem herzlichen Wunsch, daß sie angeschlagen habe; und vom selben Gesichtspunkt aus sollen wir unserm eigenen Tode entgegensehn, als einer erwünschten und erfreulichen Begebenheit; - statt, wie meistens geschieht, mit Zagen und Grausen. ---
Ein glückliches Leben ist unmöglich: das Höchste, was der Mensch erlangen kann, ist ein heroischer Lebenslauf. Einen solchen führt der, welcher, in irgend einer Art und Angelegenheit, für das Allen irgendwie zu gute Kommende, mit übergroßen Schwierigkeiten kämpft und am Ende siegt, dabei aber schlecht oder gar nicht belohnt wird. Dann bleibt er, am Schluß, wie der Prinz im Re corvo des Gozzi, versteinert, aber in edler Stellung und mit großmütiger Gebärde stehn*). Sein Andenken bleibt und wird als das eines Heros gefeiert; sein Wille, durch Mühe und Arbeit, schlechten Erfolg und Undank der Welt, ein ganzes Leben hindurch, mortifiziert, erlischt in der Nirwana. (Carlyle hat in diesem Sinn geschrieben Hero worship.)
*) On meurt les armes à la main.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860


Ein edler Charakter wird nicht leicht über sein eigenes Schicksal klagen; vielmehr wird von ihm gelten, was Hamlet dem Horatio nachrühmt:
for thou hast been
As one, in suffering all, that suffers nothing.
(Denn du bist, während du alles zu leiden hattest, gewesen wie einer, dem nichts widerfuhr.)
Und dies ist daraus zu verstehn, daß ein solcher, sein eigenes Wesen auch in Andern erkennend und daher an ihrem Schicksale teilnehmend, rings um sich, fast immer, noch härtere Lose als sein eigenes erblickt; weshalb er zu einer Klage über dieses nicht kommen kann. Hingegen wird ein unedler Egoist, der alle Realität auf sich selbst beschränkt und die Andern als bloße Larven und Phantasmen ansieht, am Schicksal dieser keinen Teil nehmen, sondern seinem eigenen seine ganze Teilnahme zuwenden; wovon denn große Empfindlichkeit und häufige Klagen die Folge sind.
Eben jenes Sichwiedererkennen in der fremden Erscheinung, aus welchen, wie ich oft nachgewiesen habe, zunächst Gerechtigkeit und Menschenliebe hervorgehn, führt endlich zum Aufgeben des Willens; weil die Erscheinungen, in denen dieser sich darstellt, so entschieden im Zustande des Leidens sich befinden, daß wer sein Selbst auf sie alle ausdehnt es nicht ferner wollen kann; - eben wie einer, der alle Lose der Lotterie nimmt, notwendig großen Verlust erleiden muß. Die Bejahung des Willens setzt Beschränkung des Selbstbewußtseins auf das eigene Individuum voraus und baut auf die Möglichkeit eines günstigen Lebenslaufes aus der Hand des Zufalls.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Man hat die Frage aufgeworfen, was zwei Menschen, die in der Wildnis, jeder ganz einsam, aufgewachsen wären und sich zum erstenmale begegneten, thun würden: Hobbes, Pufendorf, Rousseau haben sie entgegengesetzt beantwortet. Pufendorf glaubte, sie würden sich liebevoll entgegenkommen; Hobbes hingegen, feindlich; Rousseau, sich schweigend vorübergehn. Alle drei haben recht und unrecht: gerade da würde sich die unermeßliche Verschiedenheit angeborener moralischer Disposition der Individuen in so hellem Lichte zeigen, daß hier gleichsam der Maßstab und Gradmesser derselben wäre. Denn Menschen gibt es, in denen der Anblick des Menschen sogleich ein feindliches Gefühl aufregt, indem ihr Innerstes den Ausspruch thut: "Nicht-Ich" --- Und andere gibt es, bei welchen jener Anblick sogleich freundliche Teilnahme erregt; ihr Inneres sagt: "Ich noch einmal!" - Dazwischen liegen unzählige Grade. - Aber daß wir in diesem Hauptpunkt so grundverschieden sind, ist ein großes Problem, ja ein Mysterium. Ueber diese Apriorität des moralischen Charakters gibt zu mannigfaltigen Betrachtungen Stoff des Dänen Bastholm Buch: "Historische Nachrichten zur Kenntnis des Menschen im rohen Zustande." Ihm selbst fällt auf, daß Geisteskultur und moralische Güte der Nationen sich als ganz unabhängig voneinander erweisen, indem die eine oft ohne die andere sich vorfindet. Wir werden dies daraus erklären, daß die moralische Güte keineswegs aus der Reflexion entspringt, deren Ausbildung von der Geisteskultur abhängt; sondern geradezu aus dem Willen selbst, dessen Beschaffenheit angeboren ist und der an sich selbst keiner Verbesserung durch Bildung fähig ist. Bastholm schildert nun die meisten Nationen als sehr lasterhaft und schlecht: hingegen hat er von einzelnen wilden Völkern die vortrefflichsten allgemeinen Charakterzüge mitzuteilen: so von den Orotchysen, den Bewohnern der Insel Sawu, den Tungusen und den Pelew-Insulanern. Da versucht er, das Problem zu lösen, woher es komme, daß einzelne Völkerschaften so ausgezeichnet gut sind, unter lauter bösen Nachbarn. Mir scheint, es könne daraus erklärt werden, daß, da die moralischen Eigenschaften vom Vater erblich sind, in obigen Fällen eine solche isolierte Völkerschaft aus einer Familie entstanden, mithin demselben Ahnherrn, der gerade ein guter Mann war, entsprossen ist und sich unvermischt erhalten hat. Haben doch auch, bei mancherlei unangenehmen Anlassen, wie Staatsschulden-Repudiationen, Raubzügen u. s. w., die Engländer den Nordamerikanern ins Gedächtnis gerufen, daß sie von einer englischen Verbrecherkolonie abstammen; --- wiewohl dies nur von einem geringen Teil derselben gelten kann.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Im Reiche der Wirklichkeit, so schön, glücklich und anmutig sie auch ausgefallen sein mag, bewegen wir uns doch stets nur unter dem Einfluß der Schwere, welche unaufhörlich zu überwinden ist: hingegen sind wir, im Reiche der Gedanken, unkörperliche Geister, ohne Schwere und ohne Not. Daher kommt kein Glück auf Erden dem gleich, welches ein schöner und fruchtbarer Geist, zur glücklichen Stunde, in sich selbst findet.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Der Mythos von der Seelenwanderung ist so sehr der gehaltreichste, bedeutendeste, der philosophischen Wahrheit am nächsten stehende, von allen Mythen, die je ersonnen worden, daß ich ihn für das non plus ultra der mythischen Darstellung halte. Daher auch haben ihn Pythagoras und Platon verehrt und angewandt: und das Volk, bei welchem er als Volksglaube allgemein herrscht und auf das Leben entschiedenen Einfluß hat, ist eben deshalb als das mündigste anzusehn, wie es auch das älteste ist.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 

 

 
 
Arthur Schopenhauer über sich selbst.


Unter meinen Händen und vielmehr in meinem Geiste erwächst ein Werk, eine Philosophie, die Ethik und Metaphysik in einem sein soll, da man sie bisher trennte, so fälschlich als den Menschen in Seele und Körper.
Das Werk wächst, konkreseiert allmählich und langsam, wie das Kind im Mutterleibe: ich weiß nicht,was zuerst und was zuletzt entstanden ist, wie beim Kind im Mutterleibe.
Ich werde ein Glied, ein Gefäß, einen Teil nach dem andern gewahr, d. h. ich schreibe auf, unbekümmert, wie es zum Ganzen passen wird: denn ich weiß, es ist alles aus einem Grund entsprungen.
So entsteht ein organisches Ganzes, und nur ein solches kann leben. Die da meinen, man dürfe nur irgendwo einen Faden anzetteln und dann weiter daran knüpfen, eines nach dem andern, in hübsch ordentlicher Reihe, und als höchste Vollendung aus einem magern Faden durch Winden und Weben einen Strumpf wirken -wie Fichte, (das Gleichnis gehört Jakobi), --- die irren.
Ich, der ich hier sitze, und den meine Freunde kennen, begreife das Entstehn des Werkes nicht, wie die Mutter nicht das des Kindes in ihrem Leibe begreift. Ich seh` es an und spreche, wie die Mutter: "Ich bin mit Frucht gesegnet."
Mein Geist nimmt Nahrung aus der Welt durch Verstand und Sinne, diese Nahrung gibt dem Werk einen Leib; doch weiß ich nicht, wie, noch warum bei mir und nicht bei andern, die dieselbe Nahrung haben.
Zufall, Beherrscher dieser Sinnenwelt! Laß mich leben und Ruhe haben noch wenige Jahre! denn ich liebe mein Werk, wie die Mutter ihr Kind: wenn es reif und geboren sein wird; dann übe dein Recht an mir und nimm Zinsen des Aufschubs.
.... Gehe ich aber früher unter in dieser eisernen Zeit, o so mögen diese unreifen Anfänge, diese meine Studien der Welt gegeben werden, wie sie sind und als was sie sind: dereinst erscheint vielleicht ein verwandter Geist, der die Glieder zusammenzusetzen versteht und die untiefe restauriert.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 

Ich stamme aus Danzig, wo ich am 22. Februar 1788 das Licht erblickte. Mein Vater war Heinrich Floris Schopenhauer, meine noch lebende, durch eine Reihe von Schriften bekannte Mutter ist eine geborene Johanna Henriette Trosiener. Wenig aber fehlte, so wäre ich Engländer geworden; denn erst da ihre Niederkunft schon nahe bevorstand, verließ meine Mutter England, um in die Heimat zurückzukehren. Mein vortrefflicher Vater war ein wohlhabender Kaufmann und Königlich polnischer Hofrat, obwohl er nie gestattete, daß man ihn so nannte. Er war ein gestrenger heftiger Mann, aber von tadelloser Unbescholtenheit, Rechtlichkeit und unverbrüchlicher Treue, dabei in Handelsgeschäften mit vorzüglicher Einsicht begabt. Wieviel ich ihm verdanke, vermag ich kaum in Worten auszudrücken: denn wenn auch die Laufbahn, die er mir zu eröffnen beschlossen hatte, in seinen Augen freilich die beste, meinem Geiste nicht angemessen war; daß ich frühzeitig in nützliche Kenntnisse eingeweiht wurde, daß mir dann die Freiheit, die Muße und alle Hilfsmittel zur Verfolgung des Ziels, für das allein ich geboren war, zur Gelehrten-Ausbildung nicht fehlten, daß mir endlich auch später, in reiferen Jahren, ohne mein Zutun Vorteile zuteil wurden, deren die wenigsten meiner Art und Anlage sich zu erfreuen gehabt haben, nämlich freie Zeit und eine vollkommen sorgenlose Existenz, kraft deren es mir gestattet war, eine Reihe von Jahren hindurch Studien, die in Hinsicht auf Gelderwerb die unfruchtbarsten sind, Untersuchungen und Meditationen der allerschwierigsten Gattung ausschließlich nachzuhängen und zuletzt, was ich erforscht und durchdacht, durch nichts abgezogen oder gestört, niederzuschreiben --- das alles danke ich einzig jenem Manne:
Denn kein Kaiser hat uns diese Muße bereitet.
Deshalb werde ich, solang ich lebe, diese unaussprechlichen Verdienste und Wohltaten des besten Vaters immer im Herzen bewahren und dessen Gedächtnis heilig halten.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 

Widmung an den Vater.
Den Manen meines Vaters, des Kaufmanns Heinrich Floris Schopenhauer.
Edler, vortrefflicher Geist, dem ich alles danke, was ich bin und was ich leiste. Deine waltende Vorsorge hat mich geschirmt und getragen, nicht bloß durch die hülflose Kindheit und unbedachtsame Jugend, sondern auch ins Mannesalter und bis auf den heutigen Tag. Denn, indem Du einen Sohn, wie ich bin, in die Welt setztest, sorgtest Du zugleich dafür, daß er auch als ein solcher in einer Welt, wie diese ist, bestehn und sich entwickeln konnte. Du warst auf den Fall bedacht, daß er nicht eben geeignet sein möchte, die Erde zu ackern, oder sonst durch ein mechanisches Gewerbe seine Kräfte zur Sicherung seiner Subsistenz zu verwenden, und scheinst vorher gesehen zu haben, das Dein Sohn, Du stolzer Republikaner, nicht das Talent würde haben können, wetteifernd mit mèdiocre et rampant, vor Ministern und Räten zu kriechen, um ein sauer abzuverdienendes Stück Brot erst niederträchtig zu erbetteln, oder der sich blähenden Mittelmäßigkeit zu schmeicheln und demütig sich dem lobpreisenden Gefolge scharlatanischer Pfuscher anzuschließen; daß er vielmehr als Dein Sohn auch mit Deinem verehrten Voltaire denken würde: nous n'avons que deux jours à vivre: il ne vaut pas la peine de les passer à ramper devant des coquins mèprisables.
Daher weihe ich Dir mein Werk, das nur unter dem Schatten Deines Schutzes entstehen konnte und insofern auch Dein Werk ist, und rufe Dir im Grabe den Dank nach, den ich einzig Dir und keinem andern schuldig bin:
Nam Caesar nullus nobis haec otia fecit.
Daß ich die Kräfte, die mir die Natur gab, ausbilden und zu dem verwenden konnte, wozu sie bestimmt waren, daß ich dem angebornen Triebe folgen und für Unzählige denken und arbeiten konnte, während keiner für mich etwas tat: das danke ich Dir, mein Vater, danke es Deiner Tätigkeit, Deiner Klugheit, Deiner Sparsamkeit und Sorgfalt für die Zukunft. Darum sei Du mir gepriesen, mein edler Vater! Und jeder, der an meinem Werk irgendeine Freude, Trost oder Belehrung findet, soll Deinen Namen vernehmen und wissen, daß, wenn Heinrich Floris Schopenhauer nicht der Mann gewesen wäre, der er war, Arthur Schopenhauer hundertmal zugrunde gegangen wäre.
Und so laß meine Dankbarkeit das einzige tun, was sie für Dich, der Du vollendet hast, vermag: laß sie Deinen Namen so weit bringen, als meiner ihn zu tragen imstande ist.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 

Erfüllt mit Indignation über die schändliche Verstümmelung der deutschen Sprache, welche, durch die Hände mehrerer Tausende schlechter Schriftsteller und urteilsloser Menschen, seit einer Reihe von Jahren, mit ebensoviel Eifer wie Unverstand, methodisch und con amore getrieben wird, sehe ich mich zu folgender Erklärung genötigt:
Meinen Fluch über Jeden, der, bei künftigen Drucken meiner Werke, irgend etwas daran wissentlich ändert, sei es eine Periode oder auch nur ein Wort, eine Silbe, ein Buchstabe, ein Interpunktionszeichen.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

University of Toronto - Robarts Library / Arthur Schopenhauer`s Werke


 
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
 

 

Finale

"Ermüdet steh' ich jetzt am Ziel der Bahn,
das matte Haupt kann kaum den Lorbeer tragen:
doch blick' ich froh auf das was ich gethan,
stets unbeirrt durch das, was Andere sagen."
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

 
 

 

Aus langgehegten, tiefgefühlten Schmerzen
Wand sich's empor aus meinem innern Herzen.
Es festzuhalten hab' ich lang' gerungen:
Doch weiß ich, daß zuletzt es mir gelungen.
Mögt euch drum immer wie ihr wollt gebärden:
Des Werkes Leben könnt ihr nicht gefährden.
Aufhalten könnt ihr`s, nimmermehr vernichten:
Ein Denkmal wird die Nachwelt mir errichten.
Arthur Schopenhauer 1788 - 1860

Bastelbogen

 
   
     
 
"Wissen Sie, was der diesjährige Sommer für mich bedeutet hat? Ununterbrochene Begeisterung für Schopenhauer und eine Reihe geistiger Genüsse, die ich niemals zuvor erfahren habe. [...] Ich weiß nicht, ob ich meine Meinung einmal ändern werde, jetzt jedenfalls bin ich überzeugt, dass Schopenhauer der genialste aller Menschen ist [...] Wenn ich ihn lese, ist mir unbegreiflich, weshalb sein Name unbekannt bleiben konnte. Es gibt höchstens eine Erklärung, eben jene, die er selber so oft wiederholt, nämlich dass es auf dieser Welt fast nur Idioten gibt."
- Lew Nikolajewitsch Tolstoi -

 

"Lieber Freund, ‚gut schreiben' berechtigt doch wahrhaftig nicht, eine Kritik des Schopenhauerschen Systems zu schreiben: im übrigen kannst Du Dir von dem Respekt, den ich vor diesem ‚Genius ersten Ranges' habe, gar keine Vorstellung machen, wenn Du mir die Fähigkeit zutraust, jenen besagten Riesen über den Haufen zu werfen."
- Friedrich Nietzsche -

 

"Schopenhauer hat jedenfalls die ernstliche Absicht deutlich zu sein, sonst wäre seine Schreibeweise nicht so bündig, wie sich's ein Mathematiker nur wünschen könnte. Zudem ist er, mein' ich, immer intereßant, obgleich er stets daßelbe Thema variirt; denn dieses Thema ist ja unser Fleisch und Blut"
- Wilhelm Busch -

 

"Schopenhauer hat die Menschheit mit dem Kainsmal seiner Verachtung gezeichnet…er hat das Ungeheuerlichste an Skeptizismus vollendet, das jemals unternommen worden ist. Er hat mit seinem Hohn alles durchpflügt und alles ausgehöhlt. Und heute noch leben im Geist selbst derer, die ihn schmähen, seine Gedanken fort."
- Guy de Maupassant -


"Er war ein tiefsinniger Mann, vielleicht der tiefsinnigste von allen. Er durchschaute das Elend des Lebens und die Nichtigkeit des Erdenlebens"
- August Strindberg -

 

"Die Werke Arthur Schopenhauers wären der Trost, und, vor allem anderen, die notwendige Gebrauchsanweisung für das Leben gewesen, welche ich mir in jungen Jahren des öfteren ersehnt hatte; in diesem ebenfalls, oder noch immer, elendig verlogenen, dumm dreisten Zeitalter hier in Europa, und der, durch dieses kolonialisierten, jetzt globalisierten Welt.
Doch das Schicksal hat sie mir erst kurz vor meinem fünfzigsten Lebensjahr zu lesen gegeben. Merkwürdig genug, da Schopenhauer und ich auch objektiv gesehen nicht allzu entfernt, also räumlich nur einige Kilometer, zeitlich nur wenige Generationen auseinander sind.
Meine externen Weisheitsquellen waren bis dahin und nun konfliktlos assimilierend / ergänzend, die nicht europäischen, besonders die Zen-Buddhistische und die der american Indian. Jedoch will ich hier auch nicht meine testudo hermanni Canha vorenthalten, denn sie ist meine relativ kleine, wenn auch subjektivere, trotzdem dann europäische und ganz besonders herzlich vertraute, Urquelle der Weisheit.
Somit kann Arthur Schopenhauer nicht mein Vorbild, eher ein vorzüglicher, verwandter Geist sein, und das ist, mir gewiß, auch in seinem Sinne bzw. Geiste, gut so.
Nun ist denn sein formidables Lebenswerk, neben, gemäß wegen meinem unbeschreiblich feinfühligen Naturell, die reine Freude bis sinngemäß die mich nun erfüllendste Aufgabe für den Rest meines Lebens; und angesichts der konzentrierten Fülle an Weisheit sowohl als auch Wahrheit, gleichsam eine willkommene Affirmation nach der anderen. Bestätigung für, wie im Grunde auch von meiner inneren Stimme, oder Intuition selbst, und der sinnlichste Zuspruch meines schon sehr früh erwählt einsamen Lebensweges und meines erwachten Bewußtseins, hinsichtlich des Anschauungsvermögens, welches seit längstmöglicher Zeit dieser bedachten, tonlosen Stimme, wie Schopenhauer damals seiner, voll und ganz vertraut, und demnach auch klar und deutlich versteht, schließlich folgt.
Ich gehöre damit wohl ebenfalls objektiv gesehen zu den glücklicheren Menschen, denn ich habe nicht nur die ausdrückliche, schriftliche Bekräftigung eines wahrlich großen Geistes, und dieser hat wiederum seine Bestätigung durch meine tief empfundene Dankbarkeit, vermöge "meiner" internen Weisheitsquelle, dieser "altmodischen" inneren Stimme welche von Zeit und Raum scheinbar unabhängig ist, sondern ich habe auch jenes erlösende Gefühl das mir, meinem durch die bislang erlebte Vorstellung hindurch auffallend gemäßigten Willen sei Dank, eine weitere Wiedergeburt als erkennendes Wesen in diesem Welttheater, oder treffender, Komödien-, gleichsam Trauerspiel, erspart bleibt; oder ich, bei heuriger Täuschung, dann zumindest wieder intuitiv die größtmögliche Ruhe und Einsamkeit suchen und lieben, wie allemal wünschenswert, dann auch den Namen Arthur Schopenhauer so früh als möglich orten, schließlich seine genialen, unverkennbaren Schriften lesen und verinnerlichen werde.
Ich (bzw. demzufolge er!) werde mir diese unabdingbare Ruhe und Einsamkeit notfalls erkaufen, dann aller Voraussicht nach auch tatsächlich mit meinem (seinem!) kindlichen Leben; je "fortgeschritten europäischer", luxuriöser, oberflächlicher, straßenreicher und demnach auswegloser, lauter, grauer, unnatürlicher, und mit Personen überfüllter, also kurz und bündig wie alternativ ausgedrückt: je ähnlicher die dann seiende Welt seit diesem industriellen, begonnen digitalen Zeitalter, desto früher im nächsten."
- Thorsten Wandt -

 

Der einzig erwähnenswerte Unterschied, zwischen dem aktuellen Europa, zwangsläufig einschließlich der Kolonialstaaten, eigentlich der gesamten globalisierten, speziell der ersten Welt, und dem europäischen Mittelalter, welches ja auch für diese häufig zum Aufgeklärtheitsvergleich, bis hin zum moralischen wie intellektuellen Fortschritts- und Überlegenheitsbeweis in Erinnerung, vielmehr in die Vorstellung gerufen wird, ist, daß das mittelalterliche Europa Arthur Schopenhauer`s Name bzw. Werke natürlich nicht kennen konnte, hingegen das jeweilige Neuzeitalter es schlicht nicht (wahr haben) wollte, es um scheinbar jeden Preis und mit aller Befehlsgewalt oder / und Borniertheit vermied. Schließlich ist in dieser Differenz, zumindest für mich, eine ganz offensichtliche, bemerkenswerte, lustige bis verhängnisvoll traurige, und mit dieser, meiner Erwähnung derselben, nun auch in weiteren Köpfen vielleicht fruchtende Analogie zu finden.
Aber so lange die Werke Arthur Schopenhauers weiterhin unbeachtet bleiben, ungelesen sind, seine präzisen, wahrhaftig erläuternden Worte das Bewußtsein in den einzelnen Köpfen der Menschenmasse nicht erreicht, die buchstäbliche Tiefe dieses Genies dem reifenden Verstand vorenthalten wird, so lange könnt ihr nur und müsst ihr wirklich glauben, daß die noble und "erleuchtete" Gegenwart, euer oberflächliches Leben, euer Selbst- und Weltbild haushoch über die gewähnt dunkelste Epoche, das vergangene finstere, nicht wiedergewünschte, gemein(t)e europäische Mittelalter erstrahlt; insofern nicht wirklich helle, da unwissend das sich der objektiv unbestreitbare Helligkeitsunterschied zwischen dem damaligen und dem heutigen Europa (impliziert der subjektiven "Helligkeitswahrnehmung" der jeweiligen Bürger), im großen und ganzen nur in Hinsicht auf das äußere, sichtbare, messbare, das damals nicht vorhandene, elektrische Licht bezieht; sonst nichts.
- Thorsten Wandt -

 


Canha (canh`a) ist der Oglala Sioux Name für Schildkröte

 

 

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